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  Feldpostbriefe - Lettres de poilus

»... wer fällt, der stirbt den Heldentod«

 

Begleitinformationen

4. Zeit der Entscheidung 1917/18

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  1. Kriegsbeginn 1914
  2. Patt und Stagnation 1915
  3. Das große Gemetzel 1916/17
  4. Zeit der Entscheidung 1917/18
  5. Museen und Ausstellungen zur Westfront
  6. Literatur- hinweise
  7. Impressum
Zwei historische Ereignisse führten 1917 zur entscheidenden Kriegswende: die russische Oktoberrevolution und der Kriegseintritt der USA im April 1917, an beiden hatte die deutsche Führung direkten bzw. indirekten Anteil. Lenin wurde auf Veranlassung Ludendorffs aus seinem Schweizer Exil durch Deutschland hindurch nach Petrograd geschleust. Die USA sah sich durch die Erklärung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges zur Aufgabe ihrer bisherigen Neutralität veranlaßt. Nach der Unterzeichnung des Friedens von Brest-Litowsk zwischen Rußland und dem Deutschen Reich (März 1918) begann Ludendorff mit der Verlegung der im Osten stationierten Truppen, die er für die “große Schlacht“ gegen die Alliierten an der Westfront benötigte. Dabei stand die OHL unter Zeitdruck, da sie im Verlauf des Jahres 1918 mit einer endgültigen Verschiebung des Kräfteverhältnisses zugunsten der Alliierten durch das Eingreifen der nach Europa entsandten US-Truppen rechnen mußte.

Mit dem Kriegseintritt der USA waren alle Bemühungen der Reichsleitung, die ohnehin auf überzogenen Forderungen basierten, konterkariert worden, durch die Vermittlung des amerikanischen Präsidenten Wilson zu Friedensverhandlungen zu kommen. Ohne Zweifel hatte der Wechsel in der OHL im August 1916 eine deutliche Verbesserung der durch Falkenhayn verfahrenen militärischen Lage gebracht. Ludendorff erließ u.a. neue taktische Vorschriften, die die bisherigen Erfahrungen in den Materialschlachten umsetzten und zunächst die Abwehrmethoden "verfeinerten". Vor allem erlaubte Ludendorff Rückzugsbewegungen und Frontverkürzungen, um günstigere Verteidigungspositionen zu gewinnen und Truppen zu sparen. Zu seinen strategischen Leistungen gehörte der von den Alliierten unbemerkt gebliebene Rückzug auf die Siegfriedstellung im März 1917, bei dem aber zugleich die rücksichtslose Methode der "verbrannten Erde" zum ersten Mal im Hinterland der Westfront Anwendung fand.

Politisch bedeutete der Wechsel in der OHL praktisch die Aussschaltung der zivilen Reichsregierung, den Sturz des Kanzlers Bethmann-Hollweg und die Errichtung einer "Militärdiktatur". Das rein militärische Denken der Heeresführung wurde weder der Kriegsmüdigkeit in der Heimat, der Desillusionierung der Mannschaften an der Front, noch der allgemeinen Friedenssehnsucht in Deutschland gerecht. Mehrere Großoffensiven der Alliierten bestimmten 1917 das Geschehen an der Westfront: neben der bereits erwähnten Schlacht in Flandern gab es Angriffe der englischen Armee bei Arras im April/Mai, der französischen Armee am Chemin-des-Dames und an der Aisne, wo der neue französische Oberbefehlshaber Nivelle die Kriegsentscheidung suchte. Eine gigantische "Feuerwalze" sollte der Infanterie den Weg ebnen, doch die Länge der Offensivanstrengungen führte im Mai zu den ersten Meutereien ganzer Truppenverbände, die die französische Zivilregierung mit der Ablösung Nivelles durch Pétain, dem "Sieger von Verdun", beantwortete. Es war kein Zufall, daß die drei Großoffensiven, die Ludendorff im März/April 1918 südlich von Ypern, zwischen Arras und Reims befahl, trotz überraschender Anfangserfolge letzten Endes steckenblieben. Die deutsche Heeresleitung war mit diesem Versuch, eine Entscheidung zu erzwingen, ihr letztes Wagnis in diesem Krieg eingegangen. Nach dem Scheitern der Offensiven war der militärische Zusammenbruch der deutschen Armee nicht mehr aufzuhalten.

Die deutschen Soldaten verbanden mit den Vorbereitungen zur Offensive 1918 noch einmal letzte Hoffnungen auf ein baldiges Kriegsende durch einen überzeugenden deutschen Sieg. Um so stärker wirkte sich der Rückschlag aus, das Mißlingen trotz gewaltiger Kraftanstrengungen und Konzentration aller noch verfügbaren Reserven. Jetzt dominierten nicht mehr fatalistisches Durchhalten und Ausharren die Gefühle der Soldaten. Eine tiefsitzende Desillusionierung war eingetreten, die Kriegsmüdigkeit schlug in Kriegsunlust, in Verweigerungshaltung um, die bis zu vereinzelter Befehlsverweigerung reichte.

Am 18. Juli begann die lang erwartete Gegenoffensive der Alliierten, erstmals unter einem gemeinsamen Oberbefehl, mit einem Masseneinsatz von Panzern, der eine nicht mehr zur Ruhe kommende Rückwärtsbewegung der deutschen Armeen einleitete. Am 14. August erklärte die OHL den Kampf für aussichtslos, am 29. September forderte sie die sofortigen Waffenstillstandsverhandlungen durch die zivile Reichsregierung, womit sie die Verantwortung für die Niederlage erfolgreich auf die Politiker abschob und damit die Grundlage für die spätere "Dolchstoß-Legende" schuf. Im Oktober begannen die Meutereien der deutschen Hochseeflotte, die sich zur Revolution ausweiteten. Am 11. November wurde der Waffenstillstand in Compiègne abgeschlossen. In Berlin war zu diesem Zeitpunkt bereits die Republik ausgerufen worden und der deutsche Kaiser ins Exil geflohen.

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