Spaniens Ministerpräsident Zapatero hat sich mit dem Chef der katalanischen Nationalisten auf einen Kompromiss eingelassen: Mit dem neuen Autonomiestatut dürfen sich die Katalanen als "Nation" innerhalb Spaniens bezeichnen. Die Opposition in Madrid fürchtet um die Einheit des Landes. Und die Reaktionen in Barcelona? Hans Günter Kellner berichtet.
Der zur katholischen Kirche gehörende spanische Radiosender Cope ist das wichtigste Sprachrohr all jener, die das neue Statut für die Region Katalonien ablehnen. Morgenmoderator Jimenez Losantos treibt den Streit auf die Spitze, und lässt keine Gelegenheit aus, verbal gegen Spaniens Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero oder die katalanische Regionalregierung zu Felde zu ziehen. Die nennt er dann auch schon mal nationasozialistisch. Spanien steht für ihn vor der Balkanisierung:
Der Streit spaltet die Gesellschaft. Auf beiden Seiten werden vor allem Klischees bedient. In "La Mina" - lange Zeit eine der vernachlässigsten Siedlungen im Großraum Barcelona - treffen sich ältere Damen aus der Nachbarschaft, um über die Zukunft des Viertels zu diskutieren, aber auch hier geht es in letzter Zeit vor allem um das Statut. Angels Rosell ist empört:
Ich war nie eine katalanische Nationalistin, nie, aber wenn das so weitergeht, dann werde ich das. So viele Beleidigungen und Angriffe aus Madrid. Wir haben hier immer Spanisch und Katalanisch geredet, wunderbar. Jetzt greifen sie uns aus Madrid ständig an, schimpfen, wir seien nur aufs Geld aus. Dabei haben wir Spanien immer geholfen.
Das Viertel "La Mina" hätten die Behörden schon vor Jahren am liebsten gesprengt. Hohe Arbeitslosigkeit, Drogenhandel, Gewaltverbrechen prägten lange das Bild in den tiefen Straßenschluchten zwischen den Wohnblöcken. Irgendwann entschieden die Frauen im Stadtteil, das zu ändern. Sie nehmen jetzt an Anhörungen über eine Umgestaltung des Viertels teil, etwa die aus Málaga stammende Maria Manzilla, die im Zuge des Streits begonnen hat, Katalanisch zu lernen:
Ich bin jetzt bald 62 Jahre alt. 1951 kamen wir nach Barcelona. Vorher durfte man kaum Katalanisch reden. Meinen Kindern war es in der Schule verboten. Jetzt spricht mein Enkel auf Katalanisch zu mir. Er geht in einen Kindergarten und lernt Katalanisch von klein auf. Das ist positiv.
Dem jetzt vor der Verabschiedung stehenden neuen Statut zufolge soll Katalanisch zur vorherrschenden Sprache vor Gericht, bei den Behörden und auch in der Schule werden. Kritiker befürchten, damit werde das Spanische an den Rand gedrängt. Die Frauen meinen:
Spanisch wird nicht verschwinden. Diese Sorge ist unbegründet. Was verschwinden wird, wenn nicht die richtige Politik betrieben wird, ist das Katalanische. Hier in Katalonien sprechen immer noch mehr Menschen Spanisch als Katalanisch.
Vieles sehen die Frauen aus La Mina weit weniger dramatisch, als die Politiker. Aber nationalistische Parolen sind auch bei ihnen zu hören. Die Stereotypen sitzen fest: Die Katalanen arbeiteten für ganz Spanien und die faulen Andalusier lebten wie Könige, meint etwa Maria, die doch selbst aus Andalusien stammt. Tatsächlich ist die Verteilung der Steuereinnahmen einer der großen Konfliktpunkte bei den Debatten um das Statut. Das Klima ist rauh:
Die Politiker sorgen für diese Konfrontation - zwischen den Armen hier und dort. Unsere Probleme sind ganz alltäglich, die Lebensmittelpreise, und für die Jungen die Arbeitslosigkeit und die Wohnungspreise, gerade hier in Barcelona. Aber die Politiker kümmern sich nur um ihre Streitereien. Und das erhitzt dann auch die Gemüter hier unten.
Die Frauen aus La Mina werfen den Politikern vor, sich um die wirklichen Probleme nicht zu kümmern. Stadtteile verfallen, Kinderbetreuungsstätten fehlen, die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch. Sie erhoffen sich von einem neuen Statut mehr Geld für ihre Region und ihr Viertel. Vor allem hoffen die Frauen aus La Mina aber - wie so viele in Spanien - dass es endlich zu einer Einigung kommt, und sich die Politik wieder den alltäglichen Problem zuwendet.
Ich bin in Barcelona geboren. Ich bin Katalanin. Für mich ist es kein Widerspruch, Spanierin und Katalanin zu sein. Es ist kein Problem, einen spanischen Pass zu haben. Ich komme aus Katalonien, Katalonien ist in Spanien, ich bin aus Spanien.
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