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 Feldpostbriefe aus Stalingrad
Briefe aus dem Stalingrader Kessel - eine Einführung

Feldpostbrief von 1943
Feldpostbrief von 1943
 

Das Panorama-Museum im heutigen Wolgograd
Das Panorama-Museum im heutigen Wolgograd
 

Feldpostbriefe aus Stalingrad 1943
 
Feldpostbrief 1943

Feldpostbrief 1943

Feldpostbrief 1943

Feldpostbrief 1943

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  Die militärische Lage an der Wolga und ihre offizielle Darstellung klafften 1942/43 weit auseinander. Je verzweifelter die Situation im Stalingrader Kessel wurde, desto heroischer berichtete die nationalsozialistische Propaganda über die Kämpfe im Osten. Wie verhielten sich nun aber die Leidtragenden, die Soldaten und Offiziere, die Akteure dieser mörderischen Schlacht und zugleich ihre Opfer? Wie war das damals im Kessel? Wie lebte man mit der täglichen lebensbedrohlichen Situation? Welche Sorgen beschäftigten den "deutschen Landser", welche Ängste hatte er und welche Hoffnungen? Veränderte der drohende Untergang sein Denken und Handeln?

Dokumente aus dem Stalingrader Kessel sind rar. Das meiste Material wurde von der 6. Armee planmäßig vernichtet oder ging in den Wirren des Untergangs verloren, Postflugzeuge wurden abgeschossen, die im Heeresarchiv Potsdam von der Feldpostzensur gesammelten Briefe während eines Bombenangriffes 1945 vernichtet, und die Bestände russischer Archive stehen ausländischen Wissenschaftlern bis heute nur eingeschränkt zur Verfügung. Also «keine Spur mehr von der 6. Armee», wie Erich Kuby 1963 während einer Reise nach Wolgograd feststellte? Lange jedenfalls schien das so.

Im Sommer 1987 gelang dann ein überraschender Fund im Archiv des Panorama-Museums "Stalingrader Schlacht" in Wolgograd: bislang unbekannte Briefe und Tagebücher von Angehörigen der 6. deutschen Armee. Diese waren seit Kriegsende dort gelagert. Auf welchem Wege das Material in das Wolgograder Archiv gelangt ist, ließ sich im einzelnen nicht mehr rekonstruieren. Da die Räumlichkeiten des Museums bis zum Umzug in das neue Gebäude Mitte der siebziger Jahre sehr beengt gewesen waren und sich ohnehin kaum jemand für die deutschen Dokumente interessierte, waren sie bis auf wenige Ausnahmen nicht katalogisiert, sondern in primitive Holzkisten verpackt und später vergessen worden. Ein Teil des Materials soll sogar beim Umzug des Museums abhanden gekommen sein. Die verbliebenen Kisten verstaubten in einer Ecke des Archivs.

Die Briefe aus Wolgograd sind interessant und wichtig, nicht zuletzt weil 1950 - sieben Jahre nach dem Ende der Schlacht und fünf Jahre nach Kriegsende - in einem westdeutschen Verlag ein Buch erschien war unter dem Titel "Letzte Briefe aus Stalingrad". Der Band wurde 1954 vom Bertelsmann-Verlag übernommen und erlebte zahlreiche Neuauflagen. Vergleicht man diese Veröffentlichung mit den in Wolgograd gefundenen, im Feldpostarchiv der Technischen Universität Berlin gesammelten oder in Anthologien der 80er und 90er Jahre veröffentlichten Briefen, die aus den teilweise geöffneten sowjetischen bzw. russischen Archiven stammten, so stellt sich die Frage, ob die "Letzten Briefe" auf authentischem Material beruhen oder ob es sich nicht vielmehr um Manipulationen oder gar Fälschungen handelt. Seit den 60er Jahren zweifeln Historiker und Medienfachleute an der Echtheit dieser "letzten Briefe".

Anläßlich des 60. Jahrestages der Schlacht um Stalingrad rief Altbundesminister Genscher im Deutschlandfunk die Hörer auf, noch in Privatbesitz befindliche Briefe und Tagebücher aus der Schlacht um Stalingrad für eine Sendestaffel des Deutschlandfunk einzusenden ­ mit großer Resonanz. Zum Teil bestätigen, zum Teil erweitern sie das Bild der Schlacht, das sich aus den erwähnten, nachweislich authentischen Texten ergibt.

