Ökologie. - Die Menschheit wirtschaftet so, als ob die Erde keine Grenzen hätte. Damit unsere Zivilisation nicht in höchste Schwierigkeiten gerät, plädieren Wissenschaftler jetzt dafür, Grenzen zu setzen, bis zu denen wir unseren Planeten beanspruchen dürfen. Ihr Konzept, das nicht nur das Klimasystem betrachtet, stellen die Forscher jetzt in "Nature" vor.
"Der Erde ist die Menschheit egal. Unsere Aufgabe als Wissenschaftler ist es jedoch, die Menschheit zu bewahren. Dabei konzentrieren wir uns auf den Planeten, weil wir gelernt haben, dass die Zivilisation nur dann bestehen kann, wenn die Erde ihr einen sicheren Rahmen liefert und die Ökosysteme funktionieren",
erklärt Johan Rockström vom Stockholm Resilience Centre. Auch wenn es nach Damoklesschwert klingt: Die Menschheit übt inzwischen einen so großen Druck auf die Erde aus, dass es ein böses Erwachen geben könnte - und genau das wollen die Forscher um Johan Rockström mit ihrem Konzept von den Planetengrenzen verhindern:
"Das Konzept basiert auf der Einsicht, dass die Menschheit tief in grundlegende Prozesse des Systems Erde eingreift. Deshalb schlagen wir vor, die Schlüsselprozesse zu bestimmen, von denen die Stabilität des Ganzen abhängt. Dann ermitteln wir für jeden dieser Prozesse seine kritische Grenze, die nicht überschritten werden darf, wenn die Erde nicht in einen Zustand kippen soll, in dem unumkehrbare, katastrophale Veränderungen ablaufen."
Als erstrebenswert sehen die Forscher den Zustand vor Beginn der Industrialisierung an. Zur Vorstellung des Konzepts haben sie erst einmal neun Schlüsselbereiche ausgemacht: Klimawandel, Landnutzung, Meeresversauerung, Stickstoff- und Phosphoreinsatz in Düngemitteln, Wasserverbrauch, Umwelt- und Luftverschmutzung sowie das Artensterben. Rockström:
"Sehr besorgt stimmt uns derzeit der Wasserverbrauch, vor allem in der industrialisierten Landwirtschaft, und die Änderung von Landnutzung, also das Anlegen neuer landwirtschaftlicher Flächen, ebenso die Belastung der Meere durch Phosphorverbindungen und die Meeresversauerung. Auf diesen Feldern bewegen wir uns bedrohlich schnell auf die Grenzen zu, die wir als sicher einschätzen. Außerdem haben wir bei drei Schlüsselprozessen die sicheren Grenzen überschritten: beim Klimawandel, beim Stickstoffzyklus und Artenschwund."
Allerdings seien die gewählten Grenzwerte lediglich eine erste Abschätzung, und auch die Zahl der Schlüsselbereiche könne sich noch ändern, so Rockström. Der Gruppe, zu der auch Nobelpreisträger Paul Crutzen gehört, wollte eine erste Bestandsaufnahme und Analyse vorlegen, die weiterentwickelt werden müsste. Sie schätzen jedoch, so Rockström:
"Bei den Sicherheitsgrenzen für den Stickstoffzyklus und den Artenschwund sind wir bereits um Größenordnungen über das Ziel hinausgeschossen, sehr viel weiter als beim Klimawandel, den wir derzeit jedoch als einziges Problemfeld angehen. Wir müssen dringend die Überdüngung stark zurückfahren, ebenso den Grad des Artensterbens. Wir brauchen Biodiversität, wenn der Planet im Gleichgewicht bleiben soll, denn die Biologie steuert den Wasserhaushalt und puffert die Treibhausgasemissionen. Das funktioniert nur, solange die Vielfalt intakt ist. Zerstören wir sie, steigt das Risiko, dass die Ökosysteme Grenzen durchbrechen."
Vor allem, weil es zahllose Rückkopplungsmechanismen zwischen den verschiedenen Schlüsselbereichen gibt, die einander verstärken können. Das Konzept der Forscher" von den Planetengrenzen soll das bisherige von der nachhaltigen Entwicklung ablösen. Das setze dabei an, die Umwelteinflüsse zu reduzieren - aber das reiche nicht:
"Bei dem Konzept der Nachhaltigen Entwicklung halten wir die wirtschaftliche Entwicklung immer noch für das wichtigstes Ziel. Es geht um Wachstum, und wir sehen die Umwelt immer noch als etwas an, dass wir ausbeuten können, auch wenn wir uns darum bemühen müssen, die Folgen zu minimieren. Unser Ansatz von den Planetengrenzen funktioniert genau andersherum: Das System Erde mit seiner Fähigkeit, sich selbst in stabilem Zustand zu halten, muss die Grenzen für unser Wirtschaften und Entwickeln setzen. Diese Grenzen müssen wir respektieren, wir dürfen sie nicht überschreiten. Das ist ein grundlegender Unterschied."
Nur innerhalb der sicheren Grenzen könne sich die Menschheit noch frei entfalten, so Rockström. Allerdings wird das ein grundlegendes Umdenken erfordern. Nein, es gehe nicht darum, ein Untergangsszenario zu entwerfen: Die Menschheit habe beim Kampf gegen das Ozonloch bewiesen, dass sie sehr wohl mit großen Herausforderungen fertig wird - wenn sie will.
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