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24.08.2010
Wohnen in London könnte für manch eine Familie unbezahlbar werden (Bild: AP) Wohnen in London könnte für manch eine Familie unbezahlbar werden (Bild: AP)

Städteflucht wegen hoher Mieten

Die Briten fürchten um ihre staatlichen Wohnzuschüsse

Von Julian Bohne

Die Briten stellen sich auf schwierige Zeiten ein. Kindergeld, Rente, Sozialzuschüsse - der Rotstift wird in vielen Bereichen angesetzt. Auch bei staatlichen Zuschüssen zur Miete, auf die vor allem sozial schwache Familien angewiesen sind.

Durch verstaubte Fensterscheiben bahnt sich die blasse Morgensonne ihren Weg ins Foyer eines schon etwas heruntergekommenen Gemeindezentrums im Ostlondoner Bezirk Tower Hamlets. Auf Stühlen sitzend, warten hier rund ein Dutzend Frauen und Männer auf einen Termin mit einem Berater des Limehouse Project. An zwei Tagen in der Woche bietet die gemeinnützige Organisation kostenlose Beratungsgespräche für die überwiegend aus Indien und Bangladesch stammenden Bewohner dieses Viertels an. Hilfe und Ratschläge erhalten diese beim Ausfüllen von Anträgen, bei anstehenden Behördengängen oder bei Fragen zum Arbeitslosengeld. Seit einigen Wochen mehren sich auch die Fragen zur staatlich bezuschussten Wohnungsmiete. Grund sind die drastischen öffentlichen Sparmaßnahmen, die der britische Finanzminister George Osborne im Rahmen des sogenannten Nothaushalts der neuen Regierung Ende Juni im Parlament angekündigt hat:

"Dieser Haushaltsplan ist unvermeidbar. Und ich werde die Tatsache, dass unsere Bürger vor schwierigen Zeiten stehen, weder verleugnen noch im Kleingedruckten verstecken."

Großbritannien hat ein Haushaltsdefizit von knapp 150 Milliarden Pfund, umgerechnet rund 180 Milliarden Euro, zu bewältigen. Mit den schwierigen Zeiten spielt Finanzminister Osborne unter anderem auf eine zweieinhalbprozentige Mehrwertsteuererhöhung an sowie auf das Einfrieren aller öffentlichen Löhne auf zwei Jahre und des Kindergeldes auf drei Jahre. Die Sparmaßnahmen beinhalten außerdem eine empfindliche Kürzung der staatlichen Mietszuschüsse, auf die Niedrigverdiener, Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger in Großbritannien Anspruch haben. Shahara, eine Frau Mitte 50 aus Bangladesch, ist eine derjenigen, die beim Limehouse Project Rat suchen. Sie befürchtet, dass sie sich ihre Wohnung nicht mehr leisten kann, wenn das Wohngeld wie angekündigt ab April nächsten Jahres gekürzt wird.

"Ich bin nicht mehr in der Lage zu arbeiten. Und selbst wenn ich es wäre, würde mein Verdienst nicht ausreichen, um meine Miete zu bezahlen. Wenn die Kürzungen in Kraft treten, werde ich natürlich versuchen, das Geld irgendwie aufzutreiben. Ich hoffe, dass das Geld, das ich vom Staat bekomme, irgendwie reichen wird. Ich muss ja schließlich die Gesetze befolgen."

Herabgesetzt werden sollen laut Haushaltsplan sowohl die Maximalsätze für Mietzuschüsse als auch die Richtwerte, nach denen sich berechnet, ob eine Wohnung staatlich bezuschusst wird oder nicht. Die Hilfsorganisation Shelter setzt sich für Menschen ein, die von Obdachlosigkeit bedroht sind. Die Zahlen der Organisation zeigen, dass in ganz Großbritannien etwa 750.000 Haushalte von den Kürzungen betroffen sein werden. Francesca Albanese ist Referentin bei Shelter - sie warnt vor einer bevorstehenden Massenmigration heraus aus den Innenstädten.

"Das Zentrum von London wird dadurch zur No-Go-Area, weil Wohnungen in dieser Gegend unbezahlbar werden. Die Leute werden also in die Vororte von London ziehen. Eine ähnliche Entwicklung wird auch in anderen Städten im ganzen Land stattfinden."

Francesca Albanese befürchtet, dass besonders sozial benachteiligte Menschen Gefahr laufen, gesellschaftlich ausgeschlossen zu werden. Denn trotz Anrecht auf eine Sozialwohnung, werden diese aufgrund der Wohnungsmarktsituation oft nicht fündig.

"Einer der Gründe, warum die Kosten für staatliche Mietzuschüsse so hoch sind, ist, dass viele Mieter Wohnungen auf dem privaten Markt mieten müssen. Es gibt zu wenige Sozialwohnungen. Bei privat vermieteten Wohnungen sind die Mieten etwa doppelt so hoch wie auf dem sozialen Wohnungsmarkt. Wenn es mehr bezahlbaren Wohnraum gäbe, zum Beispiel Sozialwohnungen, dann gäbe es diese drastischen Kürzungen jetzt nicht."

Bei den Beratern des Limehouse Project in Tower Hamlets häufen sich in letzter Zeit die Anfragen von besorgten Anwohnern, die aus den Medien von den staatlichen Sparplänen erfahren haben. Einen regelrechten Ansturm erwartet Fahad Ahmed, der Geschäftsführer des Limehouse Project, im April kommenden Jahres, wenn die neuen Regelungen in Kraft getreten sind.

"Die Leute kommen erst zu uns, wenn die Krise schon da ist. Bis dahin schlagen sie sich irgendwie so durch. Ich bin mir sicher, dass die meisten über die neuen Regelungen Bescheid wissen. Insgeheim hoffen sie aber, dass es nicht zum Äußersten kommen wird. Doch es wird alle betreffen."


 
 

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