Viele Einwohner in Brüssel ärgern sich schon seit Jahrzehnten über den Dreck in ihrer Stadt. Jetzt dokumentieren manche die Müllberge und verschmutzten Straßen mit Fotos im Internet oder nutzen eine neue Software, um Probleme den Behörden zu melden.
Mittagszeit in Brüssel, die Autos drängeln sich über die Straße, Passanten eilen über den engen Bürgersteig. Die gelbe Gefriertruhe lässt sich von alledem nicht aus der Ruhe bringen. Regungslos steht sie da, in einer Seitenstraße, seit ein paar Wochen schon. In der Zwischenzeit hat sie ein paar Freunde gefunden, fünf, sechs Müllsäcke haben es sich in der Truhe gemütlich gemacht, sie zu einem großen Mülleimer umfunktioniert.
Gegen die wilden Mülldeponien inmitten von Brüssel sollen nun Fotos im Internet helfen - zum Beispiel in der Facebook-Gruppe "Dirty Brussels", also "Dreckiges Brüssel". Dort haben sich Hunderte Nutzer versammelt, um den täglichen Dreck auf den Straßen zu dokumentieren. Über den Fotos finden sich dann häufig Texte wie dieser:
Dutzende Graffitis und andere Schmierereien an der schönen Kirche La Trinité, seit Monaten schon, wenn nicht sogar seit Jahren. Und was machen die Behörden?
Nichts, wäre wohl die rhetorische Antwort, und so sammeln die Facebook-Nutzer munter weiter Fotos von Elektroschrott mitten in der Stadt, nicht abgeholten Müllsäcken, verdreckten Parks und kaputten Straßen. Zumindest dieses Problem wollen die Städte und Gemeinden nun ebenfalls digital lösen.
"Wenn Sie in Ihrem Stadtteil unterwegs sind und Schlaglöcher oder andere Straßenschäden sehen, machen Sie von jetzt an einfach ein Foto mit Ihrem Smartphone, beschreiben Sie das Problem und den Ort und schicken Sie's ganz schnell und unkompliziert an Ihre Stadtverwaltung."
Das Programm "Fix my Street" funktioniert unterwegs als App und auch zu Hause am Computer. Die Region Brüssel-Hauptstadt hat die Software in Auftrag geben, seit wenigen Wochen wird sie von zehn Gemeinden getestet. Bis Ende des Jahres sollen alle 19 Gemeinden mit im Boot sein. Die zuständige Ministerin der Region, Brigitte Grouwels, beschreibt das erste Ziel von "Fix my Street" im belgischen Fernsehen so:
"Mit dem Pilotprojekt werden wir herausfinden, welche Probleme die Anwohner am schnellsten melden - und damit werden wir wissen, was in Zukunft als erstes in Angriff genommen werden sollte. Und wir werden sehen, wie lang die Bearbeitungszeit der Behörden ist, um ein Problem in den Griff zu bekommen. Die Gemeinden werden dadurch motiviert, noch effizienter zu arbeiten und schneller zu handeln."
Bei "Fix my street", das sagt der Name ja schon, geht es vor allem um Straßenschäden. Jean Marc Poncelet will da noch ein bisschen weitergehen. Vor einem halben Jahr hat er seinen Job bei einem Telekommunikationsunternehmen gekündigt, jetzt konzentriert sich der 37-Jährige ganz auf sein Projekt "BetterStreet". Dabei hat ihm der Schmutz rund um sein Haus inspiriert.
"Da, wo ich in Brüssel lebe, sieht man viele Dinge, die nicht richtig laufen, was Müll oder Schmierereien angeht. Deswegen ist es klar, dass ich mir irgendwann als Bürger einen Service gewünscht habe, mit dem ich meiner Stadt schnell Bescheid sagen kann."
Mithilfe von "BetterStreet" kann im Prinzip alles gemeldet werden, von der kaputten Straßenbeleuchtung bis zum vergessenen Müll. Und: Es gibt eine Lobfunktion, zum Beispiel um sich dafür zu bedanken, dass die zuständigen Behörden schnell gehandelt haben. Poncelet will so den Kontakt zwischen Bürgern und Ämtern intensivieren und die Arbeit effizienter machen.
"Auch wenn die Zahl der Mitarbeiter gleich bleibt, lässt sich mithilfe der Software mehr erledigen. Die Behörden müssen nicht mehr selbst nach Vorfällen suchen, sie bekommen E-Mails mit genauen Angaben zugeschickt und müssen keine langen Telefonate mehr führen, alles geht also viel schneller."
"BetterStreet" hat im Moment um die 300 Nutzer, die sich mit ihrem Smartphone oder Computer beteiligen - aber noch keinen Auftraggeber. Doch Poncelet ist in Verhandlungen mit vielen belgischen Gemeinden, und überzeugt davon, dass Software wie seine in den nächsten vier, fünf Jahren viele Städte schöner machen wird.