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21.06.2006
Ein niederländischer Fußballfan bei der Europameisterschaft 2004 in Portugal. (Bild: AP Archiv) Ein niederländischer Fußballfan bei der Europameisterschaft 2004 in Portugal. (Bild: AP Archiv)

Ein Leben in Orange

Die Niederlande, der Fußball und die nationale Identität

Fußballfans in anderen Ländern geben sich mit einfachen Accessoires wie Hemd, Hut und Schal zufrieden. Doch die Niederländer würden am liebsten die ganze Welt in Orange tauchen. Komplette Häuserfassaden werden orangefarben gestrichen, selbst Kunstwerke in öffentlichen Räumen respektlos mit der Spraydose bearbeitet. Kerstin Schweighöfer berichtet.

Die Brinkhorstlaan in Voorschoten bei Den Haag: Quer über die Strasse hinweg gespannt flattern Tausende von Oranje-Fähnchen im Nordseewind. Auf dem Gehsteig spielen Schulkinder und studieren Fussballlieder ein-

Bei Hausnummer 23 ist sogar der Gartenzaun in orangefarbene Folie eingewickelt:
Hausherr Jan Bragar ist gerade dabei, das Partyzelt aufzubauen, er will am liebsten im Freien gucken und sich zusammen mit den Nachbarn kein einziges Spiel entgehen lassen - bei einem großen Kasten Bier, versteht sich. Dass seine Mutter aus Deutschland kommt, hängt er bei solchen Gelegenheiten nicht an die große Glocke:

"Dann zählst du nicht mehr mit, beim Fussball werden wir Niederländer zu schrecklichen Chauvinisten. Wir sind die besten, und damit basta!"

Das Leben ist ernst genug, meint Jans Nachbarin Ankie. Die WM sorge für ein einziges großes Fest, das hoffentlich bis zum Finale anhalte.

Soziologen bezeichnen das Oranjefieber als Ersatzkarneval. Die nüchternen Kalvinisten, die das Phänomen Karneval nicht kennen, würden Europa- oder Weltmeisterschaften als Ventil benutzen. So könnten sie sich ab und zu doch so richtig ausleben, erklärt Professor Henri Beunders aus Amsterdam. Hinzu komme ein großes Bedürfnis nach Mythen und nach Glaube in einer säkularisierten Welt. Das habe den Fußball zu einer Ersatzreligion gemacht.

Erstmals ausgebrochen ist das Oranjefieber in seiner heutigen Form 1988, als die Niederländer Europameister wurden. Damit konnten sie endlich das Trauma der WM-Niederlage von 1974 verarbeiten, als sie im Finale mit 2:1 gegen Deutschland unterlagen. Seitdem leben sie ihre nationalen Gefühle bei Fußballturnieren ungeniert aus:

"Endlich konnten wir der ganzen Welt zeigen, worin ein kleines Land ganz groß sein kann. Ein großes Land hat das nicht nötig, das hat sich selbst."

Europa und die Globalisierung haben dafür gesorgt, dass das Oranjefieber immer heftiger zu wüten begann. Die verunsicherten Niederländer besannen sich mehr und mehr auf sich selbst. "Nicht umsonst haben wir die europäische Verfassung abgelehnt", so Beunders. "Wir sagen Nein zu Europa und Ja zu den Niederlanden.
Hinzu kommt, dass sich die Niederländer mitten in einer Identitätskrise befinden: Lange Zeit konnten sie sich darauf berufen, moralisch überlegen zu sein: Egal, ob Sterbehilfe, Drogen, Abtreibung oder Integrationspolitik, in den toleranten, liberalen Niederlanden war das alles besser geregelt als anderswo. Doch Anspruch und Wirnklichkeit stimmen nicht mehr überein. Dafür hat Srebrenica gesorgt, und die Attentate auf Pim Fortuyn und Theo van Gogh. Der Traum von der multikulturellen Idylle hinterm Deich ist geplatzt wie eine Seifenblase.

"Wir sind nicht nur klein und voll, sondern auch machtlos und desillusioniert", so Beunders. "Wir brauchen die Extase des Oranjefiebers für unser Selbstwertgefühl."

In einer Gesellschaft, wo die Menschen nebeneinander herleben, ohne sich noch zu berühren, verschaffe das Oranjefieber außerdem ein angenehmes Gefühl der Zusammengehörigkeit. Deshalb ist auch Beunders selbst nicht ganz immun dagegen: Erst neulich hat er sich dazu hinreißen lassen, seine Kinder mit Oranje-Sahnetörtchen zu beglücken.


 
 

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