Der Kessel von Stalingrad umfaßte nicht nur die Stadt, sondern ein weites Gebiet an der Wolga mit vielen Ortschaften, Steppenlandschaft und sogar mehreren Flugplätzen. So sind auch die Unterschiede in der Reflektion der militärischen und persönlichen Situation zu verstehen. Während die Soldaten in der Steppe bereits im Dezember hungerten, kaum mehr versorgt wurden und von der Postbeförderung quasi abgeschnitten waren, besaßen andere noch Verpflegung und konnten Briefe schreiben und empfangen. Fand sich in den zerbomten Häusern und in Bunkern manchmal noch ein kleiner Platz zum Briefeschreiben, so konnten auf dem freien Feld meist nur wenige Sätze, die Knie als Unterlage nutzend, aufs Papier gebracht werden. Die Wehrmachtsangehörigen unterschieden sich in Ausbildung, Weltanschauung, regionaler und kulturellen Prägung sehr.

Auch die Quellenlage, die Herkunft und das Schicksal der einzelnen Briefe beeinflussen das Bild. Während die Bestände des Wolgograder Archivs ihre Empfänger nie erreichten, waren die, die nach Deutschland gelangten, oftmals durch die Feldpostzensur gegangen. Glück hatte, wer sie einem Ausfliegenden oder einem Kurier mitgeben konnte. Berücksichtigen muß man auch, daß die an den Deutschlandfunk in diesem Jahr eingesandten Briefe von den heutigen Besitzern, zumeist Verwandte der vermißten oder gefallenen Soldaten, ausgewählt wurden. Sicher nicht jeder Brief wurde einer Veröffentlichung für würdig befunden oder wurde, da zu privat oder aus anderen Gründen zurückgehalten. Trotzdem läßt sich aufgrund der großen Anzahl von Briefen, ein historisch gesicherter Blick auf die Ereignisse 1942/43 rekonstruieren.

Es scheint, daß die Bedeutung der Einkesselung durch die sowjetischen Truppen von den Soldaten der Wehrmacht nicht gleich in ihrer ganzen Tragweite erfaßt wurde. Anders als in der Heimat war die Schließung des Kessels zwar auch dem einfachen Soldaten bekannt, aber daß eine ganze Armee von mehr als 250.000 Mann dem Unter-gang preisgegeben werden könnte, lag außerhalb jeglichen Vorstellungsvermögens. So wurde von den meisten die durchaus bedrohliche militärische Situation nicht ernst genommen. Geklagt wurde hauptsächlich, da der sehnsüchtig erwartete Urlaub nun in weite Ferne gerückt war.

Bei der Lektüre der Briefe darf nicht vergessen werden, daß sich die Verfasser einer gewissen Selbstzensur unterwarfen. Zum einen wollte man mit den Berichten von der Front die Angehörigen in der Heimat nicht allzu sehr beunruhigen. Zum anderen mußte man wegen der Feldpostzensur Vorsicht walten lassen. Bis zur Kapitulation wurden im Kessel von Stalingrad die Briefe der Armeeangehörigen von der Feldpostprüfung gründlichst ausgewertet. Es ist erstaunlich, wie korrekt und subtil die Feldpostprüfungsstellen der Armee bis zu dem Moment arbeiteten, als ihnen die Russen gleichsam den Bleistift aus der Hand nahmen.

Beide Gründe für die Selbstkontrolle sind aber auch nicht überzubewerten. Immer wieder wurden in den Briefen die Strapazen und Qualen des Krieges, bisweilen auch seine Grausamkeiten zumindest angedeutet. Die Angst vor der Feldpostzensur scheint im Laufe des Krieges abzunehmen, nicht zuletzt da es die Zensurbehörden vermieden, offen in Erscheinung zu treten. Briefe wurden bis zum Schluß geschrieben. Real bestand aber schon kurz nach der Einkesselung kaum mehr eine sichere Möglichkeit, Post befördern zu lassen. Doch die Soldaten klammerten sich an Illusionen. Solange noch die Hoffnung auf Postverkehr bestand, wähnten sie sich nicht verloren.

