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02.09.2005
Unzählige Kilometer Akten sind vom Säurefraß bedroht. (Bild: Bundesbildstelle Bonn) Unzählige Kilometer Akten sind vom Säurefraß bedroht. (Bild: Bundesbildstelle Bonn)

Jungbrunnen für Akten

Basisches Tauchbad schützt vor Säurefraß

Von Volker Mrasek

Technik. - Tausende Tonnen Papier aus zahlreichen Jahrhunderten hat sich in den deutschen Archiven angesammelt. Doch die Zeugnisse einer langen Geschichte sind vom Verfall bedroht, besonders die Schriftstücke aus der Zeit zwischen 1840 und 1970, denn sie bestehen aus säurehaltigem Papier. Eine neue Maschine kann sie jetzt konservieren.

"Das ist September 1905. Für die kurfürst - königliche Regierung von dem Gefängnisverein zu Cöln."

Altdeutsche Schriftzeichen auf vergilbtem Papier: In einem roten Backsteingebäude auf dem Gelände der Abtei Brauweiler bei Köln sortiert Marion Gasterstedt historische Dokumente:

"Zum Teil wurden die halt in viel zu kleine Kartons gequetscht. Und oft benutzt, immer wieder rein und rausgeräumt. Dann sind die Ränder ganz zerrissen und zerschlissen."

Jetzt aber sind die Archivblätter wieder in einem ganz manierlichen Zustand. Obwohl sie nicht nur mechanisch beansprucht wurden, sondern auch chemisch: Die Dokumente bestehen aus Papier mit einem hohen Holzfaseranteil, sogenanntem Holzschliff. Und der neigt zum Versauern, was den Erhalt der historischen Akten gefährdet. Norbert Kühn, Leiter des Rheinischen Archiv- und Museumsamtes beim Landschaftsverband Rheinland:

"Das sind alle Papiere zwischen 1840 ungefähr und 1970, nämlich alle die holzschliffhaltigen Papiere. Das ist ein neues Verfahren der Papierherstellung im 19. Jahrhundert gewesen infolge der Industrialisierung. Und da war die Notwendigkeit, große Massen an Papier herzustellen."

Also reicherte man das Papier mit Holzfasern an, geleimt wurde es im schwach sauren Milieu unter Zugabe von Baumharz und Sulfatsalzen. Beides förderte von Beginn an den Zerfall des Materials: Durch die Gerüstsubstanz Lignin im Holzschliff vergilbt das Papier, und Säure-Rückstände aus der Leimung lassen seine Zellulose-Struktur morsch und brüchig werden. Kühn:

"Und diese Versauerung ist eigentlich die Zeitbombe, die in den Papieren steckt. Und jeder von uns hat ja solche Briefe und Bücher in den Regalen liegen. Die braucht man nur anzufassen, dann zerbröseln sie in den Händen."

In dem roten Backsteinbau in Brauweiler läuft nun eine Maschine, die Dokumente aus Bibliotheken und historischen Archiven vor dem Zerbröseln bewahren soll. Es ist ein Prototyp, entwickelt von der Firma Neschen aus Niedersachsen. Sieben, acht Meter lang und hoch wie ein Garagentor. Eine Anlage zur Massenentsäuerung von losen Blättern, wie es bisher nur eine Handvoll in Deutschland gibt. Ein Transportband befördert die Papiere im Zeitlupentempo durch die halboffene Maschine, einmal hin und wieder zurück. Zunächst geht es für drei Minuten in ein Tauchbad, dann wird getrocknet. Alles unter den Augen von Volker Hingst, dem zuständigen Restaurator vor Ort:

"In dem Bad befindet sich die sogenannte Konservierungslösung. Also zum größten Teil gereinigtes Wasser, ähnlich wie destilliertes Wasser, das man kennt aus der Autobatterie und aus dem Bügeleisen. Dann werden verschiedene Zusätze gegeben. Der Hauptzusatz ist das Magnesiumhydroxid, was also als Pulverform vorliegt."

Magnesiumhydroxid. Das ist eine starke Base. Ihr pH-Wert liegt bei etwa zwölf. Mit diesem alkalischen Zusatz gelingt es, die Säure im Papier zu neutralisieren. Wobei es viel kniffliger gewesen ist, geeignete Fixiermittel zu finden, um die Schrift auf den Blättern zu erhalten. Auch zwei derartige Spezial-Chemikalien sind mit drin in der beige-braunen Konservierungslösung. Volker Hingst:

"Wenn wir keine Fixative hier in dem Bad drin hätten, dann würden uns viele Schreibstoffe, gerade kritische Schreibstoffe wie violette und rote Töne, würden uns auslaufen, ausbluten. Darum war also ein Hauptanliegen, und es hat auch lange gedauert, das zu entwickeln, daß man hier mit den beiden Fixativen es hinbekommt, daß circa 95 bis 98 Prozent der Schreibstoffe fixiert werden können."

370 Regalkilometer Akten in deutschen Archiven seien ein Fall für die Entsäuerung, heißt es. Doch noch gibt es zu wenige Anlagen, um diese Mengen zu bewältigen. Norbert Kühn hofft deshalb, daß die Kapazitäten in Zukunft noch ausgebaut werden können:

"Wir bezeichnen ja unsere Archive als das kulturelle Gedächtnis der Menschheit. Wenn die Akten zwischen 1840 und 1970 nicht mehr da sind, nicht mehr brauchbar sind, dann sind diese Jahrzehnte ausgelöscht für die Forschung, und als Fundament der Geschichte für die Menschen."


 
 

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