Jeder 10. Schweizer ist arm - so die Schätzungen der Caritas. Eine nationale Armutsstatistik gibt es in der Schweiz nämlich nicht. Dass es keine verlässlichen Zahlen gibt, könnte auch heißen, dass man das Problem lieber übersieht.
"Dankschön vielmals ..."
Die Klybeck Straße in Basel. Ein Auto hält am Straßenrand. Christoph Ditzler nimmt eine Tüte mit Croissants entgegen.
"Das war der Bäcker von nebenan. Der gibt uns immer, wenn er Feierabend macht, Backwaren."
Die Croissants sind für Christoph und die anderen Besucher des Internet-Cafés Planet 13 bestimmt. Christoph Ditzler und die Planet 13 Gäste leben alle von Sozialhilfe. Im Planet 13 hilft Ditzler ehrenamtlich bei der Bedienung der Computer. Neben einer Aufgabe hat er hier vor allem auch soziale Kontakte. Denn wer unter die Armutsgrenze rutscht, verliert meist auch Freunde. .
"Die Freunde, die man früher hatte, das geht nicht mehr, weil man kann nicht einfach in ein Restaurant einen Kaffee trinken gehen oder eine Veranstaltung, das müssten dann eigentlich die Kollegen tragen. Das geht am Anfang, aber mit der Zeit bekommt man auch keine Telefons mehr. Man weiß ja, wenn ich den anrufe, muss ich eventuell noch etwas bezahlen. Also wir haben auch einen kulturellen Ausschluss."
Jeder 10. Schweizer ist arm - so die Schätzungen der Caritas. Eine nationale Armutsstatistik gibt es in der Schweiz nämlich nicht. Dagegen weist das statistischen Jahrbuch der Schweiz aber genau aus wie viele Fische aus dem Bodensee gefangen wurden. Dass es keine verlässlichen Zahlen gibt, sage viel über den Umgang mit Armut in der Schweiz aus, meint Carlo Knöpfl von der Caritas. Man wolle das Problem offenbar nicht sehen.
"Das ist unsere Interpretation dieses Sachverhaltes, dass man eben so genau nicht hinschauen will. Übrigens auch über die Einkommensverteilung weiß man wenig in der reichen Schweiz. Das sind für uns keine Zufälligkeiten."
So sollen drei Prozent der Schweizer soviel besitzen wie die restlichen 97 Prozent. Christoph Ditzler wäre schon froh, wenn er mal auf ein Konzert könnte. Von den rund 650 Euro Sozialhilfe ist das im Hochpreisland Schweiz aber nicht drin. Was den Basler besonders ärgert, ist dass die Politik in der Schweiz alles unternimmt, dass es den Reichen im Land immer noch besser geht. Auch für die angeschlagene Großbank UBS wurden sofort Milliarden bereitgestellt, echauffiert sich Ditzler.
"Die Sozialhilfe würde nie im Leben so viel Geld verbrauchen können, was man einfach so nachgeschoben hat. Und ich finde das eh skandalös, das Ganze. Bei uns will man dann noch kürzen und regulieren und kontrollieren. Kein Mensch kontrolliert diese Banken, die machen genau gleich weiter."
Ähnlich wie in Deutschland sind auch in der Schweiz viele Kinder von Armut betroffen. Wer aus einer armen Familie kommt bleibt auch später häufig arm. Die Bildungschancen eines armen Kindes sind viel schlechter als die eines Kindes aus einer wohlhabenden Schicht. Jobs für Geringqualifizierte gibt es aber immer weniger in der Schweiz. Hier müsste angesetzt werden, meint Carlo Knöpfl von der Caritas. Denn mit Sozialhilfe allein könne man das Problem Armut nicht lösen.
"Für uns ist Armut ein weiterer Begriff der in der Arbeitsgesellschaft sehr viel damit zu tun hat, dass jemand seine Eigenverantwortung leben kann, die nötigen Ressourcen und Fähigkeiten bekommt, um eben niemanden zur Last zu fallen. Und wir stellen fest, dass eine zunehmende Zahl von Menschen diesem Ziel nicht mehr gerecht werden kann. Das ist ein Problem, das weit über reine Transferleistungen hinaus reicht."
Anlässlich des Europäischen Jahres der Armutsbekämpfung will die Caritas dafür kämpfen, dass die Armut in der Schweiz in den kommenden zehn Jahren um die Hälfte reduziert wird. Christoph Ditzler wäre schon froh, wenn er sich mal ein neues Paar Schuhe leisten könnte.
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