Wenn es um die Zukunft der serbischen Provinz Kosovo geht, dann ist normalerweise von Kosovo-Albanern und Serben die Rede. Von der drittgrößten Bevölkerungsgruppe - den Roma - erfährt man wenig. Und das, obwohl sie die einzigen sind, die noch immer in provisorischen Flüchtlingslagern leben. Wie etwa in der geteilten Stadt Mitrovica. Doch fast acht Jahre nach ihrer Vertreibung im Sommer 1999 kehren jetzt die ersten wieder zurück. Dirk Auer berichtet.
Ist gut hier, oder? Sehr gut ...
Stolz führt Ekrem Gushani durch sein neues Haus: freundliche helle Zimmer mit Dielenfußboden. Vor einer Woche ist er aus Montenegro zurückgekehrt, wo er seit seiner Abschiebung aus Deutschland gelebt hat.
Ist neu. Strom ist alles ok. Geht schon. Zweite Zimmer ist da ... und die Küche ist da. Ganz mit neuen Sachen. Ist ok.
Ekrem ist zufrieden. Er steht im ersten Stock und blickt aus dem offenen Fenster auf die ersten Ergebnisse des größten Rückkehrerprojekts des Kosovo: Zwei größere Apartmentblocks und gut zwei Dutzend Einfamilienhäuser, die vereinzelt auf dem weitläufigen Gelände stehen. Es ist ein warmer Frühlingstag. Nebenan werden Möbel von einem Transporter abgeladen. Zwischen den Häusern spielen Kinder. Soldaten und Polizisten laufen Patrouille.
Diese Mahala, das war ganz, ganz gute. Alte, aber war gut. War schönes Musik, tanzen, essen, trinken. Ich weiß genau wie war meine Haus. Das war mit 120 qm. Hier war meine große Haus, meine Opas. Und dann war da noch Brunnen. ... Aber jetzt ist gut. Alles in Ordnung.
Zwiespältiger dagegen die Stimmung im Flüchtlingslager Cesmin Lug im serbischen Nordteil von Mitrovica. Hier leben die ehemaligen Bewohner der Mahala, die sich die Flucht ins Ausland nicht leisten konnten. Bretter- und Wellblechbuden ziehen sich an einer Eisenbahnlinie entlang - in unmittelbarer Nähe der Abraumhalde einer Bleimine. Der Wind wirbelt Staub über die unbefestigten Wege. Kinder spielen zwischen den Behausungen, an einer Wasserstelle waschen Frauen Teppiche. Daneben steht Latif Masurica, Sprecher der Flüchtlinge.
Wir müssen zurückkehren, weil wir es nicht länger ertragen können in diesen Baracken. Aber wir fürchten um die Sicherheit. Die Gemeinde hat uns zwar Sicherheit versprochen. Aber jedem einzelnen können sie keine Sicherheit bieten. Das ist das größte Problem.
1999 waren die bereits in Mitrovica stationierten NATO-Truppen nicht in der Lage, die Zerstörung des Roma-Viertels zu verhindern. Jetzt sollen regelmäßige Militär- und Polizei-Patrouillen dafür sorgen, dass nichts passiert. Doch viele Flüchtlinge bleiben skeptisch. Artan Bajrami war seit dem Krieg nicht mehr im albanischen Südteil der Stadt - aus Angst vor Übergriffen.
Die internationale Gemeinschaf hat viel versprochen, aber wenig gehalten. Deshalb sind die Leute aggressiv und nervös. Es herrscht eine sehr angespannte Stimmung. Aber es gibt keine Alternative. Wir müssen zurückkehren. Denn wo sollen wir sonst leben?
Der Grund für Artans Misstrauen gegenüber der internationalen Gemeinschaft: Während die meisten zerstörten Dörfer nach dem Krieg schnell wieder aufgebaut wurden, sind die Roma-Flüchtlinge von Mitrovica lange Zeit sich selbst überlassen worden. Das änderte sich erst vor zwei Jahren: Die internationalen Medien berichteten darüber, dass das Gelände des Flüchtlingslagers stark bleiverseucht ist. Bekannt war das schon lange. Aber erst durch den öffentlichen Druck, sah sich die UN-Verwaltung gezwungen zu handeln.
Am Eingang zum Lager werden Möbel auf die Pritsche eines Transporters gewuchtet. Eine weitere Familie zieht um. Latif beobachtet die Szenerie mit gemischten Gefühlen. Denn selbst, wenn alles gut geht: Es bleibt das Problem der riesigen Arbeitslosigkeit, die bei den Roma bei fast 100 Prozent liegt. Teil des Rückkehrerprojekts sind deshalb auch eine Reihe von beschäftigungsfördernden Maßnahmen. Doch die alleine werden kaum ausreichen, um alle Rückkehrer zu ernähren, befürchtet Latif.
Ich hoffe, dass es gut werden wird und dass die Leute sich frei bewegen können, um selber Arbeit zu suchen. Auch wir Roma müssen das Recht haben, eine Arbeit zu finden, damit wir leben können wie normale Menschen. Ohne Arbeit ist die Rückkehr wertlos. Denn schließlich können wir unsere neuen Häuser nicht essen.
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