Meeresforschung. - Der "Zensus des marinen Lebens" ist eines der ehrgeizigsten Projekte der jüngeren Wissenschaftsgeschichte. Zehn Jahre lang haben über 2000 Forscher so etwas wie eine Bestandsaufnahme der Weltmeere versucht. Die Wissenschaftsjournalistin Dagmar Röhrlich erklärt im Gespräch mit Katrin Zöfel die Gründe.
Zöfel: Frau Röhrlich, hätten denn 20.000 Forscher in einem Jahr dieselben Ergebnisse liefern können?
Röhrlich: Nein, bestimmt nicht. Man muss sich das einmal vorstellen, dass 99 Prozent des Lebensraums im Meer ist, unter Wasser haben wir einen riesigen, dreidimensionalen Lebensraum. Der verändert sich ständig durch natürliche Prozesse, durch menschliche Einflüsse, beispielsweise durch den Klimawandel, den berühmten, oder halt auch durch die Überfischung, mit der wir sehr zu kämpfen haben. Wenn ich jetzt nur ein Jahr lang Leute überallhin schicke und nur eine kurze Zeit schaue, dann ist das praktisch so, als würde ich Leute in "Romeo und Julia" reinsetzen, würde ihnen die Augen verbinden und die Ohren zustopfen und würde sie irgendwann einmal mittendrin eine Minute lang zuschauen lassen, um dann zu sagen: "jetzt erzähl mir einmal, was da überhaupt los ist, die gesamte Geschichte!" Weil das nicht geht, ist es so wichtig, dass man Langzeituntersuchungen hat, und das war das Besondere für die Forscher. Und die hoffen natürlich jetzt auch, dass sie auch außerhalb des Meereszensus solche Langzeituntersuchungen weiter durchführen können, das war einfach für sie die große Chance, die Meere etwas besser zu verstehen.
Zöfel: Die Forscher haben sich jetzt aber nicht nur die Mühe gemacht, den Ist-Zustand, oder den gegenwärtigen Zustand der Meere abzubilden, sondern auch die Vergangenheit und die Zukunft. Warum?
Röhrlich: Ja, es geht dem Zensus ja vor allem darum, dass man die Meere rettet. Es gibt ja ganz viele Bedrohungen, wenn man das hört, da möchte man eigentlich verzweifeln. Aber die haben gesagt, wir geben den Kampf natürlich nicht auf. Nur, wenn ich vernünftige Schutzmaßnahmen entwickeln will, für so komplexe Ökosysteme, die ich ja noch nicht einmal richtig erfassen kann, dann ist es ja schon einmal ganz praktisch, beispielsweise die Stunde Null zu finden. Wie sah das Meer aus, bevor der Mensch Einfluss genommen hat? Das war eines der Ziele des Meereszensus, dass man da einmal ein bisschen nachforscht. Es hat ja ganz erstaunliche Effekte gegeben. Ein Beispiel: im 18. Jahrhundert muss es in der Karibik 30 Millionen Suppenschildkröten gegeben haben. Die schwammen da durch das Wasser und grasten und die Seegraswiesen ab, das müssen Herden gewesen sei, ganz unvorstellbar heute für uns. Und die wurden zu Millionen weggefangen, innerhalb relativ kurzer Zeit wurden Millionen von Tiere Jahr für Jahr exportiert, um da Suppe draus zu machen oder um das Schildpatt zu Luxusgegenständen zu verarbeiten. Die gibt es heute nicht mehr.
Zöfel: Und ist es denn jetzt möglich, den alten Zustand mit Millionen von Suppenschildkröte, um beim Beispiel zu bleiben, wieder herzustellen?
Röhrlich: Also diese Suppenschildkröten werden wir wahrscheinlich nie wieder so in dieser Vielfalt sehen. Jedenfalls, solange der Mensch beschließt, dass Meer für sich zu nutzen. Und bei sechseinhalb Milliarden Menschen auf der Erde, Tendenz steigend, wird der Mensch das Meer immer nutzen wollen. Es ist so, dadurch, dass ich die Suppenschildkröten herausgenommen habe, habe ich das Ökosystem vollkommen verändert. Die Karibik ist heute ein armes Ökosystem, auch wenn Taucher das so gar nicht glauben werden. Früher gab es wohl ganz vielfältige Seegraswiesen, mit unterschiedlichen Arten. Das ist vielleicht zu vergleichen mit einer Almwiese, wo die Kühe ja dafür sorgen, dass das Gras kurz bleibt und ganz viele verschiedene Kräuter dort leben können. Das haben wir im Meer die Suppenschildkröte herausgenommen. Wenn es auf der Almwiese wäre, würde irgendwann einmal der Wald anfangen zu wuchern. Da hat eine Seegras-Art alles überwuchert, es ist viel mehr Schlamm, als früher da war in diesem System, und statt Suppenschildkröten habe ich heute Millionen von Seegurken, was irgendwo ein schlechter Tausch ist. Aber zurück kann ich halt nicht mehr.
Zöfel: Kann man mit all den Daten bedrohte Tierarten zumindest besser schützen?
Röhrlich: Da gibt es ein wunderschönes Projekt mit der Lederschildkröte, die in Costa Rica nistet. Man hat diese Tiere mit so genannten Tags versehen, mit Biologgern, die sozusagen die Wanderwege den Forschern zeigen. Und man hat so herausbekommen, dass sie nach der Eiablage direkt zu den Galapagosinseln schwimmen. Wenn ich jetzt also während dieser paar Wochen, die diese weitgehend auf dem Weg zu den Galapagosinseln sind, dort also beispielsweise die Fischerei verbiete, denn an diesen Haken in der Fischerei sterben sehr viele Schildkröten, dann habe ich sehr viel zum Schutz der Lederschildkröte getan. Diese einzige Zeit des Jahres, wo die konzentriert irgendwo zu finden sind, da würden sie dann nicht weggefangen, danach zerstreuen sich in die Meere und dann haben sie viel bessere Überlebenschancen.
Hinweis: An den Osterfeiertagen können Sie in "Wissenschaft im Brennpunkt", jeweils um 16:30 Uhr, die Feature-Reihe "Weißt Du wieviel Fischlein ziehen" über den Meereszensus hören.
Morgen, 2. April: Teil 1: Vergangener Reichtum
Mehr zum Thema biologische Vielfalt finden Sie unter:
http://www.dradio.de/vielfalt.
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