Genetik. - Gentests sind ein umstrittenes und immer preiswerteres Instrument. In der aktuellen "Science" wird über eine ganze Familie berichtet, deren Genome sequenziert und verglichen wurden, damit man die Vererbung seltener Krankheiten erkennen kann. Der Wissenschaftsjournalist Volkart Wildermuth berichtet im Gespräch mit Katrin Zöfel.
Zöfel: Herr Wildermuth, warum haben sich die Forscher denn die Mühe gemacht, eine ganze Familie unter das Genmikroskop zulegen?
Wildermuth: Ja, dafür gab es zwei Gründe: einen eher biologischen und einen eher medizinischen. Auf der biologischen Seite ist es so, dass die Forscher erstmals genau nachverfolgen konnten, wie die Gene von einer Menschengeneration auf die nächste vererbt werden, wie Mutationen entstehen und so weiter. Es gibt da auch einen medizinischen Aspekt: Die zwei Kinder der Familie, sie leiden an zwei Erbkrankheiten, und die Wissenschaftler wollten wissen, welche Gene dafür verantwortlich sind.
Zöfel: Bleiben wir zunächst einmal beim ersten Punkt. Die Vererbung wird ja seit Mendels Zeiten untersucht. Was bringt diese aufwändige Analyse denn Neues?
Wildermuth: Ja aufwändig, war sie wirklich. Die mussten diese vier Erbgut jeweils 40 mal sequenzieren, damit sie wirklich sicher sein konnten, die Fehler ausgeschlossen zu haben. Und als sie das dann alles verglichen haben, haben sie festgestellt, bei der Vererbung von einer Generation auf die nächste da entstehen bei drei Milliarden genetischen Bausteinen des Menschen etwa 60 Fehler. Damit ist die menschliche Vererbungsmaschinerie sogar noch etwas besser als ihr Ruf. Frühere Schätzungen haben nämlich mit etwa 75 dieser Punktmutationen gerechnet.
Zöfel: Solche Punktmutationen sind das Rohmaterial der Evolution, sie können aber auch Erbkrankheiten verursachen. Zunächst einmal, um welche Erbkrankheiten handelt es sich denn bei dieser Familie?
Wildermuth: Ja, diese Kinder, es sind zwei Söhne, die leiden zum einen am Miller-Syndrom, bei dem sind das Gesicht und die Gliedmaßen verformt. Der Unterkiefer zum Beispiel ist viel zu klein. Diese Erbkrankheit ist extrem selten, etwa einer von einer Million Menschen ist betroffen. Aber diese Kinder haben wirklich Pech, die leiden noch an einer zweiten Erbkrankheit, die heißt primäre zyliäre Dyskenesie, oder PCD, da funktionieren die Flimmerhärchen in der Lunge nicht richtig. Der Schleim bleibt kleben, die Kinder husten ganz schrecklich, kriegen häufig Lungenentzündung, sind geschwächt. Die Ursache dieser PCD, die war schon bekannt, aber das Miller-Syndrom, das wollten die Forscher auf der DNA aufspüren.
Zöfel: Wie konnte da der Erbgut-Vergleich dieser Familie weiterhelfen?
Wildermuth: Normalerweise machen die Forscher Untersuchungen über ganz viele Familien, die eine solche Krankheit haben, mit relativ groben Methoden. Die sind einen anderen Weg gegangen, die Forscher, sie haben nur eine Familie genommen, aber haben da bis ins genetische Detail geguckt. Und das ermöglicht es ihnen bei den Kindern genau zu sagen, woher kommt den jedes Erbgutstück, vom Vater oder von der Mutter, wo kommt das genau her. Das ist deshalb wichtig, weil man vom Erbgang her weiß, die beiden Söhne müssen an der verantwortliche Stelle jeweils ein und dasselbe Stück DNA vom Vater und von der Mutter haben. Und mit diesen Kriterien konnte man schon einmal [von] 22 Prozent des Erbguts sagen, da muss es drin sein. Das ist immer noch viel Holz, aber weil es eine so seltene Erbkrankheit ist, wusste man auch, häufige Genvariationen können nicht verantwortlich sein. Es blieben dann vier Genvarianten übrig, die waren verdächtig. Dann haben die Forscher noch bei anderen Kranken geguckt, die an den selben Leiden zu kämpfen haben, und haben dann wirklich die beiden verantwortlichen Gene gefunden. Das eine kannte man schon, wie gesagt, das andere, das Miller-Syndrom, das ist erst jetzt herausgefunden worden.
Zöfel: Hat denn jetzt diese neue Studie Auswirkungen auf die vorgeburtliche Diagnostik?
Wildermuth: Ich glaube vorerst nicht. Bei der vorgeburtlichen Diagnostik, da nehmen die Ärzte ja nur winzige Proben des Fötus, um nach Gendefekten zu suchen. Das ganze Genom kann man an diesen wenigen Zellen nicht durchbuchstabieren. Es ist dann aber so ein zweistufiges Verfahren denkbar, da wird dann zuerst das komplette Genom der künftigen Eltern sequenziert, und wenn sich dann irgendwelche Webfehler in der DNA zeigen, dann kann man gezielt beim Fötus gucken. Aber dann bleibt als Alternative auch nur die Abtreibung. Man muss auch sagen, selbst mit diesem Verfahren: Eine Garantie auf ein gesundes Kind gibt es nicht. Es gibt immer noch das Problem nicht ererbter Entwicklungsstörungen.
Zöfel: Was meinen Sie, gehört der Genomanalyse trotzdem die Zukunft?
Wildermuth: Ja, die Autoren dieses "Science"-Artikels, die sind davon sichtlich überzeugt. Die schreiben, dass solche Untersuchungen in Zukunft Bestandteil jeder Krankenakte sein würden. Ich bin da eher skeptisch. Diese neue Form von Familienanalyse, die kann tatsächlich helfen, seltene Erbkrankheiten zu entschlüsseln und zu enträtseln. Aber die meisten Krankheiten, mit denen wir uns herumschlagen, Krebs, Kreislaufleiden, Zuckerkrankheit und so weiter, die werden nicht von einem Gen verursacht, das man damit finden könnte, sondern von vielen Genen gleichzeitig. Das geht nicht. Ich glaube so ein genetisches Familienporträt gibt einem wenig Informationen, die der eigenen Gesundheit weiterhelfen.
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