Psychologie. - Schießt ein Aktienwert in die Höhe oder fällt ins Bodenlose, dann sind "die Investoren" schuld, die Lemmingen gleich der Herde ins Verderben folgen. Was wirklich an der Theorie vom Herdentrieb der Anleger dran ist, untersuchten jetzt Forscher in einem Börsenspiel.
Ralf Krauter: Herr Oechssler, was genau mussten die Teilnehmer des Internetexperiments tun?
Jörg Oechssler: Wir hatten insgesamt über 6000 Versuchspersonen angesprochen. Das waren übrigens im Wesentlichen Doktoranden oder schon promovierte Mitarbeiter in Universitäten, und auch von außerhalb der Universität - also insgesamt sehr, sehr schlaue Leute, kann man annehmen. Die wurden gebeten, eine Entscheidung zu treffen, entweder sich für eine Aktie A oder für eine Aktie B zu entscheiden. Sie hatten für diese Entscheidung einen Tipp eines Investment-Bankers zur Verfügung. Dieser Tipp lautete dann so: "Aktie A wird gewinnen." Allerdings wurde man gewarnt, dass dieser Tipp nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zuverlässig ist.
Krauter: Die Teilnehmer wussten aber auch, dass andere Teilnehmer eventuell einen anderen Tipp bekommen hatten, also etwas wussten, was sie selbst nicht wissen konnten?
Oechssler: Genau, jeder hatte also sozusagen nur "seinen" Investment-Banker und jeder wusste auch, dass jeder diesen Rategeber hat, aber man wusste nicht, welche Tipps die anderen bekommen hatten. Dann musste man seine Entscheidung treffen. Der erste musste seine Entscheidung treffen allein aufgrund dieses Tipps seines Beraters. Der Zweite konnte indes beobachten, was der erste getan hat, also sich für Aktie A oder B entschieden hatte. Der Dritte konnte wiederum konnte die Aktionen der ersten beiden beobachten und so weiter. Das führt natürlich dazu, dass eventuell so etwas wie Herdenverhalten auftreten kann, dass also der Zweite und der Dritte und so weiter die vorangehenden Investoren imitieren.
Krauter: Ist das tatsächlich passiert oder konnten Sie die Kleinanleger von dem Vorwurf befreien, immer nur der Masse zu folgen?
Oechssler: Es ist erstaunlicherweise - oder auch vielleicht nicht so erstaunlich - sehr wenig dazu gekommen, weil der Preis - wie er theoretisch auch sollte -, der Marktpreis sehr viel von dieser Information beinhaltet, die die vorhergehenden Investoren bekommen hatten. Dann haben tatsächlich immer dann, wenn der Preis besonders hoch wurde, die Leute gesagt: "Nein, wir kaufen lieber die andere Aktie, denn die eine ist uns zu teuer" - obwohl sie eventuell positive Informationen über diese Aktie bekommen hatten. Aber die war ihnen eben zu teuer, weswegen sie die Alternative wählten. Das ist auch eine recht populäre Investmentstrategie, das so genannte "Contrarian Behaviour", dass man also gegen den Markt agiert. Man sagt also, die Fundamentalwerte sind so und so, aber wir gehen trotzdem lieber gegen den Markt und gegen das, was die Leute vor mir getan haben.
Krauter: Kann man daraus schließen, dass dieses berüchtigte Herdenverhalten an der Börse tatsächlich nur ein Gerücht ist?
Oechssler: Nun, das würde vielleicht ein wenig zu weit gehen, aber es ist zumindest - also wenn die Börse gut funktioniert, wie sie sollte, dass also der Marktpreis alle die Informationen, die im Markt sind, bündelt - dann sollte es eigentlich nicht dazu kommen. Es kann einfach auch in der Wirklichkeit sehr schwer unterschieden werden, ob es wirklich Herdenverhalten ist oder ob einfach alle Investoren einfach nur aufgrund ihrer Informationen gleichartig handeln. Das würde man ja nicht als Herdenverhalten bezeichnen.
Krauter: Gab es denn bei diesen Anlegertypen, die Sie in Ihrer Studie hatten, welche, von denen Sie sagen, die haben sich generell vernünftiger oder effizienter als andere verhalten?
Oechssler: Ja, es war eben interessant, dadurch, dass wir unsere Versuchspersonen gefragt haben, was sie denn studiert haben. Wir hatten Gruppen zum Beispiel von Physikern und Mathematikern, auch Ökonomen. Die haben, wenn man möchte, sehr rational entschieden. Allerdings haben sie auch unterstellt, dass alle anderen sich rational entschieden haben. Und das ist, wie wir natürlich wissen, manchmal ein Fehler. Und wenn man sich darauf verlässt, dann fährt man eventuell schlechter, als unterstellte man, dass die anderen auch Fehler machen können. Das war in der Tat bei den Psychologen der Fall, denn die haben sich dann oft vielleicht nicht so ganz der Theorie entsprechend verhalten, aber haben tatsächlich besser abgeschnitten, weil sie nämlich unterstellt haben, zu Recht, wie wir wissen, dass viele ihrer Vorgänger nicht so rational entschieden haben. Und die haben dann sich tatsächlich oft als "Contrarians" verhalten und letztendlich damit auch deutlich höhere Gewinne eingefahren.
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