Die Briefe aus der Frühphase des Kessels, vom Beginn der Einschließungsoperation bis kurz vor Weihnachten, unterscheiden sich inhaltlich nur wenig von denen aus anderen östlichen Frontabschnitten. Überwiegend wird über Alltagsprobleme und das Wetter geschrieben. Die karge Landschaft ist unwirtlich, zuerst durch Matsch und Dauerregen, später durch die ungewohnte Kälte, die besonders durch die Steppenwinde unangenehm, zuweilen auch gefährlich wird. Doch die Klage über den strengen Winter und die große Kälte ist ein Stereotyp aller Briefe von der Ostfront. Die Betonung, man sei gesund, findet sich noch selten. Gute Gesundheit wird als Normalzustand vorausgesetzt.

Ein bedeutend differenzierteres Bild zeichnen die Briefe, die Ende Dezember/Anfang Januar geschrieben wurden. Es häufen sich Verstöße gegen die Geheimhaltungsvorschriften. Zwar gibt es in den Briefen nur wenige direkte Hinweise auf die immer bedrohlichere militärische Lage - die Einkesselung der 6. Armee wurde erst im Wehrmachtsbericht vom 16. Januar 1943 offiziell, wenn auch verklausuliert bekanntgegeben -, doch die Empfänger der Briefe werden aufgefordert, aus den Rundfunkberichten und den Verlautbarungen des Oberkommandos der Wehrmacht sich ein Bild der Situation der 6. Armee zu machen. Trotz der extremer werdenden Belastungen durch Hunger und Kälte reißt man sich zusammen. Die Rationen werden immer kleiner, bald gibt es nur noch eine Wassersuppe und 200 Gramm Brot am Tag, die Pferde werden als letzte Ration geschlachtet, selbst die Hufe ausgekocht. Nach Wochen des Hungers sind die Soldaten nur noch ein Schatten ihrer selbst. Krankheiten breiten sich aus.

Von Niedergeschlagenheit oder Kriegsverdrossenheit ist oft nur andeutungsweise die Rede, nicht zuletzt wohl aus Angst, wegen Defätismus zur Rechenschaft gezogen zu werden. Allenthalben präsent ist dagegen die Hoffnung auf baldige Besserung der Lage, was aber indirekt auch andeutet, wie genau man sich am Rande des Unterganges weiß.

Eine besonders emotionale Sprache prägt die zu Weihnachten und zum Jahreswechsel geschriebenen Briefe. Hier steht nicht so sehr die verzweifelte Lage im Mittelpunkt der Berichte, vielmehr wird beklagt, die Feiertage fernab von der geliebten Familie verbringen zu müssen. Die Gedanken der Soldaten schweifen in die Heimat. Sie erinnern sich an besondere und angenehme Erlebnisse im Familienkreis, an vergangene, friedlich verbrachte Weihnachtsfeiertage. Mit der Rückschau auf schöne Zeiten entsteht eine Märchenwelt, die deutliche Züge von Selbsttäuschung und Selbstillusionierung trägt. Die sentimentalen Gefühle verdrängen zum Teil die Klagen über die Unannehmlichkeiten, Belastungen und Gefahren des Kriegsalltags.

Der Jahreswechsel wird zum Anlaß genommen, den (Sieg)-Frieden für 1943 zu beschwören. In diesem Zusammenhang wird persönliches Glück darin gesehen, nach dem Krieg dort wieder anknüpfen zu können, wo das zivile Leben bei Kriegsausbruch endete. Die gegenwärtigen Leiden werden durchaus als Preis solchen Glücks verstanden. Nicht selten wird ein Anspruch auf "Wiedergutmachung" für die durchgestandenen Strapazen geltend gemacht. Man glaubt, ein Recht zu haben, die im Kessel vermißten Annehmlichkeiten des Lebens im baldigen Urlaub ausgiebig nachholen zu können.

