60 Kernkraftwerke hat Frankreich in den vergangenen 30 Jahren gebaut. Der Widerstand gegen die Atomkraft im Land war bislang gering. Doch nun demonstrierten zehntausende Menschen. Margit Hillmann berichtet.
Acht Uhr morgens, Avenue Jean Jaurès, im Norden von Paris : An einer Balustrade lehnen etliche Fahrräder, schwer bepackt mit Rucksäcken und Taschen; verziert mit Anti-Atomkraft-Aufklebern und bunten Fahnen, die zum Umweltschutz mahnen. Einige Meter weiter stehen die Besitzer: 25 gutgelaunte Atomkraftgegner aus Paris, junge Frauen und Männer, aber auch die 68er-Generation ist vertreten. Gemeinsam wollen sie mit dem Fahrrad rund 220 Kilometer nach Lille fahren, zur Demonstration gegen die französische Atomkraftpolitik. ""Die Schmerzgrenze ist erreicht", sagt einer von ihnen.
"Wir dürfen nicht zulassen, dass in Frankreich noch mehr Atomkraftwerke gebaut werden. Schon jetzt mit der aktuellen Situation ist die Gefahr groß, dass eines Tages etwas passiert, wie in Tschernobyl oder wie der kürzlich in einem schwedischen Kernkraftwerk gerade noch verhinderte Unfall. Die Atomkraft ist eine wirkliche Gefahr für die Menschen."
Während die Gruppe noch letzte organisatorische Fragen klärt, wird sie von neugierigen Passanten bestaunt. Haben denn Anti-Atomkraft-Demonstrationen in Frankreich überhaupt einen Sinn?
"Ich glaube nicht. Ich bin für Atomkraft. Sie ist eher ein großes Glück für Frankreich."
"Ich finde die Aktion gut. Fragt sich nur, ob sich Regierung und Atomindustrie von Demonstrationen beeindrucken lassen."
"Ich finde es gut und wichtig, dass Leute gegen Atomkraft und für alternative Energien demonstrieren. Allerdings sind es zwei verschiedene Dinge, was man sich wünschen würde, den Ausstieg zum Beispiel, und auf der anderen Seite die Realitäten und was machbar ist."
Dass der Ausstieg aus der Atomenergie unrealistisch sei, bekomme man in Frankreich ständig zu hören, entgegnet einer der Pariser Atomkraftgegner. Die Franzosen würden eben schlecht oder gar nicht über die Möglichkeiten alternativer Energien informiert. Deswegen sei es besonders wichtig, dass sich die Atomgegner organisieren und dagegen halten.
Die französische Bürgerinitiative "Sortir du nucléaire", Ausstieg aus der Atomkraft, ein Zusammenschluss von landesweit über 700 Menschenrechts-, Umwelt- und Naturschutzvereinen, hat die Anti-Atomkraft-Demonstrationen von diesem Wochenende organisiert. Der Verein mit Sitz in Lyon beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Kritik an Frankreichs Atompolitik. Ihre Mitglieder wollen vor allem die im Land bisher sehr zögerlich und schwerfällig geführte Diskussion um alternative Energien voranbringen, zum Beispiel mit öffentlichen Diskussions- und Vortragsveranstaltungen, die sie überall in Frankreich organisieren, auch in Paris, in einer Kneipe der alternativen Szene.
Dort hält sich das Interesse an der Veranstaltung allerdings in Grenzen: Nur knapp 30 Leute sind zum Vortrag gekommen. In anderen Städten laufe das besser, versichert Laurent Grouet, in der Szene ein bekannter Fachmann für erneuerbare Energien. Er soll an diesem Abend einen Vortrag zum Thema in der Kneipe halten.
"Es ist besonders schwierig, die Pariser fürs Thema zu interessieren",
sagt Grouet:
"In der Hauptstadt gibt es nämlich keine Atomkraftwerke",
scherzt er vielsagend. Der Aktivist lässt sich trotz der wenigen Besucher nicht unterkriegen: Meinungsumfragen würden immer wieder belegen, dass eine Mehrheit der Franzosen gegen Atomkraftwerke sei. Wenn also Präsident Jacques Chirac von den EU-Partnern fordert, die emissionslose Atomenergie in Frankreich als umweltfreundliche, zukunftsträchtige und Klimawandel-neutrale Energiequelle einzustufen, dann spiegele das in keinem Fall die Meinung der französischen Bevölkerung. Davon ist Grouet überzeugt:
"Wäre die Atomkraft nicht so gefährlich, dann wäre der Auftritt Chiracs beim letzten EU-Gipfel zum Totlachen. Frankreichs Politiker sind wirklich auf dem Holzweg: Alle westlichen Industrieländern investieren in erneuerbare Energien. Frankreich hängt da nicht nur extrem hinterher. Es verteidigt mit aller Kraft eine längst überholte und gefährliche Industrie des 20. Jahrhunderts. Die Rolle Frankreichs in Sachen Atomenergie, auch gegenüber der EU, ist nicht nur problematisch, sondern auch fundamental undemokratisch."
Beiträge zum Nachhören
Europa heute
Frankreich zur Atommüllendlagerung
Sendezeit: 10.02.2012, 09:24
Der Fall Garzon und Spaniens Justizsystem
Sendezeit: 10.02.2012, 09:18
Griechenland- wenn das Wasser den Kapitänen bis zum Hals steht
Sendezeit: 10.02.2012, 09:12
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