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 Feldpostbriefe aus Stalingrad
Zarizyn - Stalingrad - Wolgograd
Die Geschichte einer Stadt

Das kriegszerstörte Stalingrad 1943
Das kriegszerstörte Stalingrad 1943
 

Das Panorama-Museum im heutigen Wolgograd
Das Panorama-Museum im heutigen Wolgograd
 
  Im Jahre 1589 wird zum ersten mal schriftlich die Gründung einer Stadt am Knie der Wolga erwähnt, an einem "Übergang", wo Schiffe von Schleppern aus diesem Strom in den Don herübergezogen wurden. Dieser Übergang wurde bereits seit dem Altertum von nomadisierenden Völkergruppen benutzt, hier verliefen viele Handelswege nach Griechenland, Rom und Byzanz. Später eroberten tatarische und mongolische Heere das Gebiet, es wurde zum Stammland der Goldenen Horde. Nach der Eroberung durch das Russische Reich errichtete man hier zum Schutz der Handelswege eine Hölzerne Festung. Der Name der Stadt, "Zarizyn" hat nichts, wie oft irrtümlich geglaubt wird, etwas mit der Zarenfamilie zu tun, sonder entstand aus dem Zusammenklang der tatarischen Wörter "sary" (gelb) und "su" (Wasser).

Der Sekretär der holsteinischen Botschaft beschreibt die Stadt 1636 wie folgt: "Sie liegt am rechten Ufer auf einem kleineren Hügel, der in Form eines Parallelogramms erbaut ist, mit sechs Bollwerken und Türmen, die nur von Schützen besiedelt sind, deren Anzahl etwa 400 beträgt."

Über Jahrhunderte gab es im Gebiet um die untere Wolga Volksunruhen, angeführt u.a. durch Stjepan Rasin oder Jemeljan Pugatschow. Seit der Herrschaft Peter I. erlebt die Stadt einen wirtschaftlichen Aufschwung. In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts beginnt die Besiedlung der gesamten unteren Wolga, u.a. auch durch deutsche Siedler, die von Katharina II. ins Land geholt wurden. Unweit Zarizyns gründen Herrenhuter aus Sachsen 1765 die deutsche Siedlung Sarepta. Ab 1862 verbinden Eisenbahnlinien das Gebiet u.a. mit Moskau, Riga und den Kaukasus. Zaryzin wird ein Industriezentrum mit Anlagen zur Erdölverarbeitung, Fischfabriken, einer Holzindustrie und Handelsagenturen. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts werden ein Straßenbahnnetz, Telefonverbindungen und Wasserleitungen installiert. Kultur und Wissenschaft werden von der reichen örtlichen Oberschicht gefördert, die Bevölkerung wächst stürmisch. Nach Meinung von Zeitgenossen besitzt Zaryzin die schönste und bestausgebaute Uferstraße an der Wolga.

Doch die Industrialisierung führt auch zu einer Verelendung des Proletariats, die in Protestaktionen und Unruhen ihren Ausdruck findet. Nach der niedergeschlagenen Revolution von 1905 siegt 1917 auch an der Wolga die Sowjetmacht, muß sich aber unter großen Verlusten im folgenden Bürgerkrieg behaupten.

Mitte der 20er Jahre beginnt eine zweite Industrialisierungsphase. Mit Hilfe des US-Konzern Ford entsteht ein riesiges Traktorenwerk. 1925 wird Zaryzin in Stalingrad umbenannt. In diesen Boom-Jahren werden viele historische Stadtviertel abgerissen. Für die wachsende Bevölkerung werden große Mietshäuser im Geschmack jener Zeit errichtet. Das Gesicht der Stadt ändert sich rasant.

Während der Stalingrader Schlacht 1942/43 wird die Stadt fast vollständig zerstört, große Verluste unter der Zivilbevölkerung sind zu beklagen, u.a. weil die sowjetische Führung die Evakuierung zu spät einleitet.

Nach dem Krieg wird Stalingrad völlig neu und verändert wieder aufgebaut. Das Zentrum wird geprägt durch pompöse neoklassizistische und neobarocke Bauten im "Stalin-Stil". Zahlreiche deutsche Kriegsgefangene müssen beim Wiederaufbau helfen. Erneut steigt die Stadt zu einem industriellen Schwerpunkt auf. In der Folge der Entstalinisierung wird sie unter Chruschtschow 1961 in Wolgograd umbenannt.

Heute breitet sich das Stadtgebiet ca. 90 km am Wolgaufer aus. Hier wohnen mehr als eine Million Menschen. Mehrere Theater, Hochschulen und eine Universität prägen das kulturelle und geistige Leben der Stadt, in der die Veränderungen seit den Umbrüchen in den 90er Jahren auf neue Entwicklungen, aber auch auf neue Konflikte verweisen.

Feldpostbriefe aus Stalingrad
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-> Stalingrad: eine Militärhistorische Skizze
-> Stalingrad: Zeittafel
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