Biologie. - Wale sind besondere Meeresbewohner, diejenigen die sie jagen, tun das mit ähnlicher Inbrunst, wie sie die andere Seite verteidigt. Dieser tiefe Graben führt auch die Internationale Walfangkommission regelmäßig wieder in eine Zerreißprobe. Ein US-Walforscher hat jetzt ein Argument der Walfangbefürworter widerlegt: Nach genetischen Studien leben zurzeit nur noch Bruchteile der ehemaligen Walpopulationen. Die derzeitigen Verhandlungen der Walfangkommission in Marokko hat die Forschung nicht beeinflusst.
In den Südozeanen sieht man sie noch recht häufig, die antarktischen Minkwale. Mindestens 300.000 bis 400.000 Tiere soll es geben, so die jüngsten Schätzungen. Die japanische Walfangindustrie spricht jedoch von 760.000: So steht es auf jeder Packung Walfleisch, die dort über den Ladentisch geht:
"Das japanische Außenministerium bekundet auf einer Internetseite, dass die Minkwale früher selten gewesen und im 20. Jahrhundert zu einer wahren Pest in der Antarktis geworden seien",
zitiert Steve Palumbi von der Stanford University. Er ist Direktor der Hopkins Marine Station im kalifornischen Monterey. Der Bestand an Minkwalen soll explodiert sein, weil sie ihre Nahrungsgrundlage - den Krill - nicht mehr wie früher mit anderen Walen teilen müssen. Schließlich haben Walfänger im 20. Jahrhundert mehr als zwei Millionen Blau-, Finn- und Buckelwale abgeschlachtet. Wissenschaftlich nachgeprüft worden sei diese Behauptung nie, so Palumbi. An diese Aufgabe machte sich seine Forschungsgruppe. Um an das Material für die genetischen Studien zu kommen, ließen sich die Wissenschaftler in japanischen Hotels Walfleisch aufs Zimmer bringen und entnahmen Proben:
"Aus der DNA der heute lebenden Walpopulationen lässt sich sozusagen die Vergangenheit ablesen. Kurz gesagt ist es so, dass die genetische Vielfalt in einer heute lebenden Population umso größer ist, je mehr Tiere früher gelebt haben."
Zusammen mit der Mutationsrate lässt sich aus der genetischen Vielfalt die Größe der früheren Populationen abschätzen. Bei den Minkwalen zeigen die Untersuchungen, dass die Tiere seit Hunderttausenden von Jahren sehr häufig gewesen sein müssen:
"Wir haben herausgefunden, dass die Zahl der Minkwale über mehrere Eiszeiten hinweg bei rund 670.000 Tieren gelegen hat."
Die Behauptung, dass die Minkwale heute zu häufig seien und deshalb abgeschossen werden müssten, ließe sich wissenschaftlich nicht halten:
"That reason should just be taken off the table, it is simply not true, there is no evidence for it."
Dass es vor dem Walfang Populationen von 670.000 Minkwale gegeben hat, damit haben auch die Forscher der Stanford University nicht gerechnet, so Palumbi:
"Die große genetische Vielfalt bei den Minkwalen hat uns überrascht, übrigens genau wie die bei den Pazifischen Grauwalen und den Atlantischen Buckelwalen. Das bedeutet, dass auch diese Wale früher sehr viel häufiger waren als wie es heute wissen."
Danach liegt der Bestand an Blauwalen heute nur noch bei etwa ein bis zwei Prozent des früheren, bei den Finnwale seien es etwa zwei bis drei Prozent sein. Bislang bestritten Walfangbefürworter, dass es früher so viele Wale gegeben haben könnte. Das gilt auch für die 45.000 Grauwalen, die für den Pazifik angenommen worden waren:
"Jeder hielt diese Zahl für zu hoch, aber die genetischen Analysen bestätigen sie. Das gleiche gilt für die Buckelwale. Den Analysen zufolge haben früher einmal 100.000 Buckelwale im Atlantik gelebt. Heute sind es vielleicht noch 20.000 oder 30.000. Die Genanalysen zeigen, dass die Meere sehr viele Wale ernähren."
Wobei sich das durch den Klimawandel ändern könnte: Denn wenn das Meereis verschwindet und sich die Wassertemperaturen erhöhen, gibt es weniger Krill - und damit für viele Walarten weniger zu fressen. Der Fang ist also nicht die einzige Bedrohung, die den Walen zu schaffen macht.
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