Polarforschung. - Das Meereis auf dem Arktischen Ozean schrumpfte in den jüngsten auf Rekordumfänge. Gleichzeitig nimmt auch seine Dicke ab, was dafür spricht, dass mehrjähriges Eis zunehmend durch junges Eis ersetzt wird. Die Klimamodelle hinken dieser Realität weiterhin hinterher. Über die Gründe diskutierten Arktisforscher in Miami.
Im Sommer nimmt das Meereis der Arktis inzwischen eine Fläche ein, die 40 Prozent kleiner ist als noch zu Beginn der Satellitenmessungen vor drei Jahrzehnten. Außerdem werden die Schollen immer dünner: Im Septembermittel beträgt die Eisdicke im Arktischen Ozean nicht mehr 3,7 Meter, sondern nur noch 2,6. Und es gibt noch eine auffällige Veränderung: Das Meereis im Nordpolargebiet wird immer jünger. Es gibt kaum noch älteres Eis, das es über den warmen Sommer schafft. Das meiste wird im Winter neu gebildet. Mark Tschudi, Spezialist für die Fernerkundung von Meereis an der Universität von Colorado in Boulder in den USA:
"Mitte der 80er Jahre hatten wir noch eine Eisbedeckung in der Arktis, die zu einem großen Teil fünf Jahre und noch älter war, gemischt mit einjährigem Eis, das im Winter neu hinzukam. Es waren in die Jahre gekommene Schollen. Heute haben wir eine Bedeckung, die von ganz jungem, ein- und zweijährigem Eis dominiert wird."
Das macht einen großen Unterschied, wie der Atmosphärenforscher jetzt auf der Fachtagung in Miami schilderte. Denn das Alter des Eises beeinflusst offenbar, wie gut es einfallendes Sonnenlicht zurückwirft und dadurch die Umgebung kühl hält. Experten sprechen vom Reflektionsvermögen oder von der Albedo einer Oberfläche. Tschudi:
"Wir haben festgestellt, daß einjähriges Eis eine niedrigere Albedo hat als mehrjähriges. Das heißt, es schluckt mehr Sonnenlicht und erwärmt sich dadurch. Die jungen Schollen schmelzen deshalb stärker als ältere. Nach unseren ersten Kalkulationen können sie bei gleicher Einstrahlungsrate im Sommer einen halben Meter mehr Eis verlieren."
Im Prinzip wäre es denkbar, daß die sommerliche Eisschmelze im Nordpolargebiet gar nicht so tragisch ist. Denn im harschen arktischen Winter kann sich das Meereis ja jedes Mal wieder neu bilden. Das tut es auch. Nur: Das Eis wird nicht mehr so dick wie früher. Und wie sich jetzt zeigt, absorbiert es auch noch mehr Sonnenlicht, was zu einer weiteren Erwärmung führt und in der Folge zu noch stärkeren Eisverlusten. So etwas nennt man Rückkopplung im Klimasystem. Doch warum reflektiert junges Eis auftreffende Strahlung nicht so gut? Mark Tschudi:
"Wenn Meereis im Sommer schmilzt, entstehen Wassertümpel auf seiner Oberfläche. Dieses Wasser sickert ein und kann einjähriges Eis, das ja sehr dünn ist, so tief auftauen, daß der Ozean darunter durchschimmert. Das Meer ist sehr dunkel. Dadurch wird viel mehr Sonnenstrahlung absorbiert."
Die Polarforscher stehen immer noch vor einem Rätsel: Die Arktis verändert sich schneller als in allen Eis- und Klimamodellen. Irgendetwas fehlt also in den Simulationen. Dazu zählt sicher auch die verringerte Rückstrahlkraft des jungen Meereises. Es sollte auf jeden Fall in den Computermodellen berücksichtigt werden, empfahl Mark Tschudi jetzt in Miami. Andere Referenten verwiesen auf weitere, bisher vernachlässigte Faktoren. So etwa der Ozeanograph Wieslaw Maslowski, Professor an der US-Marinehochschule im kalifornischen Monterey:
"Wir haben durch eigene Modellierungen und den Vergleich mit Messdaten herausgefunden, daß der Arktische Ozean vor Alaska und Kanada inzwischen mehr Wärme speichert als früher. Wir gehen davon aus, daß diese Energie im Winter nicht mehr komplett an die Atmosphäre abgegeben wird. Eine gewisse Wärmemenge verbleibt stattdessen unter der Eiskappe. Es könnte sein, daß sich dadurch im Winter weniger Meereis neu bildet."
Auch Windzirkulation und Wolkenbedeckung in der Arktis verändern sich - weitere Faktoren in dem komplizierten Klima-Puzzle. Gelöst ist es noch nicht, doch die Forschung macht offenbar Fortschritte.
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