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21.02.2007
Jan Peter Balkenende bleibt Ministerpräsident, mit Hilfe der Christenunie . (Bild: AP) Jan Peter Balkenende bleibt Ministerpräsident, mit Hilfe der Christenunie . (Bild: AP)

Front gegen Abtreibung und Sterbehilfe

Das Dorf Spakenburg in den Niederlanden setzt auf die neue Regierung

Die niederländische Christenunie hat bei der Parlamentswahl die Zahl ihrer Sitze auf sechs verdoppelt und ist erstmals in Regierungsverantwortung. Eine ihrer Hochburgen ist das ehemalige Fischerdorf Spakenburg südöstlich von Amsterdam. Die meisten der 8000 Einwohner dort sind treue Christenunie-Wähler. Kerstin Schweighöfer hat Spakenburg besucht.

Der alte Hafen von Spakenburg, de Oude Haven: Gesäumt von pittoresken Backstein-Giebelhäuschen dümpeln alte Segelschiffe und Kutter im Hafenbecken. Sie erinnern an die Zeiten, als Spakenburg noch vom Fischfang lebte und ein Hafenstädtchen an der wilden Zuiderzee war. Tradition zählt noch immer viel in Spakenburg:

"Wir sind bis heute ein sehr christliches Dorf geblieben",

betont die junge Bedienung Marijke de Vries. Sie arbeitet in einer Imbiss-Stube mit Blick auf den Alten Hafen. Sonntags sei hier alles zu, da verlassen die Leute ihr Haus nur, um in die Kirche zu gehen, und zwar gleich zweimal, morgens und abends. In Spakenburg gibt es mehr als 14 Kirchen.

"Bei uns geht jeder in die Kirche",

weiß Marijke.

Der Beruf des Fischers ist gefährlich; deshalb wurde in den alten niederländischen Fischerdörfern schon immer mehr gebetet als anderswo. Auch finden die kleinen streng kalvinistischen Parteien hier ihre treuesten Wähler. Spakenburg gilt dabei seit jeher als Hochburg der Christenunie, jener strenggläubigen protestantischen Partei, die mit zwei Ministerposten nun erstmals ins Kabinett einzieht. Ihr Spitzenkandidat André Rouvoet wird Vizepremierminister. Für die Spakenburger ist das ein kleiner Triumph:

"Ich denke, dass Rouvoet die Politik in Den Haag positiv beeinflussen kann",

sagt Marijkes Chefin Henriette Fuentes:

"Wir haben in der Kirche ausführlich darüber geredet."

Auch die vierfache Mutter hat ihre Stimme traditionell der Christenunie gegeben, das entspreche am ehesten ihren Lebensauffassungen. Denn auch Henriette ist gegen Sterbehilfe und Abtreibung. Menschen sollten wieder respektvoll und weniger aggressiv miteinander umgehen, betont die 38-jährige Wirtin beim Abräumen des Tisches. Dass Schwule heiraten können, findet sie eigentlich unnötig. Und der Sonntag sollte überall wieder ein Tag des Herrn sein, nicht nur in Spakenburg. Die meisten Mitbürger können ihr da nur beipflichten:

"Wer arbeitet sonntags schon gerne? Niemand!",

meint ein Rentner.

"Hier in Spakenburg tun wir es aus Prinzip nicht."

Der Einzug der Christenunie ins Kabinett sei eine Belohnung für all die treuen Wähler, die der Partei jahrelang die Stange gehalten hätten.

"Ich bin stolz auf Rouvoet!",

ruft ein Mann. Und auch die alte Frau in traditioneller Tracht beim Fischhändler ist mehr als zufrieden:

"Rouvoet ist ein prima Mann!",

sagt sie. Höchste Zeit, dass jemand in Den Haag in Sachen Abtreibung und Sterbehilfe auf die Bremse trete, das sei viel zu selbstverständlich geworden.

Diese Hoffnung wird auch im Rathaus gehegt, wo die Christenunie traditionell stärkste Fraktion ist.

"Wenn es an uns gelegen hätte, wären Sterbehilfe und Abtreibung sowieso nie erlaubt worden",

sagt Christenunie-Dezernent Willem Heinen. Dass seine Partei während der Koalitionsverhandlungen nicht auf Verbote beharrt hat, kann er verstehen - das sei einfach nicht realistisch.

"Wir mussten Wasser in den Wein schütten",

sagt er, und dagegen habe auch niemand etwas einzuwenden, Hauptsache, es bleibe Wein im Glas.

Das Ergebnis ist eine Reihe von Kompromissen: Die Kriterien für Abtreibung werden verschärft, Standesbeamte können sich weigern, Homo-Pärchen zu trauen. Und sämtliche Pläne zur weiteren Liberalisierung von Sterbehilfe und Drogenpolitik verschwinden in der Schublade. Langsam aber sicher werden wir unsere Ziele erreichen, sagt Dezernent Heinen, so wie ein schwerfälliger Öltanker: Der könne auch nicht flott und flexibel wie ein Segelschiff zur Wende ansetzen, sondern nur ganz, ganz langsam und vorsichtig.


 
 

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