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02.04.2007
Die konservative Regierung will Unterstützung zahlen, wenn Kinder zu Hause bleiben. (Bild: AP) Die konservative Regierung will Unterstützung zahlen, wenn Kinder zu Hause bleiben. (Bild: AP)

Musterländle Schweden?

Neue konservative Regierung plant Richtungswechsel in der Familienpolitik

Von Agnes Bührig

Berufstätige Mütter sind in Schweden die Regel. Betreuungseinrichtungen und Sozialsysteme fördern ganz gezielt die Berufstätigkeit beider Partner. Doch das soll sich nun ändern: Künftig bekommen Familien 300 Euro monatlich, wenn sie ihr Kind in den ersten drei Jahren zu Hause lassen. Kritiker befürchten aber, dass der Elternzuschuss durch Kürzungen im Betreuungs-Bereich gegenfinanziert wird - und Mütter damit gegeneinander ausgespielt werden.

Esther ist kein gewöhnliches schwedisches Kind: Die muntere Zweijährige mit den Pippi-Langstrumpf-Zöpfen wächst zu Hause auf. Finn Siberg, ihr Vater, wird von der Gemeinde dafür bezahlt, dass er sich den ganzen Tag über um seine Tochter kümmert.

Auf diesen Seiten hier habe ich mein Konzept formuliert. Da habe ich ganz genau beschrieben, wie wir uns die Zeit einteilen. Ich gelobe, immer nur gesunde Kost aufzutragen und mit dem Kind so oft wie möglich hinaus in die Natur zu gehen. Die Sozialbehörde war auch hier zu Besuch und hat sich vergewissert, dass keine blanken Stromkabel herumliegen oder sonstige Gefahren drohen.

Umgerechnet 300 Euro zahlt die Gemeinde Nacka, ein Vorort im Süden Stockholms, an Eltern, die ihr Kind in den ersten drei Lebensjahren zu Hause lassen. Rund drei Dutzend Familien in Nacka haben das Angebot in diesem Jahr bereits in Anspruch genommen.

Das liegt auch daran, dass die Gemeinde zu wenig Krippenplätze anbieten kann. Helen Forsling überbrückt mit dem öffentlichen Zuschuss die Wartezeit auf den ersehnten Krippenplatz:

Mein Sohn Edwin ist zwei Jahre alt. In Nacka gab es erst einmal keinen Platz für ihn. Er wird jetzt im August in die Kita kommen und bis dahin bleibe ich mit ihm zu Hause. Für die Gemeinde besteht der Vorteil darin, dass sie weniger Kinder unterbringen muss, die von jetzt auf gleich einen Krippenplatz brauchen.

Das bürgerlich regierte Nacka könnte so zum Vorbild für ganz Schweden werden, frohlockt Mats Gerdau. Der konservative Sozialpolitiker aus Nacka setzt sich inzwischen im Stockholmer Reichstag dafür ein, dass Schwedens Mütter wieder verstärkt zu Hause bleiben:

Unsere Vision ist, dass die Eltern selbst über ihr Leben entscheiden können. Unser Modell zur häuslichen Betreuung von Kleinkindern ist ein weiteres Puzzleteil, damit die Eltern ihrer Alltag bewältigen können. Vor 20 Jahren haben wir hier in Nacka die erste privat geführte Kita eingeführt und schon damals war die Aufregung groß.

In Schweden kehren die meisten Mütter ein Jahr nach der Geburt an ihren Arbeitsplatz zurück. Die hohen Steuern lassen den allermeisten Familien gar keine andere Wahl, als ihre Kinder in einer Kita betreuen zu lassen. Hausfrauen sind die absolute Ausnahme. Hausmänner allerdings auch: Während 3 von 4 Frauen eine kurze Auszeit für die Kinder nehmen oder Teilzeit arbeiten, gehen 9 von 10 Vätern ungestört ihrem Beruf nach.

Väter, die sich wie der gelernte Förster Finn Siberg eine ganzjährige Auszeit nehmen, um ihre Kinder selbst zu betreuen, kann man auch im aufgeklärten Schweden mit der Lupe suchen. Aber obwohl Siberg zu Hause bleibt, sieht er den sich abzeichnenden Wandel in der Familienpolitik kritisch. Das Argument der vermeintlichen Wahlfreiheit, das Schwedens Konservative ins Feld führen, hält der der junge Vater für nicht überzeugend. Denn für 300 Euro netto, die die Gemeinden den Familien zukünftig zahlen wollen, könnten es sich nur die wenigsten Mütter leiste, ihren Job tatsächlich aufzugeben. Profitieren würden nur sehr gut verdienende Schweden:

Es macht Freude, seine Tage mit den Kindern zu verbringen. Für die berufliche Erfüllung ist es nicht so gut. Meist werden ja die Mütter zu Hause bleiben. Für Frauen aus Einwandererfamilien wird es dann noch schwieriger, eine Arbeit zu finden und die Sprache zu lernen.

Auch Schwedens oppositionelle Sozialdemokraten warnen vor Fallstricken für die Mehrheit der Mütter. Und sie beklagen die drohende Demontage ihres weltweit gelobten Modells der staatlichen Kinderbetreuung im Vorschulalter. Maria Jansson von der Frauenpartei Feministische Initiative geht davon aus, dass die bürgerliche Familienpolitik künftig Frauen aus dem Arbeitsmarkt herausdrängen könnte:

Wie passt das zu den angeblichen Plänen der Regierung, mehr Schweden in Lohn und Brot zu bringen? Es gibt viele schöne Worte über die Gleichstellung in diesem Land. Das hat aber wenig mit den wirklichen Zuständen zu tun, die viele Frauen in ihrem Alltag erfahren.


 
 

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