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31.07.2009
Die Fischereiflotten der Welt müssten viel öfter im Hafen bleiben. (Bild: AP) Die Fischereiflotten der Welt müssten viel öfter im Hafen bleiben. (Bild: AP)

Wenig Licht vor viel Schatten

Weltweite Bestandsaufnahme der Fischerei

Biologie. - Die Meere werden zunehmend leergefischt, warnen Experten schon seit Jahren. Doch der Trend zur Überfischung ist nicht unumkehrbar. Eine umfassende Bestandsaufnahme in der aktuellen "Science" zeigt, das energische Gegenmaßnahmen Erfolg haben. Boris Worm, Biologieprofessor an der kanadischen Dalhousie-Universität erläutert die Ergebnisse im Gespräch mit Grit Kienzlen.

Kienzlen: Herr Worm, ist die Überfischung tatsächlich noch umkehrbar?

Worm: Also ich denke, mit Sicherheit ist der Trend der Überfischung der Weltmeere noch umkehrbar. Das sehen wir in der Analyse sehr deutlich, dass dort, wo einschneidende Maßnahmen ergriffen worden sind, vor allen Dingen nicht nur eine Maßnahme zur Begrenzung der Überfischung, sondern vielfältige Maßnahmen, die sozusagen ineinander greifen, können die Fischerei dort noch erheblich verringern und dann können sich die Bestände auch erholen.

Kienzlen: Welche Regionen haben Sie denn untersucht, und wie repräsentativ sind die?

Worm: Also, unsere Analyse war weltweit, aber wir konnten in verschiedenen Regionen unterschiedlichen Detailreichtum an Daten erfassen. Ganz detailliert konnten wir uns das angucken in Island, in der Nordsee, in der Ostsee, hier vor der kanadischen Küste, vor der US-Ostküste, in der keltischen See, da um Irland bis Frankreich hin, in Australien, Neuseeland, Alaska und Kalifornien. Das sind so die Gebiete, wo über lange Zeiträume sehr, sehr detaillierte Daten zum Fischbestand und auch zu den Fangraten erfasst worden sind. Und da können wir wirklich sehen, nicht nur wie sich der Bestand entwickelt, sondern auch wie sich der Fischereidruck entwickelt. Und das ist ja im wesentlichen so die Ursache von Überfischung. Da können wir genau ablesen, wie sich das entwickelt. Auch wenn die Fischbestände noch nicht sich erholen, können wir sehen, dass die Ursache der Überfischung zurückgeht und damit überhaupt eine Chance auf Erholung besteht. Das ist die gute Nachricht in der Veröffentlichung, dass der Fischereidruck insgesamt doch langsam nachlässt, in diesen zehn Regionen.

Kienzlen: Gilt das auch für die Nordsee?

Worm: In der Nordsee nimmt der Fischereidruck auch langsam ab, über die nächsten zehn oder 15 Jahre, trotzdem ist er insgesamt gesehen noch deutlich zu hoch. Die Nordsee, die Ostsee, und die keltische See, also im Prinzip alle nordeuropäischen Gebiete außer Island waren in der Analyse doch am oberen Ende der realisierten Fangraten, also, obwohl es da in einigen Gebieten, vor allem in der Nordsee, eine positive Entwicklung zu verzeichnen gibt, ist die Fangrate immer noch deutlich zu hoch.

Kienzlen: Die Isländer machen es also besser als wir?

Worm: Ja, genau. In Island haben wir einen doch sehr deutlichen Rückgang festgestellt, der etwa auf dem Niveau ist, was man als den maximum sustainable yield bezeichnet, wo das Ökosystem quasi die maximale Produktion erzielt für die Fischerei. Das heißt nicht, dass da alles in Ordnung ist. Auch unter diesen Bedingungen, das haben wir eben auch deutlich gezeigt, können Fischbestände noch kollabieren. Und wir empfehlen doch, dass man deutlich unter dieses Niveau geht, wie es zum Beispiel in Kalifornien oder in Neuseeland der Fall ist, wo der Fischereidruck soweit gesunken ist, dass die Bestände sich doch dann deutlich erholen können, oder auch unproduktive Arten, die aber nichts desto trotz ein wichtiger Teil des Ökosystems sind, dass auch diese eine Chance haben, aus den sehr verringerten Beständen sich wieder zu erholen.

Kienzlen: Was sind denn die wichtigsten Dinge, die unternommen worden sind, um den Fischereidruck zu senken?

Worm: Also, die vier wichtigsten Dinge, sage ich mal, zur Senkung des Fischereidrucks in diesen zehn Gebieten, für die wir wirklich gute Daten hatten, wo das auch passiert ist zum Teil, waren: Einschränkung in den Fischereimethoden, also dass bestimmte Methoden einfach nicht mehr eingesetzt werden, oder nur noch begrenzt eingesetzt werden. Dann, Schutzgebiete waren ganz wichtig. Eine Reduzierung der Kapazität der Fischereiflotte, das ist bekannt, dass die weltweit viel zu hoch ist. Also, es gibt zu viele Boote, die zu wenig Fische jagen. Und dann auch eine Reduzierung der Gesamtfangmenge, die überhaupt erlaubt ist. Das waren so die vier wichtigsten, da gab es aber auch einige andere Methoden, wie zum Beispiel Eigentumsrechte für Fischer, das ist eine relativ neue Methode, wo es darum geht, im Prinzip den Anreiz für Fischer zu erhöhen, zu einer Erholung der Bestände beizutragen, und nicht wie bisher zu einer Überfischung der Bestände. Und das geht dadurch, dass man den Beteiligten garantiert einen gewissen Anteil an der Fangmenge. Die Fangmenge variiert je nach Größe des Bestandes. Aber der prozentuale Anteil eines Fischers oder einer Fischereigenossenschaft zum Beispiel auch, ist konstant. Das ist zum Beispiel so, als würde man Aktien an einem Betrieb haben, und je besser es dem Betrieb geht, desto mehr ist die Aktie wert. Und insofern kriegt man eine mehr langfristige Sicht, was die Erholung der Bestände angeht, auch wenn es kurzfristig zu verringerten Fangmengen führt, langfristig ist der eigene Anteil dann deutlich mehr wert, und dadurch hat man den Anreiz, dass man das so macht.

