Mobilfunktechnik. - Von astrologischen Horoskopen in bunten Illustrierten heißt es bisweilen, jeder könne aus ihnen herauslesen, was ihm richtig erscheint. Verbindliche Aussagen gebe es nicht. Ähnlich war es in den vergangenen Jahren bei den wissenschaftlichen Studien zu den Gesundheitsgefahren durch den Mobilfunk: Widersprüchliche Ergebnisse und fehlende Nachprüfbarkeit sorgten dafür, dass jede Interessensgruppe ihre Thesen bestätigt finden konnte. Damit es endlich verlässliche Ergebnisse gibt, hat das Bundesamt für Strahlenschutz das ehrgeizige "Deutsche Mobilfunk Forschungsprogramm" ins Leben gerufen. Auf der Jahrestagung des Fachverbandes für Strahlenschutz in Köln wurden der Stand des Projekts und erste Ergebnisse vorgestellt.
52 Studien, 17 Millionen Euro Budget - mit einem Großaufgebot an Forschern und methodischen Ansätzen, will das Bundesamt für Strahlenschutz endlich Klarheit schaffen: Gibt es eine gesundheitliche Gefahr durch die Sendemasten und Telefone des Mobilfunks? Diese Frage soll von vier Seiten aus angegangen werden, erklärt der Projekt-Sprecher Rüdiger Matthes:
Das ist einmal die Biologie, also die Frage, wie wirken die Felder biologisch auf Organe, Organismen, auf den Menschen. Dann ist es das, was wir mit Dosimetrie bezeichnen. Das ist der eher physikalisch technische Aspekt. Wie misst man diese Felder exakt? Dann ist es die Epidemiologie: Das sind statistische Untersuchungsmethoden, die unmittelbar am Menschen, an Menschengruppen durchgeführt werden. Und wir haben zudem einen Block, den man so als Risikokommunikation bezeichnen kann. Das ist der Block, wo wir die Informiertheit der Bevölkerung verbessern wollen.
Ein besonders ehrgeiziges Projekt aus dem Bereich der Epidemiologie hat auch schon erste Ergebnisse vorgelegt: die Interphone-Studie. Sie untersucht den Zusammenhang zwischen Mobiltelefonen und dem Auftreten bestimmter Hirntumore. 7000 Patienten aus 13 Ländern wurden zu ihren Handy-Nutzungsgewohnheiten in den Jahren vor dem Auftreten der Krankheit befragt. Die Forscher konzentrieren sich dabei auf Tumortypen, die besonders im Verdacht stehen, von Mobiltelefonen verursacht oder doch zumindest begünstigt zu werden. Dr. Joachim Schüz von der Universität Mainz:
Gezielt werden eigentlich drei Arten von Hirntumoren betrachtet: Einmal die sogenannten Gliome, ein sehr bösartiger, schnell wachsender Tumor. Einmal die Melingiome, das ist ein eher langsam wachsender, gutartiger Tumor. Und einmal das sogenannte Akustikusneuronom, das ist ein Tumor, der am Hörnerv wächst und damit in der Region, in der auch die meiste Strahlung absorbiert wird.
Die Frage, ob Mobiltelefone die Gefahr für einen Tumor im Kopf erhöhen, ist in der Vergangenheit besonders kontrovers diskutiert worden. 1999 berichteten schwedische Forscher von einem erhöhten Risiko für eine bestimmte Hirntumorart an dem Ohr, mit dem telefoniert wird.
Anfang 2001 fanden Forscher aus Essen in einer epidemiologischen Studie eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für einen Augentumor. Beide Studien gerieten jedoch wegen methodischer Mängel in die Kritik. Jetzt liegt der erste Teilbericht der Interphone-Studie aus Dänemark vor. Die alarmierenden Meldungen der vergangenen Jahre kann auch er nicht bestätigen. Joachim Schüz:
Man hat in dieser Studie jetzt kein erhöhtes Risiko mit Handynutzung gesehen. Allerdings muss man einschränkend sagen, dass auch in Dänemark die Zahl der Langzeitnutzer von Handys noch so gering war, und eigentlich dann auch eine Bestätigung, warum wir diese große internationale Studie brauchen und man sich nicht auf ein Land hat beschränken können.
Während die ersten Ergebnisse der Interphone-Studie eintreffen, plant Joachim Schüz mit seinen Kollegen allerdings schon das nächste, noch deutlich größere Projekt. Diesmal sollen nicht Erkrankte nach ihrer Handynutzung gefragt werden, sondern umgekehrt: Die Forscher wollen regelmäßige Handynutzer über fünf bis zehn Jahre begleiten, um herauszufinden, welche Krankheiten bei ihnen vermehrt auftreten. 250.000 Menschen sollen dabei erfasst werden. Die ersten Machbarkeitstests haben jetzt im August begonnen. Joachim Schüz:
Und hier hätte man dann wirklich eine Möglichkeit ganz verschiedene Erkrankungen zu betrachten, eben nicht nur das Auftreten von Hirntumoren. Man könnte auch auf neurodegenerative Erkrankung, wie zum Beispiel Alzheimer und Parkinson schauen. Man könnte auf Augenerkrankungen schauen. Man könnte auch auf Erkrankungen wie beispielsweise Hodenkrebs schauen bei Personen, die das Handy vorwiegend am Gürtel tragen. Das heißt, hier hat man die Exposition Handy, könnte aber ein breites Krankheitsspektrum auf möglich Zusammenhänge untersuchen.
Allerdings ist, wie so oft, noch eine entscheidende Frage offen: das Geld. Die Forscher hoffen darauf, in den kommenden Monaten einen finanzkräftigen Partner für das Projekt zu finden. Auf eine Unterstützung durch die Mobilfunk-Konzerne dürfen sie sich allerdings wohl nur wenig Hoffnungen machen.
Deutschlandfunk
Seit 01:05 Uhr
Deutschlandfunk Nacht-Radio
Nächste Sendung: 02:00 Uhr
Nachrichten
Beiträge zum Nachhören
Forschung Aktuell
Sternzeit 10. Februar 2012
Sendezeit: 10.02.2012, 16:57
Haihaut im Strömungskanal
Sendezeit: 10.02.2012, 16:50
Schon vor 3000 Jahren rodeten Menschen den Regenwald
Sendezeit: 10.02.2012, 16:45
dradio-Recorder
im Beta-Test: