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Feldpostbriefe - Lettres de poilus

»... wer fällt, der stirbt den Heldentod«

Vor achtzig Jahren, am 11. November 1918 endete der Erste Weltkrieg. Daran erinnert eine neue Sendereihe des Deutschlandfunk, die in Zusammenarbeit mit Radio France und dem deutsch-französischem Jugendwerk entstand. Präsentiert werden Feldpostbriefe, die Hörerinnen und Hörer uns geschickt haben. Dokumente von Begeisterung und Hingabe, von Ernüchterung und Entsetzen. Der Erste Weltkrieg im Spiegel von Feldpostbriefen, ab dem 2. November montags bis freitags um 8:20 Uhr in den "Informationen am Morgen".

Im Internet haben Sie die Möglichkeit historische Begleitinformationen, mit umfangreichen Text-, Bild- und Tonmaterial zum Ersten Weltkrieg abzurufen. Daneben können Sie montags bis freitags ab 8:30 Uhr das aktuelle Manuskript nachlesen und die Sendung im RealAudio-Format anhören.

19. Sendung 26. November

Kriegswunden.

Im Ersten Weltkrieg fallen auf beiden Seiten mehr als 20 Millionen Soldaten. Eben so viele kehren verkrüppelt in die Heimat zurück. Die meisten Frontkämpfer sind seelisch schwer verwundet: Wenn überhaupt wird es lange Zeit brauchen, bis sie die Erlebnisse und die jahrelange Angst verarbeitet haben. Sprachlosigkeit einerseits, andererseits das Bedürfnis, alles genau mitzuteilen, kennzeichnen die Briefe der entscheidenden Schlachten im letzten Kriegsjahr.

Der Soldat Erich Sidow aus Brandenburg kommt nach Einsätzen in Galizien im Hochsommer 1918 an die Westfront. Seine Einheit liegt in dem erbittert umkämpften Frontbogen zwischen Compiègne und Noyon.

Am 17. August 1918 schreibt der 30 Jahre alte Erich Sidow an seine Frau nach Hamburg:

"In diesen Tagen haben wir etwas Schreckliches, nicht zu beschreibendes durchgemacht. Wenn ich das mit Worten erzähle, ist es lange nicht das, was es in Wahrheit ist. Ich habe jetzt drei Tage Ruhe in der Revierstube hinter mir. Erst jetzt kommt mein Verstand zu klarem Bewußtsein.

Wir lagen am 9. auf unserem MG-Stützpunkt "Else". In der Nacht vom 9. zum 10. kam Befehl, ohne daß etwas passiert war, "zurückgehen auf einen befohlenen Punkt". Dort kam alles in Ruhe an. Auch die anderen Truppen änderten ihre Stellung, scheinbar ohne vom Feind bemerkt zu sein. Es war ein strategischer Rückzug, denn rechts hatte der Franzose ein Offensive begonnen und unsere Stellung wurde dadurch unhaltbar. (...)

Der Sonntagmorgen begann mit einem heftigen Trommelfeuer. So mancher blieb schon dort, aber es sollte noch schlimmer kommen. Dieses Trommelfeuer wiederholte er, der Franzmann, viermal am Tag.

Stets kam ich und meine Kameraden, von denen wir zwei schon am Tag vorher durch Verwundung verloren hatten, davon. Am Abend kam dann der Befehl: "Der erste Zug zur Unterstützung der 12. Kompanie ganz nach vorn". Es wurde dunkel. Wir rückten vor und gruben uns ein. Die Nacht war gut. Auf Posten fiel ich vor Müdigkeit um - drei Tage hatte ich nicht geschlafen. Um 13 Uhr mittags begann der Franzer wieder mit Trommelfeuer. Meine Stunde war gekommen. Ich lag neben meinem Kameraden Emil Lichtenfeld im Graben. Wir beide haben uns zusammen einen dürftigen Unterschlupf gebaut. Es waren die ersten Schüsse, als ich hoch geschleudert wurde. Erdmassen schoben sich unter mich.