Kienzlen: Sie sagen, langfristig und kurzfristig. Mit was für Einbußen müssen denn Fischer kurzfristig rechnen bei diesen Maßnahmen, um tatsächlich langfristig zu profitieren?

Worm: Das kann man so ganz pauschal nicht sagen. Da gibt es keine Faustregel, wie sehr der Fang verringert werden muss. Was man aber deutlich sehen kann, ist, dass je früher diese Maßnahmen ergriffen werden, desto weniger einschneidend sind sie. Also das Extrembeispiel in die andere Richtung ist ja Ostkanada, wo die Bestände eben komplett zusammengebrochen sind, vor allen Dingen Dorschbestände, aber auch andere Grundfischarten, und wo die Fischerei komplett eingestellt werden musste und jetzt 15 Jahre später immer noch keine Erholung der Bestände zu sehen ist. Da ist man einfach zu weit gegangen, das veränderte dann auch das Ökosystemen in einer Weise, die dann vielleicht einer Erholung der Bestände nicht zuträglich ist. Aber wenn das früher gemacht wird, wie zum Beispiel vor der amerikanischen Ostküste, da hat man ein großes Schutzgebiet eingerichtet und den Fischereiaufwand deutlich verringert, da kann man dann sehen, dass schon im folgenden Jahr und dann über einen Zeitraum von fünf bis 10 Jahren die Bestände ganz, ganz dramatisch erholen und dann auch die Fischerei über einen relativ übersehbaren Zeitraum eingeschränkt werden muss.

Kienzlen: Sehen Sie denn ein Unterschied im Umgang von reicheren und ärmeren Nationen mit ihren Fischbeständen?

Worm: Ja, also, ich muss einschränken, dass wir uns in den Entwicklungsländern die Fischbestände nicht sehr gut angucken konnten, weil wir nur sehr unzulängliche Daten hatten. Was wir aber sehen konnten, dass auch in den Entwicklungsländern, in Kenia hatten wir ein Beispiel, wo die Fangraten verringert werden, wo bestimmte sehr unselektive Fischereimethoden verboten werden, wo Schutzgebiete eingerichtet werden, da sehen wir auch dort eine Erholung der Bestände und vor allen Dingen auch ein zunehmendes Einkommen der Fischer. Also, dass auch dann nicht nur das Ökosystem profitiert, sondern eben die Fischer auch mit. Und ich denke, das ist so eine Hauptbotschaft unseres Papers: Das geht zusammen. Also, die Ökonomie und die Ökologie sind im Meer nicht zu trennen. Wenn es dem Ökosystem schlecht geht, wenn Bestände kollabieren, wenn die Biodiversität abnimmt, dann kann die Fischerei auch nicht bestehen.

Kienzlen: Im Zusammenhang mit der Piraterie vor Somalia ist die Welt ja mit der Tatsache konfrontiert worden, dass illegale Fischtrawler aus aller Herren Länder den Somalis dort ihren Fisch wegfangen. Machen solche illegalen Aktivitäten nicht jetzt die Schutzbemühungen allesamt zunichte?

Worm: Ja also, die illegale Fischerei ist weltweit ein großes Problem. Aber auch dieses Problem, das ist jetzt nicht in unserem Paper, aber in einer anderen Publikation aus dem letzten Jahr, ist weltweit doch rückläufig. Also auch da greifen Bestimmungen und Gesetze zur Einschränkung der illegalen Fischerei doch zunehmend. Das heißt nicht, dass das Problem nicht mehr da ist. Besonders in Afrika, was sie gerade angesprochen haben, ist es sehr, sehr deutlich, das zeigen wir in unserem Paper auch, dass also der Zugriff industrialisierter Länder auf die Fischerei in Afrika sehr groß ist. Und da finden auch etliche illegale Aktivitäten statt. Auch in der Nordsee zum Beispiel gibt es immer noch illegale Fischerei, zum Beispiel auf den Dorsch. Aber auch das ist rückläufig und da gibt es wirklich Bemühungen, das ganz auf eine nachhaltige Basis zu stellen. Und ich denke, wir können nicht Entwarnung geben, auf keinen Fall, wir sehen zum Beispiel, dass der Kollaps der Fischbestände immer noch zunimmt, weltweit. Wenn wir alle Daten zusammennehmen, die wir haben, sehen wir immer noch den zunehmenden Trend, den wir auch schon vor vier Jahren anhand der Fangraten festgestellt haben, aber individuell in einigen Regionen sehen wir halt, dass die Hauptursache der Überfischung, der Fischereidruck, doch langsam zurückgeht. Und das ist Grund zur Hoffnung, ich denke, diese lokalen Erfolge können auch andere inspirieren, dem zu folgen, wenn sie sehen, dass das wirklich gut ist, nicht nur für das Ökosystem, sondern auch für die Ökonomie.


 
 

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