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Feldpostbriefe - Lettres de poilus

»... wer fällt, der stirbt den Heldentod«

Vor achtzig Jahren, am 11. November 1918 endete der Erste Weltkrieg. Daran erinnert eine neue Sendereihe des Deutschlandfunk, die in Zusammenarbeit mit Radio France und dem deutsch-französischem Jugendwerk entstand. Präsentiert werden Feldpostbriefe, die Hörerinnen und Hörer uns geschickt haben. Dokumente von Begeisterung und Hingabe, von Ernüchterung und Entsetzen. Der Erste Weltkrieg im Spiegel von Feldpostbriefen, ab dem 2. November montags bis freitags um 8:20 Uhr in den "Informationen am Morgen".

Im Internet haben Sie die Möglichkeit historische Begleitinformationen, mit umfangreichen Text-, Bild- und Tonmaterial zum Ersten Weltkrieg abzurufen. Daneben können Sie montags bis freitags ab 8:30 Uhr das aktuelle Manuskript nachlesen und die Sendung im RealAudio-Format anhören.

2. Sendung - 3. November

September 1914. Die Euphorie des Aufbruchs ist mit der Marne-Schlacht verflogen. Auf deutscher Seite ist der Schlieffen-Plan gescheitert, die Vorstellung eines raschen Sieges entpuppt sich als Illusion. Erstmals erteilt das deutsche Oberkommando einen Rückzugsbefehl. Die Franzosen sprechen vom "Wunder an der Marne ". Hatten die Soldaten im Sommer dem Kaiser noch geglaubt, als er ihnen zurief, man werde "wieder zuhause sein, wenn die Blätter fallen", machen sich jetzt Zweifel breit.

Am 22. September 1914 schreibt Richard Hoffmann an Mutter und Schwester über seine Verlegung an die Front. Der Brief trägt den Feldpost-Stempel Straßburg/Neudorf.

" Beim Morgengrauen erreichten wir einen Bahnhof an der deutschen Grenze, längs des Weges Zeichen des Kampfes, zerstampfte Äcker; im wüsten Wirrwarr allerhand Kriegsgerät, Leute, die die letzten Gefallenen begruben und in der Luft der penetrante Geruch des Schlachtfeldes. Wir durchstöberten einige Tornister, überall Briefe und Karten, französische und deutsche, an die Lieben daheim mit dem hoffnungsvollen Schluß auf ein gesundes Wiedersehen. Die sie schrieben: tot. Das gab nun eine ziemlich ernste Stimmung. Nun ging der Marsch los - endlos, endlos bis zum sinkenden Abend; denn wir sollten noch ins Gefecht eingreifen.....Am späten Nachmittag waren wir über die französische Grenze gekommen, wir wußten es nicht......

Es war Abend geworden, immer näher kamen wir dem Geschützdonner und deutlich konnten wir am Knall die eigenen Schüsse und die einschlagenden feindlichen Geschosse unterscheiden. Keiner sagt etwas - doch der Gedankengang ist wohl bei allen so ziemlich derselbe. Dann kam die Nachricht, daß wir erst am nächsten Morgen in Stellung fahren würden und so wurden wir am ersten Abend in dem französischen Dorf Parray oder so ähnlich einquartiert. Ein schmutziges Dorf, wie alle Dörfer, die ich in Frankreich gesehen habe."

Der Brief des Soldaten ist im ersten Teil von negativen Schilderungen geprägt. Das ändert sich nach der ersten Begegnung mit der Bevölkerung, die gezwungen ist, den Feind zu beherbergen:

"Mit Hilfe eines Kameraden, der perfekt französisch sprach, brachten wir unsere Wirtinnen dazu, uns unseren Kaffee zu kochen und Milch zu liefern......Dann unterhielten wir uns noch mit ihnen über den Krieg. Es war nun doch interessant zu hören, wie die französische Bevölkerung über den Krieg dachte. Sie wünschten ihn ebenso wenig wie wir, ihre Männer standen auch im Felde, dienten in dem Korps, das uns gegenüberstand - welche Ironie des Schicksals - morgen rissen vielleicht unsere Granaten eben diese nieder, - das ist der Krieg !"

Kaum anders die Gedanken der französischen Soldaten in diesem September 1914. Auch sie geprägt vom Feindbild, von den Gedanken an den Sieg und, im Falle Frankreichs, an die Revanche für die Niederlage im deutsch-französischen Krieg von 1870/71. Geprägt aber auch von dem Eindruck, daß die Art der Kriegsführung zu Beginn des Jahrhunderts eine neue, eine andere ist, daß die Rolle des Soldaten sich verändert, die Technik, die Artillerie an Bedeutung gewonnen hat. So schreibt der französische Soldat Maurice Maréchal am 27. September 1914 nach Hause:

"Ah, que c'est long et monotone et déprimant. Voilà 15 jours que nous restons sur place. En 1870, autant que je me rappelle, il y eut de formidables batailles où les armées se cognèrent vraiment avec acharnement ! ....

Ach, wie langwierig und monoton und deprimierend das ist. Seit zwei Wochen treten wir auf der Stelle. So weit ich mich erinnere, gab es 1870 echte Schlachten, wo sich die Armeen erbitterte Kämpfe lieferten ! Man spricht heute noch von Gravelotte, Reischoffen, Rezonville. Diese Namen stehen für Aktion, Kraftentfaltung für einen gemeinsamen Einsatz, Energie,

Heldentum !... Ich denke an diese Reiterregimenter, die über die Ebene fegen, die Kämpfe Mann gegen Mann, oder in den Dorfstraßen. Sie haben damals die Preußen zu sehen bekommen ! Wir hingegen sehen sie nicht ! Die Aufgabe der Infanterie läßt sich ziemlich leicht zusammenfassen: "Sich so gut wie möglich nicht von der Artillerie töten lassen." Deswegen marschieren wir nachts, die Truppenbewegungen vollziehen sich in der Morgendämmerung , und am Abend hat man immer den Eindruck, daß wir uns verstecken würden. Sind wir nun im Gefechtsgebiet angekommen, nimmt jeder den ihm angewiesenen Posten ein, hier die eine Kompanie, dort die andere. Dann gräbt man sich in die Schützengräben ein und wartet. Man sieht nichts, doch man hört etwas: Das ist zumindest etwas ! Die Artillerie schlägt los, man zählt die Kracher, man riskiert für einen flüchtigen Blick seine Deckung, um die Entfernung abzumessen, in der die Geschosse einschlagen; man wirft sich Hals über Kopf zu Boden, wenn man das ironische und spöttische Zischen einer solchen "schwarzen Sau" hört ! Und das ist das Heldentum unserer Tage: Sich so gut wie möglich zu verstecken.

... Et voilà l'héroisme de nos jours: se cacher le mieux possible! ... Il fait froid, les mains gèlent sur le guidon, et on ne sait pas bien, oh non vraiment, si on a fait quoi que se soit d'utile pour la Patrie ! On n'a pas agit !!" ...

Es ist kalt, die Hände frieren über dem Visier und man weiß nicht, wirklich nicht, ob man für das Vaterland etwas Nützliches vollbracht hat! Wir waren tatenlos !"