Im Gegensatz zu denen, die nach dem siegreichen Abschluß der Kämpfe aus dem vollen schöpfen wollen, gibt es auch Stimmen, die sich von früherer Exzessivität, Oberflächlichkeit und Gedankenlosigkeit lossagen und sich dabei christlicher Werte erinnern. Der Notsituation wird mitunter sogar eine positive Seite abgewonnen. Man würde, so kann man in manchen Briefen lesen, endlich wieder einmal gezwungen, über den Sinn des Lebens nachzudenken. Die Situation im Kessel führe nach jahrelangem Wohlleben zu neuer Bescheidenheit, zur Reduzierung des Lebens auf "wirkliche" Bedürfnisse. Der Hunger, so schreiben einige, veranlasse zur Besinnung auf alte, zur Neubestimmung "wahrer" Werte; erst jetzt schätze man wieder die Bedeutung des einfachen Brotes.

Ob Vorfreude auf künftigen Genuß oder das Gelöbnis späterer Besonnenheit: einig sind sich die Briefschreiber in der Hoffnung, daß das Leben nach der Schlacht wieder unbeschadet in den alten Bahnen verlaufen wird. Der Kessel wird als Bewährungszeit verstanden; anschließend wollen die meisten um so bewußter leben. Häufig und gern zitiert werden die Worte eines damals populären Schlagers: "Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei, nach jedem Dezember folgt wieder ein Mai."

Doch es daneben klingen auch das Bewußtsein oder die Furcht an, daß die Einkesselung der 6. Armee endgültig und damit auch das eigene Schicksal besiegelt ist. Das Ende vor Augen nehmen die Soldaten oft in einer sehr ergreifenden Sprache Abschied von Ihren Familien, Freunden, der Heimat ­ vom eigenen Leben.

In der Endphase des Kessels, nach dem sowjetischen Großangriff vom 10. Januar 1943, werden die allgemeine militärische Situation und der Ausgang der Kesselschlacht in den Briefen ambivalent beurteilt: zunehmend skeptisch, doch auch Schimmer der Hoffnung dringen noch durch. Wachsende Beunruhigung empfinden die Soldaten angesichts der nun energischer werdenden Angriffe und wachsenden Kampfkraft der Roten Armee. Als bedrohlich erscheint die gute Bewaffnung und der Wille zum Durchhalten, hatte die deutsche Propaganda doch noch vor kurzem den "Russen" als am Ende seiner Kräfte dargestellt. Trotzdem: Die Lage sei ernst, aber nicht hoffnungslos, so die allgemeine Einschätzung. Ansonsten haben die Soldaten kaum differenzierte Vorstellungen vom militärischen Gegner, den Soldaten der Roten Armee und den sowjetischen Partisanen. Der "Feind", der "Russe" bleibt in den Briefen eigenartig unkonturiert. Die Stadt und die Menschen strahlen neben der Bedrohung eine große Fremdheit aus, unterstützt durch die Unwirtlichkeit des Ortes, der einer noch nie gesehenen, unbekannten Trümmerwüste gleicht. Die Deutschen empfinden kaum Schuldgefühle angesichts der enormen Zerstörungen. Schilderungen von Begegnungen mit der Zivilbevölkerung, die z.T. nicht evakuiert wurde und in den Trümmern zu überleben versucht, zeugen aber auch kaum von "Herrenmenschengeist".

Die bei vielen bis zum Schluß gehegte Überzeugung, man müsse nur einige Zeit aushalten bis zu Befreiung, Frieden, Kriegswende oder Urlaub bedingt, daß das Thema Kriegsgefangenschaft kaum eine Rolle spielt. Fast in jedem Brief finden sich auch nach den strapaziösen Wochen noch Sätze wie: "Ich bin gesund (und munter)" oder "Es geht mir (noch) gut." Hintergrund dafür mag die Erfahrung sein, daß gerade das Gegenteil zunehmend zum Normalfall im Kessel wird. Ein zentrales Problem der Briefschreiber ist die Tatsache, daß es seit langem keine regelmäßige Beförderung von Post mehr gibt. Im-mer wieder wird das Fehlen von Lebenszeichen aus der Heimat beklagt. Häufiger Grund von Befürchtungen sind die stärker werdenden Bombardierungen deutscher Städte durch die Alliierten.

Das Bedauern über das Nicht-Eintreffen besonders der Weihnachtspäckchen nimmt im Laufe der Zeit beinahe zwanghafte Züge an, stellen die Päckchen doch im Bewußtsein der Soldaten die einzige, scheinbar greifbare Möglichkeit dar, die Versorgung mit Nahrungsmitteln zu verbessern. Irrational ist die vielfach geäußerte Hoffnung auf baldigen Erhalt der Päckchen insofern, als jeder täglich erfahren muß, daß der Transportraum der Luftwaffe nicht einmal ausreicht, die Mindestversorgung der Armee zu garantieren. Auch die zahlreich geäußerten Hoffnungen auf baldigen Urlaub klammern sich zunehmend an Illusionen.

