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09.01.2012
Im Oktober 2005 wurde die Kaschmir-Region bereits von einem starken Erdbeben erschüttert. (Bild: AP) Im Oktober 2005 wurde die Kaschmir-Region bereits von einem starken Erdbeben erschüttert. (Bild: AP)

Seismische Gefahr im Kaschmir-Tal

Indien und Pakistan könnte ein Megabeben drohen

Von Dagmar Röhrlich

Geologie.- Die Kaschmir-Region im Nordwesten Indiens könnte von einem Beben der Stärke 9 erschüttert werden. Das fürchten US-amerikanische Seismologen aufgrund der Auswertung neuer GPS-Daten aus dem vergangenen Jahrzehnt. Ein Beben dieser Stärke hätte jedoch verheerende Folgen für die dicht besiedelte Region.

Vor 70 Millionen Jahren begann die Kollision, durch die der Himalaja entstand: Die indische Platte rammte sich in die eurasische hinein und ließ dabei ein ganzes Meer verschwinden: die Tethys. Seitdem hebt sich der Himalaja hoch und höher, denn Indien drängt weiterhin nach Norden. Dabei bauen sich Spannungen auf, die sich immer wieder in Erdbeben lösen. Aber große Beben sind selten:

"Allerdings drängen sich in der Ganges-Ebene viele Millionen Menschen in den Städten und Mega-Städten, und es gibt in der Region einige Kernkraftwerke. Außerdem stehen sich zwei bis an die Zähne bewaffnete Nuklearmächte gegenüber, die sich um diesen Landstrich streiten."

Damit meint Roger Bilham von der University of Colorado in Boulder das Kaschmir-Tal. Dieser Teil des Himalaja ist seismologisch wenig untersucht, denn Feldarbeiten sind in dem politisch umstrittenen Gebiet schwierig. Inzwischen ist über den Himalaja verteilt ein Netz aus GPS-Stationen installiert worden. Mit ihrer Hilfe können die Bewegungen des Untergrunds aus dem Erdorbit heraus genau verfolgt werden. Diese GPS-Messungen lassen vermuten, dass es im Kaschmir-Teil des Himalaja ein Beben mit einer Stärke von 8.9 oder 9 geben könnte:

"Wir wissen nun, dass sich der ganze tektonische Stress in einer nördlich an das Kaschmir-Tal anschließenden Bergkette aufbaut. Die GPS-Daten zeigen, dass die potenzielle Bruchzone nicht - wie angenommen - 80 Kilometer breit ist, sondern 200 Kilometer. Deshalb könnte dieses Beben mehr als doppelt so groß werden wie gedacht."

Allerdings könnte man Glück haben: Seismologen nehmen an, dass ziemlich genau in der Mitte der betroffenen Zone ein Seeberg tiefer und tiefer in den Erdmantel hinein versinkt. Dieser Berg erhob sich vor vielen Jahrmillionen über den Meeresgrund der Tethys. Als deren Ozeanboden bei der Kollision zwischen Indien und Eurasien in den Erdmantel hinein verschwand, rutschte auch er mit hinunter, erklärt Celia Schiffmann von der University of Boulder:

"Seit sechs Millionen Jahren wird dieser Berg, dessen Existenz wir aufgrund von Geländebefunden annehmen, unter den Himalaja gezerrt. Wenn es ihn gibt, spielt er bei der Abschätzung des seismischen Risikos eine wichtige Rolle. Solche ins Erdinnere sinkenden Seeberge wirken entweder wie Barrieren: Sie begrenzen die Größe des Bebens, wenn der Untergrund über sie hinaus nicht weiter aufreißen kann. Oder sie sorgen dafür, dass sich die Platten noch stärker ineinander verhaken. Dann vergeht mehr Zeit zwischen zwei Beben und die Spannung wachsen länger an. Dann gibt es ihretwegen größere Beben."

Dieser Seeberg - so es ihn gibt - könnte also darüber entscheiden, ob im Kaschmir-Tal Beben die Stärke 8,6 oder 8,7 erreichen - oder 9 und damit die des Tohoku-Bebens vom 11. März in Japan. Dass er nun vor einem so starken Beben in der Kaschmirregion warnt, liege genau an diesem Ereignis, erläutert Roger Bilham:

"In den vergangenen Jahren sind den Seismologen gravierende Fehleinschätzungen unterlaufen. Sie glaubten, dass das Beben in Japan die Stärke 8 erreichen würde, aber es hatte die Stärke 9,1. Sie rechneten für das Andamanen-Erdbeben von Weihnachten 2004 mit einer Stärke von 7,8, aber es war eine 9,3. Unsere Risikoberechnungen sollten realistischer sein und nicht immer konservativ. Ich brauche wohl nicht viel darüber zu sagen, was ein Erdbeben der Stärke 9 in diesem Teil der Welt bedeuten würde."

Und die Lehre des Tohoku-Bebens in Japan sei, dass man sich auf den schlimmsten Fall vorbereiten müsse, so Roger Bilham.


 
 

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