Die Familien Zehntausender Verschwundener leben weiterhin in Ungewissheit. (Bild: picture alliance / dpa / EFE / Christian Escobar Mora)
Nach fünf Jahrzehnten Bürgerkrieg scheint in Kolumbien die Chance auf Frieden größer denn je. Doch das Schicksal von rund 50.000 Verschleppten und Verschollenen steht einem Friedensabkommen zwischen Regierung und Guerilla nach wie vor im Weg.
Bogota. Der Verkehr tost. Schwarze Rußwolken. Dieselgestank. Der kalte Wind der Hochebene. Maria, klein, füllig, Mitte vierzig, skeptischer Blick, wartet unter einer grauen Betonbrücke an einer mehrspurigen Ausfallstraße. Maria wohnt in einem unverputzten Haus in einer staubigen Gasse neben einem Abwasserkanal. Sie setzt sich aufs Bett ihres kleinen Zimmers, zeigt das Foto eines jungen Mädchens mit halblangen dunklen Haaren. Dann beginnt Maria zu weinen. Es ist ihre verschwundene Tochter Diana.
""Ich will meine Tochter zurückhaben. Zehn Jahre bin ich ohne sie. Zehn Jahre der Qual. Ich will sie wieder haben, selbst wenn es nur die Überreste ihrer Knochen sind. Sie war meine einzige Tochter."
Maria vergräbt ihr Gesicht in den Händen. Die Suche nach ihrer Tochter dominiert ihr Leben.
"Manchmal sagt mir mein Herz, dass sie noch lebt. Dann wieder bin ich sicher, dass sie tot ist."
Marias Gesicht ist aufgeschwemmt, ihre Augen sind gerötet:
"Ich trinke zu viel. Wegen ihr. Nachts träume ich oft von meiner Tochter. Dann fragt sie mich, warum ich ihr nicht geholfen habe."
Als ihre Tochter verschwand, lebte Maria in den Llanos, einer Tiefebene östlich der Hauptstadt Bogota. Die Llanos sind einer der Brennpunkte der Kämpfe zwischen dem Militär, rechten Paramilitärs und der linken Guerilla. Marias Tochter Diana hatte hier als Prostituierte gearbeitet. Die Paramilitärs bedrohten die 19-Jährige, wollten sie zwingen, die Gegend zu verlassen. Als sie sich weigerte, wurde die junge Frau verschleppt. Die Paramilitärs nennen so etwas "soziale Säuberung".
"Erst hieß es, meine Tochter hätte AIDS gehabt. Aber das stimmt nicht. Ihr Freund und ihr Sohn waren beide negativ. Dann hieß es, ihr Freund sei Guerillero gewesen und die Paramilitärs hätten sie deswegen umgebracht."
Diana verschwand spurlos. Maria ging zur Polizei, bat um Hilfe:
"Als ich das Büro der Polizei verließ, kam ein Paramilitär auf mich zu. Er gab mir 15 Minuten um die Stadt zu verlassen, sonst würde mir das Gleiche wie meiner Tochter passieren. Dabei hielt er mir einen Revolver an den Kopf."
Maria flüchtete. Seitdem ist sie auf der Suche nach ihrer Tochter. Erst vor Kurzem ist Bewegung in ihren Fall gekommen. Ein Paramilitär hat die Staatsanwaltschaft zu einem Grab in den Llanos geführt. Darin befand sich auch der Körper einer jungen Frau. Maria glaubt: Es könnte ihre Tochter sein.
Eine enge Andenstraße. Schlaglöcher. Lange Lasterkolonnen. Riskante Überholmanöver am Rande des Abgrunds. Aus dem Radio schallt kolumbianische Folklore.
Drei Stunden dauert die Fahrt nach Villavicencio, die größte Stadt der Llanos. Von der kalten Hochebene der Anden in die schwülwarme Savanne.
Das Gebäude der Staatsanwaltschaft, ein blau-weiß gestrichener mehrstöckiger Bau aus den achtziger Jahren, liegt in einem gutbürgerlichen Stadtteil. Hier arbeitet der Gerichtsmediziner Carlos Ramirez an der Identifikation der Tausenden namenlosen Toten aus den Llanos.
"Wir haben hier Opfer der Paramilitärs, der Guerilla oder krimineller Banden. Die Opfer sind ganz normale Menschen, Landarbeiter, Führer von Gewerkschaften oder indigener Gruppen. Viele wurden ermordet, nachdem man sie beschuldigt hatte, mit der gegnerischen Seite zusammenzuarbeiten."
Ramirez ist ein gemütlich wirkender Endvierziger mit wachen braunen Augen. Die Brutalität der Täter erschreckt ihn immer wieder.
"Die Opfer mussten ihre eigenen Gräber schaufeln. Dann wurden sie brutal ermordet, ihre Körper zerteilt, mit Motorsägen. Es ist schrecklich, einen völlig zerstörten Körper zu finden. Das ist, als wenn man den Horror miterleben würde. Die Leute, die diese Massaker, diese Genozide verüben, sind Monster, ohne Bewusstsein, ohne Seele."
Ramirez kramt in seinen Unterlagen, zeigt die verschiedenen Stadien der Identifikation der Opfer. Der Schädel wird vermessen, Anthropologen bestimmen das Alter der Opfer, Zahnmediziner die Form ihres Kiefers. Mithilfe dieser Informationen zeichnet Ramirez Porträt-Bilder.
"Dabei entsteht das Bild eines Menschen, den ich noch nie in meinem Leben gesehen habe. Es ist ein Erfolgserlebnis, wenn dann jemand kommt und sagt, das ist mein verschwundener Angehöriger."
Es klingt paradox aber -- für die Familien kann die Nachricht vom Fund der Leiche eines Verschwundenen eine Erleichterung sein.
"Die Angehörigen denken jeden Tag an die Verschwundenen, fragen sich, ob sie gefoltert werden, ob sie leben oder tot sind. Das wird zu einem Fluch. Wenn sie erfahren, dass ihr Angehöriger tot ist, hat die Unsicherheit ein Ende. Dann können sie ihn begraben und endlich loslassen."
Carlos Ramirez hat auch das Portrait der jungen Frauenleiche aus den Llanos gezeichnet. Als Maria die Bilder sieht, ist für sie klar, das muss meine Tochter sein. Und sie behält recht: Der DNA-Test ist tatsächlich positiv. Jetzt will Maria nur noch eins:
"Ich will sie anständig begraben. Die Paramilitärs hatten sie wie einen Hund verscharrt. Dann kann sie endlich ihre letzte Ruhe und ich endlich meinen Frieden finden."
Maria mag ihren Frieden finden. Doch für viele Familien der anderen rund 50.000 kolumbianischen Verschwundenen gilt das nicht. Sie müssen weiter mit der Ungewissheit über das Schicksal ihrer Angehörigen leben.