Generell ist festzustellen, daß im Laufe der Zeit, also mit Verschlechterung der Lage im Kessel, Wünsche zunehmend in Hoffnungen umschlagen. Das kommt nicht zuletzt im häufigen Gebrauch von Wörtern wie "Hoffnung", "hoffen", "hoffentlich" u. ä. zum Ausdruck. Je länger die Einschließung und damit die Notsituation andauert, um so bescheidener allerdings werden die Ansprüche und Vorstellungen von Glück. Die zunehmende Entfremdung von der Familie und vom bislang gewohnten Leben spiegelt sich in gefühlvoller Rückschau. Die zärtliche Anrede der Ehefrau gleicht nicht selten einer Beschwörung verlorener Gemeinsamkeit. Man erinnert sich in den Briefen vergangener schöner Erlebnisse und interessiert sich für die Alltagsnöte in der Heimat.

Die Unbeholfenheit beim Ausdruck von Zärtlichkeit läßt ahnen, daß hier Menschen unter großen Anstrengungen - oftmals im Angesichts des Todes und manche vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben - eine emotionale Sprache suchen. Viele von ihnen waren es nicht gewohnt, ihre Gefühle und Gedanken schriftlich mitzuteilen. Doch im Krieg schreibt jeder. Die Soldaten sind aus ihren familiären und sozialen Beziehungen gerissen worden. Der Brief ist die einzige Brücke zum früheren Leben. Die mangelnde Erfahrung beim Schreiben läßt zahllose Soldaten zu bekannten Stereotypen der Beschreibung von Gefühlen greifen. Mitunter finden auch Phrasen der NS-Propaganda Eingang in private Äußerungen. Das heißt nicht, daß man diese Phrasen wirklich verinnerlicht hat, sondern ist auf die Schwierigkeit zurückzuführen, eine eigene Sprache, persönliche Formulierungen zu finden. Die großen Worte sind Ausdruck von Sentimentalität. Hier schreiben keine "harten", sondern ausgesprochen "weiche" Männer, die sich in private Utopien zurückziehen.

Den größten Realitätsgehalt besitzen Berichte, in denen die alltäglichen, unmittelbaren Ereignisse zur Sprache kommen. So nehmen die Beschreibungen des harten Winters, der unzureichenden Quartiere, der Hungerrationen und der Läuseplage einen breiten Raum ein. Diese Passagen sind zum Teil sehr genau und teilen, obwohl das streng verboten ist, zahlreiche Einzelheiten mit. Häufig finden sich exakte Angaben über die immer kleiner werdenden Lebensmittelrationen. Doch es zeigt sich auch, daß die Soldaten viele Maßstäbe verloren haben. Die lapidare Bemerkung, man habe Glück, da die Temperaturen nur auf minus 20 Grad fallen, muß in Deutschland befremdlich gewirkt haben. Zum Teil sehr offen und ohne Scham wird über die eigene Verwahrlosung und Verlausung gesprochen.

Allgemein ist zu beobachten, daß die Kriegswirklichkeit nur fragmentarisch beschrieben wird. Es dominieren Themen wie Post, Kälte, Hunger und Läuse sowie persönliche Probleme aus dem Familien- und Freundeskreis. In vielen Briefen ist der Krieg überhaupt nicht präsent. Über militärische Kämpfe wird nur sehr selten berich-tet, nie sind sie ausführlich beschrieben; ein Grund dafür ist, abgesehen von den Bestimmungen der Zensur, sicherlich der Wunsch, der Realität in den Briefen weitgehend zu entfliehen. Es finden sich nur wenige Mitteilungen über Verwundungen, Krankheiten oder Erfrierungen, die es doch gerade in der Endphase des Kessels massenhaft gegeben hat. Wenn trotzdem über Verwundungen oder Erfrierungen berichtet wird, versucht man, sie herunterzuspielen, als harmlos oder fast überstanden darzustellen, auch wenn deren Gefährlichkeit auch für den Briefempfänger offensichtlich ist. Schwerverletzte sind meist nicht mehr in der Lage, über sich zu berichten. In den Briefen von Sanitätern und Ärzten allerdings zeigt sich das ganze Ausmaß des Elends.

