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01.09.2010
Soldaten in einer Kampfzone verändern ihre Persönlichkeit. (Bild: AP) Soldaten in einer Kampfzone verändern ihre Persönlichkeit. (Bild: AP)

Nach dem Einsatz

Dänemark: Hilfe für Afghanistan-Soldaten

Von Marc-Christoph Wagner

Für einen Soldaten in einem Kampfgebiet erhöht die permanente Kampfbereitschaft die Überlebenschancen. Zurückgekehrt in die Heimat ist ein solches Verhalten eher gefährlich. In Dänemark gibt es daher ein Programm, das Afghanistan-Heimkehrer auf den heimischen Alltag vorbereiten soll.

Alltagsszenen eines Krieges. Sechs Monate lang begleitete Filmregisseur Janus Metz die dänischen Truppen in Afghanistan. Im Mai wurde sein Dokumentarfilm Armadillo auf dem Filmfestival von Cannes gezeigt - und gewann den dortigen Kritikerpreis. Wohl kaum zuvor hatte die Öffentlichkeit einen solch unverstellten Einblick in den Alltag am Hindukusch bekommen. Janus Metz:

"Die Soldaten müssen im Bruchteil einer Sekunde entscheiden, schieße ich oder nicht. Und da spielt eine Rolle, was ich als Verrohung bezeichne, die man als Soldat in einem solchen Krieg wohl braucht, um sich selbst zu beschützen. Krieg ist barsch und hart und brutal, und wenn wir Dänen an diesem Krieg teilnehmen, müssen wir dem auch ins Auge sehen."

Im Gegensatz zur Bundeswehr sind die 750 dänischen Soldaten im Süden Afghanistans, in der umkämpften Helmandprovinz, stationiert. Immer wieder geraten sie hier in direkte Gefechte mit den Taliban. Mehr als 30 Soldaten haben seit Beginn der Mission im Jahr 2002 ihr Leben verloren - gemessen an der Einwohnerzahl Dänemarks die höchste Verlustrate der NATO-Koalition. Und auch diejenigen, die heil zurückkehren, sind geprägt fürs Leben:

"Für unsere Einheit war es ein harter Beginn. Nach nur einer Woche hatten wir das erste Opfer zu beklagen. Einer unserer Kameraden wurde durch einen Kopfschuss getötet. Ich stand nur fünf Meter von ihm entfernt und guckte ihn gerade an, als er getroffen wurde. Es war tragisch, damit muss man erst einmal klarkommen."

Henrik Jacobsen war Teil des fünften Kontingents, das nach Afghanistan entsandt wurde. Im August 2008 kam er nach sechsmonatigem Aufenthalt nach Dänemark zurück. Doch sein Weg führte ihn nicht direkt ins zivile Leben. Er nahm das Angebot der dänischen Heeresführung auf dreimonatige Vollzeit-Nachbetreuung an - wie insgesamt 106 der 110 Soldaten seines Regiments. Auch Rene Toft Sørensen zögerte nicht:

"Der Einsatz endet abrupt. Von einem Tag auf den anderen ist man raus aus der Kampfzone, ist daheim bei der Familie, die sich nicht immer in das hineinversetzen kann, was man erlebt hat. Vor diesem Hintergrund ist es fantastisch, mit Jungs zu reden, die in der gleichen Situation waren."

Entwickelt wurde das Programm vor zwei Jahren von Kompaniechef Kenneth Strøm, der selbst in Afghanistan gedient hat:

"Alle Soldaten, die nach Afghanistan entsendet werden, haben das, was die Psychologen als Battlemind, also als permanente Kampfbereitschaft, bezeichnen. Für einen Soldaten, der sich in einem Kampfgebiet befindet, ist das ein zweckmäßiger Zustand, denn man reagiert reflexartig und ohne groß nachzudenken, was die eigenen Überlebenschancen erhöht. Daheim in Dänemark aber, im Straßenverkehr oder beim Einkaufen, ist dieses Verhalten irrational, ja gefährlich."

Eine Einschätzung, die auch Robert Jonasen, Krisenpsychologe an der dänischen Militärakademie, teilt. Soldaten in einer Kampfzone, das sei wissenschaftlich erwiesen, veränderten ihre Persönlichkeit. Es fänden biochemische Prozesse und hormonelle Veränderungen statt, der Körper etwa produziere mehr Adrenalin. All das führt zu Veränderungen im Sozialverhalten, sagt Jonasen:

"Man mag physisch in Dänemark angekommen sein, psychisch aber ist man immer noch in permanenter Alarmbereitschaft. Noch ein halbes Jahr nach der Rückkehr ins zivile Leben reagieren Soldaten wie in einer Kampfzone."

Und genau hier setzt das dänische Modell an. Durch Gruppengespräche, Meditation, psychologische Betreuung, aber auch sportliche Aktivitäten und gemeinsame Ausflüge wird versucht, das Stressniveau der Soldaten wieder auf ein Normalmaß zu bringen und sie auf das zivile Leben vorzubereiten. So wird ihnen etwa bei Bewerbungen geholfen, bei der schriftlichen Beschreibung erlernter Kompetenzen. Drei Viertel der beteiligten Soldaten zeigen sich hoch zufrieden mit dem Programm. Darunter auch der Soldat Peter Thorsøe, der nur noch einen Wunsch an Politik und Militärführung hat:

"Und zwar mehr Soldaten vor Ort. Denn dann müsste der Einzelne in Afghanistan weniger schultern."


 
 

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