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18.03.2010
Die Regierenden in Ankara sehen in den türkischstämmigen Mandatsträgern europäischer Volksvertretungen Verbündete.  (Bild: AP) Die Regierenden in Ankara sehen in den türkischstämmigen Mandatsträgern europäischer Volksvertretungen Verbündete. (Bild: AP)

Die Türkei und "ihre" Abgeordnete in Europa

Von Gunnar Köhne

Ausgerechnet eine Türkin! Als der schwedische Reichstag vergangene Woche in einer Resolution die an den Armeniern begangenen Massaker im Osmanischen Reich 1915 als "Völkermord" verurteilte, kam die erforderliche eine Stimme Mehrheit von einer Abgeordneten der liberalen Partei mit dem Namen Gülan Avci.

Die nationalistische türkische Presse schäumte und fand auch gleich heraus, dass die Schuldige kurdischer Herkunft war. Ein weiterer türkischstämmiger Abgeordneter, Mitglied der grünen Fraktion, hatte sich der Stimme enthalten - auch er wurde dafür heftig gescholten und musste sich in zahlreichen Interviews rechtfertigen.

Denn in der Türkei gilt: Einmal Türke, immer Türke, das weiß auch der liberale Publizist Aydin Engin, selbst in den 80er Jahren als politischer Flüchtling in Frankfurt. Der Sprachgebrauch verrate, dass niemand in der Türkei bereit sei, die Fortgegangenen aufzugeben - und seien es auch deren Kindeskinder:

"Man nennt die Auslandstürken "Gurbetci". Das ist ein Begriff aus den 60er Jahren, als die anatolischen Dörfler für ein paar Monate nach Istanbul gingen, um auf dem Bau zu arbeiten. Gurbetci heißt also: Der vorübergehend nicht in seiner Heimat ist. Für die türkischen Medien ist heute noch selbst der in Deutschland geborene Profifußballer mit türkischem Namen ein "Gurbetci"."

Nicht nur die Medien, sondern auch die Regierenden in Ankara sehen in den türkischstämmigen Mandatsträgern europäischer Volksvertretungen offensichtlich Verbündete. Darum hatte Ministerpräsident Tayyip Erdogan alle auslandstürkischen Volksvertreter aus europäischen Regional und Landesparlamenten nach Istanbul geladen. Augenzeugen berichten, Erdogan habe in seiner Rede, vor einer Assimilation durch das Gastland gewarnt und gleichzeitig darum geworben, dass sich die türkischstämmigen Volksvertreter auch als Lobbyisten ihres Herkunftslandes agieren. Ähnlich hatte der religiös-konservative Erdogan Anfang 2008 in einer Rede vor Kölner Türken zwar für Integration und das Erlernen der deutschen Sprache geworben, vor einer Assimilation, vor allem der Aufgabe der eigenen Religion jedoch scharf gewarnt. Seine Landsleute brauchen die Unterstützung aus der Heimat, davon ist der Regierungschef überzeugt und schuf deshalb schon vor drei Jahren das Amt eines Staatsministers für Auslandstürken. Vor allem aber bemühe sich Erdogan um die Auslandstürken mit Blick auf die Wahlen im nächsten Jahr, meint Aydin Engin:

"Bis heute haben alle türkischen Regierungen den Auslandstürken versprochen, ihnen zum Wahlrecht in der Heimat zu verhelfen. Doch passiert ist nichts. Bislang können sie ja bloß an den Grenzen ihre Stimme abgeben. Erdogan will das nun ändern und die Briefwahl und die Stimmabgabe in den diplomatischen Vertretungen ermöglichen. Denn er weiß: Diese 1 bis 2 Millionen Stimmen können Wahl entscheidend sein - und seine Partei AKP wird der Nutznießer sein."

Die aufwändige Veranstaltung im Februar scheint nicht viel gebracht nicht zu haben. Viele türkischstämmigen Politiker sind der Einladung nach Istanbul gar nicht gefolgt oder haben ihre Reise selbst bezahlt. Und nur zwei Wochen später ermöglichten ausgerechnet zwei Gurbetci im schwedischen Reichstag eine Resolution, die die Tötung der Armenier im Osmanischen Reich als Völkermord einstuft.


 
 

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