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12.07.2008
Probe für den großen Auftritt, wenn Präsident Karzai eine Parade abnimmt.  (Bild: Thomas Kasper) Probe für den großen Auftritt, wenn Präsident Karzai eine Parade abnimmt. (Bild: Thomas Kasper)

Dschingderassabum in Kabul

Ein Besuch beim afghanischen Militärmusikcorps

Von Sabina Matthay

Lange Zeit war Musik und der Besitz von Instrumenten durch die Taliban verboten. Doch die Zeiten sind nun vorbei und es spielt wieder: das afghanische Militärmusikcorps. Die Instrumente haben sie sich gebraucht gekauft oder geliehen - Hauptsache, sie funktionieren noch, wenn Staatsbesuch aus Frankreich, Holland oder Deutschland kommt.

Es herrscht Disziplin beim afghanischen Militärmusikcorps; mag der Probenraum in einer ehemaligen Fabrik in Kabul auch bröckeln und stauben, der Dirigent verlangt höchste Konzentration. Die Klänge der afghanischen Nationalhymne gehen durch Mark und Bein - leidenschaftlich sind sie und dissonant.

Die Musiker sind stolz in neuen, adretten Uniformen zur Probe angetreten, aber die Blasinstrumente sind hoffnungslos verstimmt, viele Klappen undicht, die Basstrommel kann nur noch vorsichtig geschlagen werden, weil ihr Fell ramponiert ist. Dabei sollte eine Militärkappelle doch ein Aushängeschild sein, sagt Oberst Amir Mahamad Aslami in einer Pause.

Schöne, neue, moderne Instrumente brauchen wir, sagt der Flötist. Denn er und seine Kollegen möchten mit Orchestern in aller Welt mithalten. Oberst Mohammad Alam Kohistany, der Kommandeur des afghanischen Militärmusikcorps, empfängt bei Tee und Wassermelone in seinem Büro.

Seit sechs Jahren leitet er das Corps wieder, eine Bedarfsliste hat er längst erstellt, vor allem Saxophone und Trompeten werden benötigt. Kohistany wünscht sich Stipendien für seine Soldaten, damit die im Ausland zu Militärmusikern internationalen Zuschnitts werden. Deshalb hat er auch Verbindungen zur Bundeswehr geknüpft.

Unsere Musik ist schließlich wichtig zur Repräsentation, sagt Oberst Kohistany, außerdem hat Militärmusik in Afghanistan eine lange Tradition - und das Musikcorps ein großes Repertoire: Die Nationalhymnen von Kanada, Frankreich, Holland, der Türkei und allen anderen Ländern mit diplomatischen Verbindungen zu Afghanistan gehören dazu, selbstverständlich auch die der Bundesrepublik Deutschland.

Auch wenn das Land am Hindukusch schwach und gespalten ist, die Armee sich noch im Aufbau befindet - Kohistanys Musiker spielen bei Paraden und Staatsempfängen, für Präsidenten und Minister, für Diplomaten und Militärs.

Dabei werden sie schon mal Zeitzeugen - so, als den Aufständischen ausgerechnet am Nationalfeiertag Ende April ein spektakulärer Angriff in Kabul gelang. Während Präsident Karzai eine Parade abnahm, spielte das Musikcorps die Nationalhymne. Dann schossen die Attentäter, Panik brach aus, Soldaten flüchteten - aber nicht die Musiker der Militärkapelle. Von Anfang an waren wir dabei, erinnert Oberst Kohistany sich. Erst als er den Befehl gab, haben seine Leute sich damals entfernt - so schnell sie konnten.

105 Mann umfasst das afghanische Militärmusikcorps heute und einen einzigen Musikzug. Als Oberst Kohistany seinen Posten vor 18 Jahren antrat, waren es noch 380 Soldaten. Doch dann kam der Bürgerkrieg, später die Taliban und dann war Schluss mit der Militärmusik: "Die Taliban zerstörten alle Musikinstrumente. Es waren ja auch Radio, Fernsehen, Musikkassetten und so weiter verboten. Taliban lehnten Musik völlig ab, die wurde einfach abgeschafft", sagt Kohistany.

Musik lenke vom Studium des Islam ab, hieß es damals. Wenn die Taliban ein Musikinstrument fanden, dann wurde das hart bestraft, erinnert sich Oberst Aslami - er gab seine Flöte weg. Das Musikcorps wurde damals aufgelöst, doch nach dem Sturz der islamischen Fundamentalisten konnte es zumindest im Kern schnell wieder auf die Beine gestellt werden.

Die Militärmusiker waren über die Jahre in Kontakt geblieben, erinnert Kohistany sich. Anfangs hatte er mehr Soldaten als Instrumente. Die Männer kauften viel altes Musikgerät im Bazar von Kabul zurück.

Jeden Tag probt das Militärmusikcorps der afghanischen Armee: Früh um acht treten die Männer zum Dienst an, bis in den Nachmittag üben sie. Denn die afghanische Armee braucht nicht nur den disziplinierten Dienst an der Waffe, sagt Flötist Aslami: "Es gibt ein Sprichwort in Afghanistan: Musik ist wie das Salz einer Speise. Also, ich bin Offizier, unsere Armee braucht Musik und ich liebe diesen Beruf."


 
 

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