Im Norden Norwegens züchtet das Volk der Saami Rentiere. Für die Ureinwohner des Landes gehört der Klimawandel längst zum Alltag. Alexander Budde berichtet anlässlich des Internationalen Polarjahres.
In der Sprache ihres Volkes gebe es Hunderte Begriffe für Schnee, sagt die samische Linguistin und Rentierzüchterin Inger Marie G. Eira. Doch mit dem analytischen Vokabular der Urbevölkerung sei die moderne Wissenschaft kaum vertraut. Mit ihren Studierenden von der samischen Hochschule in Kautokeino streift die Doktorandin durch die schneebedeckte Wildnis, platziert Messgeräte, rückt den alten Leuten mit Videokamera und Tonbandgerät zu Leibe. Im Polarjahr soll die Fachsprache der Saami erstmals wissenschaftlich dokumentiert werden. Eine gewaltige Aufgabe, denn Inga Marie Eira und ihre Kollegen aus Kautokeino wollen auch die Frage nach früheren Erfahrungen mit dem Wetterwandel und bereits erprobten Anpassungsstrategien aufwerfen.
Im eiskalten Wind der Tundra wirken die Gedanken an den Klimawandel weit hergeholt. Doch die globale Erwärmung ist für die Urbevölkerung des Nordens keine bloße Theorie mehr. Sie ist längst zum Alltag geworden, bestätigt die Forscherin. Alles sei dramatisch im Wandel.
"Wir sehen ganz klar, dass die Variationen bei den Temperaturen zunehmen. Früher konnten es in dieser Jahrszeit minus 40 Grad sein. Gibt es Niederschläge bei Plusgraden oder um den Gefrierpunkt, dann ist das schlecht für Mensch und Tier. Denn beim Übergang von der milden Periode zum Frost bildet sich undurchdringliches Eis unter dem Schnee und versperrt den Tieren den Zugang zu ihren Nahrungspflanzen."
Im vergangenen Winter mussten die Saami ihren Tieren zufüttern, was enorme Kosten verursachte. Der Rentierzüchter Svein Mathiesen braucht keine Klimaberichte, die Folgen der Erderwärmung seien in der Arktis überdeutlich.
"Was die Zukunft bringt, darüber wissen wir nicht viel. Aber wir sehen, dass die Anzahl der schneefreien Tage zunimmt. Die Sommersaison wird länger, und die Flüsse frieren im Herbst später zu. Die Erwärmung des Meeres lässt in Zukunft mehr Schnee im Hochland erwarten, der Winterfrost aber bleibt aus. Das hat natürlich seine Auswirkungen auf die Wanderrouten der Tiere und auf ihren Weidezyklus."
Die ersten Pioniere bislang unbekannter Tier- und Pflanzenarten richten sich in der auftauenden Arktis ein. Am Nordkap wurden Elche gesichtet. Mit traditionellen Mitteln wie etwa der Kastrierung von Renböcken würden die Züchter gern auf den Wetterwandel reagieren. Kastrate sind kräftiger und können durch das Eis graben. Doch die rigiden Tierschutzgesetze Europas verhindern das, klagt der samische Politiker und Publizist Magne Ove Varsi. Ohnehin sei der Klimawandel nicht die einzige Bedrohung für die traditionelle Lebensweise der Nomaden.
"Hier in der Finnmark, dem Weideland der Saami, werden enorme Vorkommen an Eisenerz vermutet. Wegen der hohen Metallpreise lohnt sich die Ausbeutung. Wie vielen anderen Urvölkern in der Arktis wird uns aber das Recht vorenthalten, bei den Verhandlungen um die Ausbeutung dieser Rohstoffe mitzureden. Wir fordern zumindest eine Abgabe auf die Gewinne der Grubengesellschaften, die dann tatsächlich der lokalen Bevölkerung zugute kommt. Nur dann hat auch die Urbevölkerung einen Nutzen am Vormarsch der multinationalen Unternehmen."
In der modernen Massentierhaltung sind nur noch große Herden rentabel. Doch selbst, wenn sie viele Tiere haben, zweifeln die Viehzüchter mittlerweile am wirtschaftlichen Sinn ihrer Arbeit. Dabei geht es grundsätzlich um die Zukunft der samischen Kultur und Lebensweise, betont Marit Oskal Sara. Und die Züchterin schaut ihrer Herde nach, die gerade über den vereisten Kautokeino-Fluss davonstrebt.
"Unsere Wirtschaft braucht viel Platz. Und nun müssen wir um das Land kämpfen, wie wir es nie zuvor kannten. Der Reichtum aus Öl und Gas verändert die Werte, das Kapital gibt den Ton an. Mit Rentieren aber lässt sich kein Geld verdienen. Uns geht es um den Zusammenhalt, den Einklang mit der Natur. Wer sich auf unsere Kultur einlässt, der hat viele Bürden zu schultern.
Aber er kann auch die Freiheit genießen. Das gute Leben."
Beiträge zum Nachhören
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Menschenhandel in Rumänien
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