Um die Pressefreiheit ist es in Russland nicht besonders gut bestellt. Aus Angst vor Repressionen meiden viele Journalisten bestimmte Themen und nehmen eine freiwillige Selbstzensur vor. Doch es gibt in Moskau einen Ort, an dem auch die schärfsten Regimekritiker Pressekonferenzen abhalten können: das "Unabhängige Pressezentrum", eine vor allem über Spenden finanzierte Nichtregierungsorganisation.
"Liebe Kollegen, guten Tag! Ich begrüße Sie im 'Unabhängigen Pressezentrum'."
Die 68-jährige Natalja Jakowlewa, selbst ehemalige Journalistin, moderiert seit über 15 Jahren jede Veranstaltung in ihrem Pressezentrum. An diesem Tag kündigt die Oppositionsbewegung Linke Front an, an der Dauerherrschaft des Moskauer Bürgermeisters Juri Luschkow zu rütteln und etwas gegen illegale Bauvorhaben der Stadtregierung zu tun. Der oppositionelle Bürgerrechtler Sergei Udalzow kommt regelmäßig hierher. Sergei Udalzow, Aktivist Linke Front:
"Zum 'Unabhängigen Pressezentrum' gibt es für uns Oppositionsbündnisse und Aktivisten keine Alternative: Denn entweder mietet man einen sehr teuren Raum in einem Hotel oder man hält seine Pressekonferenz in einem dunklen, baufälligen Bunker ab. Das würden Journalisten aber wohl nicht so lustig finden. Und diese Räume hier dürfen wir kostenlos nutzen."
Für die Aktivisten, die aus ganz Russland anreisen, bedeutet das Pressezentrum zugleich die Chance, ausländische Korrespondenten zu treffen - denn die kommen häufig hierher. Von den russischen Journalisten sind nur jene regelmäßig da, die für regierungskritische Medien arbeiten. Jekatarina Krawzowa von der unabhängigen Wirtschaftstageszeitung "RBK" schätzt das Zentrum als wichtige Recherchequelle. Jekaterina Krawzowa, Journalistin "RBK":
"Ich kann hier häufig mit Vertretern oppositioneller Parteien und Bewegungen zusammenkommen. Und sie können hier ihre - oft gefährliche - Meinung ungehindert vertreten. In anderen Presseagenturen oder -zentren würde man ihnen das verbieten oder sie selbst würden Hemmungen haben."
Auch der ehemalige Schachweltmeister Garri Kasparow - heute vom Kreml als Oppositioneller geächtet - meldet sich regelmäßig im "Unabhängigen Pressezentrum" an - bei allen anderen Nachrichtenagenturen steht er auf der Schwarzen Liste. Das spartanisch eingerichtete Konferenzzimmer des "Unabhängigen Pressezentrums" ist meist ausgebucht - oft gibt es vier Veranstaltungen pro Tag. Dennoch hat Zentrumsleiterin Natalja Jakowlewa mit der Moskauer Stadtregierung oder gar dem Kreml noch nie Probleme gehabt. Umso betroffener ist sie über die Proteste von anderer Seite. Natalja Jakowlewa:
"Wir haben draußen oft Versammlungen von jungen Leuten, wahrscheinlich von der Kremljugend Naschi, die uns bei der Arbeit stören wollen. Sie sind zum Beispiel dagegen, dass wir uns für Immigranten einsetzen. In 16 Jahren wurden hier schon Torten und Eier geworfen und Garri Kasparow wurde einmal mit roter Farbe bespritzt. Die Anwohner beschweren sich natürlich, wenn hier ständig so unangenehme Dinge passieren. Das könnte zum Problem für uns werden."
Doch noch viel mehr beunruhigen Jakowlewa die Überfälle auf Journalisten und Aktivisten. Der vorerst letzte traurige Fall war der Mord an dem Anwalt und Menschenrechtler Stanislaw Markelow im Januar. Natalja Jakowlewa war eine der Letzten, die ihn lebend sah. Natalja Jakowlewa:
"Nach seiner Pressekonferenz verabschiedete er sich von mir und sagte: 'Bis in zwei Wochen.' Er ging hinaus, hatte hervorragende Laune - und wenige Minuten später wurde er in einer Nebenstraße erschossen. Ich habe zehn Jahre mit Stanislaw zusammengearbeitet. Er ist sozusagen bei uns im Pressezentrum aufgewachsen."
Auf Mörder oder Auftraggeber gibt es bisher keine Hinweise. Doch immerhin traf Präsident Medwedew sich nach der Tat, bei der auch die junge Journalistin Anastasja Baburowa von der "Nowaja Gazeta" ermordet wurde, mit dem Chefredakteur der Oppositionszeitung. Wenig später gab er der "Nowaja Gazeta" dann ein exklusives Interview und lud Menschenrechtsaktivisten in den Kreml ein. Natalja Jakowlewa:
"Ich hoffe natürlich, dass auf diese Gesten auch tatsächliche Veränderungen folgen. Bisher kann ich zwar keine erkennen, vor allem nicht auf den staatlich kontrollierten Fernsehkanälen. Aber dass sich die Mächtigen neuerdings wohlwollend für uns und die 'Nowaja Gazeta' zu interessieren scheinen, das ist schon ein wichtiger Schritt."
Wunder für die Presse- und Meinungsfreiheit in Russland erwartet Natalja Jakowlewa von Medwedew allerdings nicht.
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