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26.07.2010
Trotz Isolationshaft gelingt es Mafiabossen nicht selten, Kontakt mit ihren Verbündeten aufzunehmen.  (Bild: AP) Trotz Isolationshaft gelingt es Mafiabossen nicht selten, Kontakt mit ihren Verbündeten aufzunehmen. (Bild: AP)

Knastkollaps

Italiens Gefängnisse haben keinen Platz mehr für Mafiosi

Von Karl Hoffmann

Italienische Ermittler können seit Wochen große Erfolge vermelden. Erst kürzlich haben sie über 300 Mitglieder der Mafiaorganisation 'Ndrangheta verhaftet. Nun folgten 67 weitere. Doch eine Frage wird immer lauter: Wohin mit all den Mafiosi?

Fast 40 Jahre lang, bis zu seiner Schließung im Jahr 1999, verbrachten die verurteilten Mafiabosse den Rest ihrer Tage in einem Kerker auf einer Trauminsel, l'Asinara vor der Nordküste Sardiniens. Heute ist die Insel ein Naturpark, im dem sich im Sommer die Touristen tummeln.

Die besonders gefährlichen und in der Regel zu lebenslanger Haft verurteilten Mafiabosse werden jetzt auf zwölf Hochsicherheitsgefängnisse auf dem Festland verteilt. Dort leben sie meist streng überwacht in isolierten Gefängniszellen. Was humanitäre Organisationen als Folter bezeichnen, halten die Anti-Mafia Richter für unvermeidlich. Antonio Ingroia , Ermittlungsrichter in Palermo, beklagt, dass erst vor zwei Jahren 37 der insgesamt 671 einsitzenden Mafiabosse von der Isolation in den normalen Strafvollzug überführt wurden:

"Mit der Aufhebung der Isolation ermöglicht man den Bossen, im Gefängnis regelrechte Versammlungen abzuhalten. Eine humane Behandlung im Gefängnis ist selbstverständlich, aber dazu gehört auch der Hofgang , und den machen alle Clanchefs leider zusammen."

Ein wichtiges Mittel im Kampf gegen die Mafia ist das Abschirmen der Bosse nach ihrer Festnahme. Einzelzellen mit Kameraüberwachung, streng kontrollierte und limitierte Post, nur eine Stunde Verwandtenbesuch im Monat. Die Unterredung wird, wie im Film, hinter einer Trennscheibe über Mikrofone geführt, und natürlich hören die Strafvollzugsbeamten mit. Nur Kinder dürfen mit ihren einsitzenden Vätern einige Minuten Körperkontakt haben. Trotzdem gelingt es den Bossen immer wieder, ihre Befehle nach draußen zu übermitteln, die für die Mafiaorganisationen überlebenswichtig sind. Solange sie am Leben sind, gelten sie als die Oberhäupter .Hilfreich ist dafür auch eine echte oder vorgetäuschte Krankheit. Jüngst berichtete der lokale Fernsehsender Telejato in Partinico auf Sizilien von einem Boss, der wegen der Folgen eines Bauchschusses vom Gefängnis ins örtliche Krankenhaus verlegt worden war.

"Die Rede ist von einem gewissen Herrn Nicolo Salto aus Borgetto. Besser könnte er es nicht haben. Er wird in einem Einzelzimmer von vertrauenswürdigem Personal betreut ,kann telefonieren, mit wem er will. Da fragt man sich, soll das eine Isolationshaft sein?"

Nicolo Salto kam nach erfolgreicher Behandlung wieder ins Gefängnis. Gerlando Alberti, ein wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilter Mafioso, wurde Ende letzten Jahres schwerkrank in den Hausarrest entlassen. Und im vergangenen März verschwand einer der ganz großen Bosse der 'Ndrangheta spurlos aus einem römischen Krankenhaus.

"Roberto Pannunzi, 62 Jahre alt aus Siderno in Kalabrien ist nicht mehr aufzufinden. Er gilt als der weltweit führende Rauschgifthändler und kontrolliert den gesamten Kokainhandel von Südamerika nach Europa . Angeblich war er herzkrank , jetzt ist er wieder auf der Flucht."

Geschickte Anwälte, nachlässige Justizbeamte und fehlendes Überwachungspersonal in der Klinik ermöglichten die skandalöse Flucht, obwohl die Regierung im vergangenen Jahr den Strafvollzug für besonders gefährliche Mafiosi noch einmal verschärft hat. Doch damit ist das Problem Tausender von Handlangern der Mafia nicht gelöst:

Familienangehörige protestieren gegen die Haftbedingungen in Poggioreale, dem Stadtgefängnis von Neapel, wie alle anderen Haftanstalten hoffnungslos überfüllt. Offiziell gibt es in Italien Platz für 44.000 Gefangene, tatsächlich befinden sich 67.000 Personen in Haft. Die Zahl der Selbstmorde nimmt zu, 2009 waren es über 60, dieses Jahr bereits 38. Der ehemalige Staatsanwalt gegen Korruption und heutige Oppositionspolitiker Antonio di Pietro fordert drastische Maßnahmen:

"Die Mörder, die Drogenhändler und die Mafiosi gehören ins Gefängnis. Und wenn es dort nicht genügend Plätze gibt, dann müssen eben zusätzliche Zellen gebaut werden. Aber das passiert nicht."

Di Pietro warnt vor den Fehlern der Vergangenheit , als es regelmäßig, meist vor Wahlen, Amnestien gegeben hat , um die Gefängnisse zu leeren. Ein Wahlgeschenk für die Mafia, sagen böse Zungen.


 
 

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