In den nächsten Wochen entscheidet die Europäische Union, ob Rumänien 2007 oder erst 2008 in die Staatengemeinschaft aufgenommen wird. Exil-Rumänen in Brüssel sehen den Beitritt mit gemischten Gefühlen. Ruth Reichstein hat mit einigen von ihnen gesprochen.
Am Platz der Freiheit im Brüsseler Zentrum trinkt Zeno Chiritescu einen Café, bevor er in sein Büro zurückkehrt. Der 32 Jahre alte Rumäne leitet eine Firma, die Busreisen in Europa organisiert. Die Muttergesellschaft hat ihren Sitz in Rumänien.
Gerade hat der eifrige Manager dem Akkordeonspieler am Platz ein Angebot gemacht - der Musiker kommt auch aus Rumänien und sucht nach billigen Heimfahrmöglichkeiten. Wie viele Rumänen in Brüssel leben, weiß Zeno Chiritescu nicht, aber der Beitritt seines Landes zur EU ist bei ihm und seinen Freunden ein Dauerthema:
"Unsere Arbeit hat immer irgendwie mit der Europäischen Union zu tun. Also ist es für uns wichtig, über mögliche Auswirkungen auf unsere Arbeit zu sprechen und uns anzupassen. Für uns ist das wirklich ein wichtiges Gesprächsthema."
In seiner Firma muss Chiritescu ständig im Blick haben, ob sich die europäische Gesetzgebung ändert und ob sich das auf seine Busreisen auswirken könnte. Der Beitritt würde da vieles einfacher machen, meint er. Viel Bürokratie würde wegfallen.
"Aber es wird auch schwieriger werden, weil wir uns der Konkurrenz aus anderen Ländern stellen müssen, die dann sicherlich nach Rumänien kommt. Deshalb arbeiten wir schon jetzt an entsprechenden Strategien."
Vlad Olteano, der in einer Rechtsanwaltskanzlei arbeitet und schon seit Ende der 90er Jahre in Brüssel lebt, hätte mit der Vollmitgliedschaft lieber noch gewartet.
"Das Problem ist, dass die Unterschiede zwischen den einzelnen Staaten unglaublich groß sind. Wenn der Beitritt zu schnell kommt, dann gibt es zu viele Probleme - zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt. Für Rumänien wäre es besser, erst dann volles Mitglied zu werden, wenn die wirtschaftliche Situation an die anderen Staaten angeglichen ist und wir auch den Euro bekommen können. "
Für sich persönlich sieht Vlad Olteano kaum Vorteile nach dem Beitritt. Er besitzt mittlerweile die belgische Staatsbürgerschaft und ist somit bereits Bürger der Europäischen Union. Für seine Familie und Freunde würden die Reisen zu ihm nach Brüssel aber unkomplizierter. Denn bisher brauchen sie ein Visum, um die Grenze zu überqueren. Immer wieder fragen sie ihn nach Informationen über die Europäische Union. Alin Manea geht es genauso. Er arbeitet seit einem Jahr in der Personalabteilung der Europäischen Kommission:
Es ist ein sehr seltsames Gefühl, weil jeder davon ausgeht, dass ich alles weiß, weil ich in der Kommission arbeite. Dabei weiß ich absolut überhaupt nichts. Die reden nicht darüber. All meine Informationen bekomme ich - wie alle anderen auch - aus den Zeitungen",
erzählt der 28-Jährige. Er hofft, dass sein Land zum 1. Januar 2007 beitreten kann - vor allem, damit die Vorurteile endlich bekämpft werden. Die ewige Diskussion um den Beitritt seines Landes gehe ihm manchmal ziemlich auf die Nerven, sagt er.
"Es ist nicht gerade eine angenehme Situation. Immer wieder höre ich: Ach, diese Rumänen. Wenn ich sage, aus welchem Land ich komme, dann gibt es auch immer wieder komische Reaktionen. Es ist wirklich nicht angenehm."
Alle drei Exil-Rumänen sind gespannt auf die Entscheidung am kommenden Dienstag. Alin Manea, Mitarbeiter der EU-Kommission, wird die Pressekonferenz live mitverfolgen. Denn für ihn hängt auch seine ganz persönliche Karriere davon ab. Bisher hat er nicht das Recht, Beamter in der Europäischen Kommission zu werden. Dafür muss er erst EU-Bürger sein. Und dann könnte er sich auch endlich seinen Traum erfüllen:
"Für mich wäre es das allergrößte, als einer der ersten rumänischen Beamten hier in der Europäischen Kommission zu arbeiten."
Beiträge zum Nachhören
Europa heute
Menschenhandel in Rumänien
Sendezeit: 25.05.2012, 09:24
Ital. Minister Riccardi fordert Hilfe für Bootsflüchtlinge in Lampedusa
Sendezeit: 25.05.2012, 09:18
Interview mit Gesine Dornblüth über Proteste in Aserbaidschan - Europa Heute
Sendezeit: 25.05.2012, 09:11
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