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12.11.2009
Aids ist eine weltweite Bedrohung. (Bild: AP) Aids ist eine weltweite Bedrohung. (Bild: AP)

Teuer erkaufter Sieg

Ärzte sorgen sich um Langzeitfolgen der HIV-Therapie

Medizin. - Die Eindämmung des Aids-Virus durch einen modernen Medikamentencocktail gelingt in der Regel gut. Allerdings erwarten die Ärzte eine ganze Reihe von Langzeitfolgen der Dauertherapie. Von der Europäischen Aids-Konferenz in Köln berichtet der Wissenschaftsjournalist Martin Winkelheide im Gespräch mit Ralf Krauter.

Krauter: Herr Winkelheide, das HI-Virus in Schach zu halten, das war ja lange das oberste Ziel. Sehen die Ärzte das jetzt nicht mehr so, oder warum hat man plötzlich die Schattenseiten im Fokus?

Winkelheide: Das Virus in Schach zu halten ist nach wie vor das wichtigste Ziel, denn es geht ja darum, dass Patienten regelmäßig ihre Medikamente einnehmen, damit das Virus sich nicht vermehren kann, und die Medikamente auch so konsequent einzunehmen, dass das Virus sich nicht ändern kann. Dass es nicht resistent werden kann gegen einen oder mehrere Bestandteile aus diesem Medikamenten-Cocktail. Man weiß sehr viel schon über die akuten Nebenwirkungen der Medikamente. Und man hat in den letzten Jahren viel daran gebastelt, möglichst verträgliche Kombinationen hinzubekommen. Was man sich jetzt eben fragt: Was passiert eigentlich, wenn die diese Medikamente über lange Jahre einnehmen. Denn es ist so, die meisten Infizierten in Deutschland sind zwischen 30 und 50 Jahre alt, und sie werden ein Leben lang diese Medikamente nehmen. Wenn sich heute jemand mit 35 Jahren ansteckt, hat er theoretisch eine Lebenserwartung von 40 Jahren, dann wird er 75, das ist fast schon so wie die Normalbevölkerung. Man könnte also eigentlich froh sein, und sagen, alles in Ordnung. Aber man sieht plötzlich Krankheiten auftauchen, mit denen man nicht gerechnet hat. Und da stellt man sich natürlich die Frage, woran liegt das eigentlich. Liegt das am Virus selber oder ist das tatsächlich eine Langzeitfolge von den Medikamenten.

Krauter: Welche Probleme könnten die Medikamente denn langfristig verursachen?

Winkelheide: Man weiß, sie wirbeln nach wie vor ein bisschen den Fettstoffwechsel durcheinander. Das ist ein bisschen besser geworden, aber das Risiko (..) eines erhöhten Herzinfarktrisikos besteht nach wie vor. Und was man jetzt in den letzten Jahren gesehen hat: Es gibt auch ein höheres Risiko für Knochenschwäche, für Osteoporose. Das heißt, auch in jungen Jahren schon sieht man die jungen Menschen mit HIV, die behandelt werden, die haben ein höheres Risiko für Knochenbrüche und es gibt ein höheres Risiko für Nierenerkrankungen und für eine Fülle an anderen Erkrankungen, auch bakterielle Infektionen der Lunge sind nach wie vor ein Problem. Und was man eben auch sieht, ist, dass das Immunsystem trotz Therapie sich nicht so (...) wieder erholt, wie man es sich eigentlich erhofft hatte, und das über viele lange Jahre. Und die Frage, die sich die Ärzte stellen: Was ist denn, wenn die Patienten die Medikamente über 20 oder 30 oder noch mehr Jahre angewendet haben? Was kommt da noch auf uns zu und auf die Patienten zu?

Krauter: Die Nebenwirkungen, die Sie gerade aufzählen, da steht ja auf der Habenseite, dass die Medikamente das Virus mehr oder weniger komplett lahm legen. Kann man dazu sagen?

Winkelheide: Das Virus wird schon daran gehindert, dass es sich vermehrt. Und das gelingt auch sehr effektiv. Das ist sozusagen der große Erfolg. Das Problem ist, man weiß nicht genau, gibt es da nicht doch so ein paar Viren, die sich vermehren, nicht viele, aber eben ein paar, und die eben auch immer dafür sorgen, dass das Immunsystem ein bisschen angeregt wird und dass das Virus möglicherweise auch Schäden im Gehirn anrichten. Und man sieht eben jetzt, dass das Virus möglicherweise so etwas wie die Alterung beschleunigt. Und in Kombination mit den Nebenwirkungen der Medikamente dann eben das Risiko hochtreibt einen Herzinfarkt, auch das Risiko für eine Insulinresistenz, also dass die früher Altersdiabetes entwickeln, aber was man sich eben besonders fragt, (…) diese Entzündungsreaktionen, die macht den Forschern besonders Sorge.

Krauter: Gibt es sind schon Ideen, wie man die in den Griff bekommen könnte, diese negativen Begleiterscheinungen?

Winkelheide: Also, man fokussiert jetzt ein bisschen auf die Entzündungsreaktionen, will einfach erst einmal verstehen, was passiert da eigentlich. Liegt es möglicherweise an Infektionen mit anderen Viren, wir reden hier von dem Cytomegalovirus, das jeder zweite von uns in sich trägt zum Beispiel. Und eine andere Frage ist, inwieweit wird, dadurch dass das Virus in der Anfangszeit Zerstörungen im Darm anrichtet, vielleicht die Architektur des Darms verändert, dass plötzlich Bakterienpartikel ins Blut gelangen und dann eine chronische Entzündungsreaktionen auslösen. Hier verfolgt man viele Spuren, aber die entscheidende Spur hat man noch nicht gefunden.


 
 

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Sendezeit: 12.11.2009 16:36

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