Die Verhandlungen über einen EU-Beitritt der Türkei verlaufen zäh. Eigentlich soll die Türkei bis zu Jahresende ihre Häfen für den EU-Staat Zypern öffnen, doch noch weigert man sich. Wenn der türkische Chefunterhändler für den EU-Beitritt, Wirtschaftsminister Ali Babacan, in Athen weilt, dann dient das einer diplomatischen Offensive. Zwar ist die griechische Regierung für einen EU-Beitritt der Türkei, allerdings ist Athen auch gegenüber Nikosia verpflichtet. Von Anna Koktsidou.
Jeder darf in die Europäische Union - er muss nur bestimmte Kriterien erfüllen - so meint der 26 jährige Panajotis, der Elektrotechnik in Thessaloniki studiert. Im Falle der Türkei gibt es für ihn aber eine ganz wesentliche Voraussetzung:
Die Türkei darf kein Mitglied der EU werden, solange sie Zypern nicht anerkennt. Schließlich ist Zypern ein EU-Staat.
Das Argument aber, die Türkei gehöre nicht zu Europa, zählt für ihn nicht:
Wenn ein Staat an die gleichen Werte wie die anderen europäischen Staaten glaubt, wie Demokratie oder Gleichberechtigung, dann sehe ich keinen Grund, weshalb er nicht in die Union soll. Das gilt auch für die Türkei. Von der EU erwarte ich allerdings mehr Strenge, wenn sich die Türkei nicht bewegt, notfalls Sanktionen. Manche sagen ja: die Türkei hat als muslimisches Land keinen Platz in der EU, das denke ich nicht.
Genau das ist es aber, was den 27 jährigen Angelos abschreckt. Für den studierten Volkswirt, der nun bei einer Bank arbeitet und nebenher seinen Master macht, gehört die Türkei - zumindest geographisch gesehen - nach Asien. Aber für Angelos ist die Türkei auch aus anderen Gründen nicht tauglich für einen EU-Beitritt:
Es sind vor allem die kulturellen Unterschiede: Die Türkei ist die Geisel des Militärs und die Geisel ihrer harten Religion. Da müsste sich politisch sehr viel verändern, der Einfluß des Militärs müsste schwinden, die Religion müsste sich öffnen. Da sehe ich wenig Bewegung. Anders als in Europa. Europa ist von Erneuerungen geprägt, wir hinterfragen unsere Werte immer wieder und entwickeln uns ständig weiter.
Eine Meinung, die mehr als die Hälfte der Griechen teilt. Laut Eurobarometer 2006 sinkt inzwischen die Bereitschaft der Hellenen, die Türkei in die Union aufzunehmen. Dabei war diese Bereitschaft zeitweise sehr hoch, noch vor einem Jahr waren drei Viertel der Griechen für den Beitritt.
Die alten Konflikte behalten ihre Macht: Die schwierige Nachbarschaft, geprägt von früheren Kriegen und Streitigkeiten um Hoheitsrechte -ist der Hauptgrund für die bleibende Ablehnung der Griechen: Wie fragil die Situation ist, zeigte sich beispielsweise im Frühjahr, als zwei Militärjets der griechischen und der türkischen Luftwaffe über der Ägäis kollidierten und der griechische Pilot ums Leben kam. Für Angelos ist der Vorfall ein Beleg für das Versagen der Politiker:
Sie haben den Tod des Piloten ganz populistisch zur Stimmungsmache genutzt. . Das ist innenpolitisch ja sehr nützlich. Damit das Volk nicht merkt, dass wir eigentlich keine Differenzen haben.
Auch wenn es immer wieder brenzlige Situationen gibt - an einen Krieg glauben weder Angelos noch Panajotis. Schließlich seien beide Länder NATO-Mitglieder und die Türkei wolle außerdem in die EU. Und dann sind da noch die wirtschaftlichen Beziehungen, um die sich letztendlich alles drehe, meint der Ökonom Angelos. Die seien weitaus stärker, als von der Öffentlichkeit wahrgenommen:
Die Bank, bei der ich arbeite, expandiert ohne Ende in der Türkei, hat dort Banken und Versicherungen aufgekauft. Dann gibt es in der Landwirtschaft eine gute Zusammenarbeit, und außerdem investieren auch türkische Unternehmen in Griechenland. Jeder, der ein wenig Grips hat, weiß, dass Feindschaft da nichts nützt. Ohne die politischen Querelen wäre die Region rund um die Ägäis eine blühende Landschaft und es würde uns allen gut gehen.
Als Feind empfindet Angelos die Türkei nicht - genauso wenig wie Panajotis. Dass Thessaloniki, ihre Heimat-Stadt, noch vor einhundert Jahren unter osmanischer Herrschaft stand und dass Kemal Atatürk dort geboren wurde - das sind für sie Details aus der Vergangenheit und wenig relevant für ihr heutiges Leben. Beide waren noch nie in ihrem Leben in der Türkei, und sie haben auch noch nie in ihrem Leben einen Türken kennen gelernt. Einen Austausch zwischen beiden Staaten etwa mit Jugendgruppen oder Schulklassen gibt es nicht; der ist allenfalls ein paar wenigen Nichtregierungsorganisationen oder Künstlern vorbehalten. Ansonsten ist die Türkei der unbekannte Nachbar, und das mache es so leicht, Ängste zu schüren, glaubt Panajotis:
In der Schule wird durch den Geschichtsunterricht schon eine Art Hass erzeugt, das ist vermutlich in der Türkei nicht anders. In unseren Büchern geht es immer um die Befreiungskriege gegen das osmanische Reich. Es wäre nicht schlecht, wenn es mehr Begegnungen gäbe, denn das Fremde macht einem auch Angst. Wenn man aber jemanden näher kennt, merkt man, wie viele Gemeinsamkeiten man hat; so könnte sich vielleicht auch so etwas wie eine griechisch-türkische Freundschaft von unten entwickeln.
Beiträge zum Nachhören
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Griechenland- wenn das Wasser den Kapitänen bis zum Hals steht
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