In den Briefen werden nur selten Auflehnung oder gar Anklagen gegen die militärische und politische Führung Deutschlands formuliert. Die Stimmung unter den Soldaten ist durchaus nicht aggressiv. Es gibt keine wirkliche Opposition, wohl aber künden die Briefe von wachsender Depression oder Zynismus. Die Extremsituation des Kessels wird als Schicksal empfunden und angenommen, was nicht zuletzt in einer wachsenden Religiosität zum Ausdruck kommt.

Der Ernst der persönlichen Lage wird durchaus erkannt und beschrieben. Konsequenzen für das weitere Schicksal der Armee als Ganzes, das ja auch das persönliche Schicksal bestimmt, werden daraus jedoch kaum abgeleitet. Als unvorstellbar gilt, daß eine ganze deutsche Armee mit weit mehr als 100.000 Mann (die Vorstellungen über die Größe der 6. Armee sind bei den Soldaten natürlich recht unpräzise) vom Gegner geschlagen oder gar vernichtet werden kann. Das Bewußtsein, das eigene Schicksal mit einer unübersehbar großen Anzahl von Kameraden zu teilen, scheint für den Einzelnen eher eine ausgesprochene Beruhigung und Anlaß für Optimismus zu sein.

Der heutige Leser der Briefe mag Reflexionen über den Sinn des Krieges vermissen. Doch die Soldaten hatten zuviel mit dem alltäglichen (Über)Leben zu tun, als daß ihnen Kraft und Zeit geblieben wäre, über solche Fragen nachzudenken. Es war auch eine Art Selbstschutz, Ereignisse und Entwicklungen nicht weiter zu hinterfragen, wenn man sie ohnehin nicht beeinflussen konnte. Viele Briefe lesen sich in dieser Hinsicht fast wie eine Illustration des von der NS-Propaganda gern zitierten Satzes: "Deutsch sein heißt, etwas um seiner selbst willen tun."

Die wichtigste neue Erfahrung, die die menschliche Existenz im Krieg so grundsätzlich von der im Frieden unterscheidet, nämlich die Erfahrung, töten zu müssen, um der Gefahr zu entgehen, selber getötet zu werden, ist in den Äußerungen aus dem Stalingrader Kessel fast vollständig verdrängt. Die Briefe sagen über die militärischen Dimensionen des Krieges erstaunlich wenig aus. Die Übermächtigkeit des allgegenwärtigen Todes verdrängt die Gefahr und verhindert auf diese Weise die Suche nach Auswegen. Wer die Realität nicht oder nur zum Teil wahrnimmt, kann auch keine realen Alternativen zu ihr denken. Und doch ahnen die Soldaten den Untergang der Armee.

Generell wird der Krieg bzw. das Leben im Krieg in der Regel nur da ausführlich beschrieben, wo es sich mit den aus Friedenszeiten bekannten Vorstellungen, Erfahrungen und Werten formulieren läßt. In den Briefen erscheint der Krieg oft als die Fortsetzung des Lebens im Frieden unter anderen (schwereren, unangenehmeren, gefährlicheren) Bedingungen. Es scheint, daß der Krieg, sofern er sich mit Werten aus der Arbeitswelt in Friedenszeiten artikulieren läßt (Fleiß, Ausdauer, Durchhalten, Pflicht, Gehorsam, Unterordnung etc.), durchaus angenommen wird.

Vieles in den Briefen ist anrührend, manches erinnert an Klischees, die aus Film und Literatur hinlänglich bekannt sind. Vieles auch erscheint fremd und unverständlich. Nicht zuletzt weil niemand Extremsituationen wie die im Kessel von Stalingrad nachempfinden kann, der diese Hölle nicht hat durchmachen müssen.

Jens Ebert

Begleitung:

Feldpostbriefe aus Stalingrad
-> Feldpostsendereihe im Deutschlandfunk
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-> Stalingrad: eine Militärhistorische Skizze
-> Stalingrad: Zeittafel
-> Wolgograd: Geschichte einer Stadt
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