Ich war ohne Sinnen in diesem Augenblick. Doch bald kam wieder das Bewußtsein zurück: Verschüttet! Lebendig unter schweren Erdmassen begraben. In wenigen Augenblicken geht die Luft aus, es kommt der Tod! Ich schrie: "Emil , bist du da?" - "Ja, Erich , schrei´ nicht so, atme ruhig!" - "Hilfe, Hilfe!" Darauf Emil wieder: "Bete lieber ein Vater unser!" Ich stutzte, zweifelte, überlegte. Nein, es wäre für mich Spott gewesen. Ich dachte an Vater und Mutter, die nie wissen sollten, wo ich geblieben wäre. Langsam versandete bei dem heftigen Atem, bei weniger werdender Luft Mund und Nase. Ich fühlte, daß es dem Ende zuging. Indessen haben drei todesmutige Kameraden während des heftigsten Granatregens ihr Rettungswerk begonnen.

Kamerad Emil, der über mir lag, war bald befreit. Zu meiner Befreiung brauchte man jedoch eine viel, viel längere Zeit. Wie wunderbar war die Welt um mich, als ich wieder frei atmen durfte, obwohl Granate auf Granate neues

Verderben in unsere Reihen brachte. Man packte mich unter den Armen und zog mich so unter den Erdmassen hervor. Ein Stiefel, der rechte, blieb drin stecken. Rechts war ich barfuß. Die Namen der Tapferen, denen ich mein Leben verdanke, will ich nicht vergessen: Unteroffizier Burmeister, Gefreiter Bartholomäus, Schütze Scholz. (...) Nur vier Mann von unserem ersten Zug kamen an jenem Tage heil davon. (...) Unsere Gewehre waren verschüttet. Unsere Anwesenheit vorn war zwecklos, denn wir waren durch alle Beschädigungen kampfunfähig. Deshalb hieß es: Zurück, ob Feuer oder nicht. Mein Tornister war vergraben. Ich hatte das nackte Leben gerettet. Barfuß rannte ich über das aufgewühlte Schlachtfeld, sprang über Gräben und Drahtverhaue. Die Leichtverwundeten schleppten sich selbst fort, die Heilen trugen die zum Krüppel Geschossenen rückwärts. Auf dem Verbandsplatz erhielt jeder seine Bestimmung. Die Verwundeten kamen ins Lazarett, wir beide ins Regimentsrevier, wo ich drei Tage und Nächte geschlafen haben. Ich weiß nicht, ob du mich noch anfassen würdest, wenn du mich jetzt sähest. Schmutzig am ganzen Körper, das Gesicht mit Schrammen bedeckt, der Bart wer weiß wie lange gewachsen, die Kleider zerissen.

Mein Eßnapf ist eine alte Konservenbüchse, meinen Trinkbecher habe ich auf dem Müllhaufen, meinen Löffel auf der Landstraße gefunden, nur damit man das nötigste besitzt. Kommt dir da nicht der Ekel? So lebt ein Krieger! Alle Kultur, alle Eigenheit geht zum Teufel. Es sind dieses meine ersten Kriegserlebnisse. Aber was es auf der Welt Schreckliches gibt, habe ich gesehen und gekostet. Ich bin durch Artillerie-Sperrfeuer gelaufen, habe Gas geschluckt, bin durch Trommelfeuer zermürbt worden. Maschinengewehrkugeln sausten um mich und mancher Infanterist hat mich aufs Korn gehabt. Ich habe Verwundete gesehen, Tote, die zur

Unkenntlichkeit verstümmelt waren. Schreckliches, abermals Schreckliches. Damit genug für heute. In Zukunft werde ich euch mit solchen Berichten verschonen. Glaube mir, diese wenigen Worte können nichts sagen, von den wahren, furchtbaren Leiden des Kampfsoldaten, von denen sich niemand ein Bild machen kann, der nie gesehen, nie miterlebt hat. "