Astronomie. - Vor fast genau einem Jahr sorgte ein neu entdeckter Himmelskörper für Furore: Amerikanische Astronomen hatten am Rand unseres Sonnensystems ein ungewöhnlich großes Objekt entdeckt, das sich um die Sonne bewegt. Jetzt haben Bonner Astronomen die Größe dieses neuen Sonnentrabanten ermittelt und darüber in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Nature" berichtet.
Ein eiskalter Brocken sorgt für heiße Diskussionen. Sein Name: UB313, Spitzname "Xena". Seine Temperatur: rund minus 250 Grad. Er ist eines von gut 100.000 Objekten des Kuiper-Gürtels, einer Sammlung unterschiedlich großer Eis- und Gesteinsbrocken jenseits des Neptun. Vor einem Jahr wurde UB313 von Astronomen aus Kalifornien eher zufällig bei der Durchsicht älterer Himmelsaufnahmen entdeckt. Schon aus den ersten Bildern vermuteten viele, dass es dieser neue Himmelskörper von der Größe her durchaus mit dem Planeten Pluto aufnehmen könnte. Die Messungen von Professor Frank Bertoldi vom Astronomischen Institut der Universität Bonn brachten jetzt Gewissheit:
"UB313 ist das größte Objekt jenseits von Neptun, das bis jetzt entdeckt wurde. Wir fanden, dass der beste Wert ungefähr 3000 Kilometer ist, mit einer Ungenauigkeit von etwa 300 bis 400 Kilometern."
Selbst wenn man alle möglichen Messfehler abzieht, wäre der Neue damit immer noch größer als der Pluto mit seinen rund 2400 Kilometern Durchmesser. Bertoldi:
"Die Frage ist jetzt, ob irgendein Objekt, das größer ist als Pluto und ähnlich ist wie Pluto und ja auch einen Mond hat, wie in diesem Fall, ob wir die jetzt auch als Planeten ansehen."
Den Mond hatte ein Team am Observatorium von Hawaii bereits im Herbst entdeckt. Die Größenbestimmung zog sich etwas länger hin. Die Bonner Astronomen mussten bei ihren Messungen einen Umweg nehmen. Da nicht klar ist, wie viel Licht ein Objekt reflektiert, kann allein aus der Helligkeit die Größe nicht eindeutig berechnet werden. Bertoldi:
"Deshalb sind wir hingegangen und haben nicht das reflektierte Sonnenlicht gemessen, sondern die Wärmestrahlung vom Objekt selber. Und die Intensität der Wärmestrahlung hängt dann ab von der Größe des Objekts und von dessen Oberflächentemperatur."
Die Temperatur der Oberfläche konnten die Astronomen aus der Entfernung zur Sonne abschätzen. Die Wärmestrahlung wurde mit einer speziellen Wärmekamera gemessen. Wenn man weiß, wie warm ein Objekt ist und wie viel Wärme es abstrahlt, kann man daraus auf seine Größe schließen. Mit weiteren Messungen soll jetzt die Dichte von UB313 bestimmt werden. Daraus ließe sich abschätzen, ob es sich um einen kometenähnlichen schmutzigen Schneeball handelt oder eher um massives Gestein. Diese Themen interessieren Frank Bertoldi und seine Kollegen viel mehr als die Frage, ob der Findling irgendwann einmal als 10. Planet in den Schulbüchern steht. Denn der Kuiper-Gürtel ist für sie eine Art archäologische Grabstätte des Sonnensystems. Bertoldi:
"Es geht nicht unbedingt darum, jetzt große Objekte zu finden, die Pluto seinen Rang als neunten Planeten streitig machen, sondern die sind interessant, weil ihre Zusammensetzung und ihre Häufigkeit und ihre Bahnverteilung uns ein bisschen Aufschluss darüber geben können, wie das Sonnensystem entstanden ist, aus welchen kleinen Teilen sich die großen Planeten später zusammengesetzt haben."
Dennoch machen es die neuen Ergebnisse noch schwieriger, klare Kriterien für die Zugehörigkeit zur Familie der Planeten zu formulieren: UB 313 ist größer als Pluto, er hat einen Mond wie Pluto und wird sich auf seiner elliptischen Bahn um die Sonne auch innerhalb der Plutobahn bewegen. Gäbe es eine Gerechtigkeit bei der Verleihung des Titels "Planet", dürfte die Entscheidung also nur lauten: beide oder keiner. Bertoldi:
"Wissenschaftlich kategorisierend würde ich Pluto dann eher zu den Kuiper-Objekten zählen als zu den Planeten. Kulturell würde ich Pluto natürlich als Planet erhalten, das war schon geraume Zeit so und dann vielleicht auch konsistenterweise 'UB 313' auch diesen Status zugestehen."
Eine Kommission der Internationalen Astronomischen Vereinigung verhandelt seit der Entdeckung vor einem Jahr über den Status von UB 313. Frank Bertoldi sieht dem Ergebnis dieser Diskussionen mit Gelassenheit entgegen:
"Im Laufe der Jahrhunderte wurden neue Planeten entdeckt. Im 19. Jahrhundert Neptun und dann im 20. Jahrhundert Pluto und im 21. Jahrhundert können wir ja noch ein, zwei dazu tun. Das bereichert doch unser Sonnensystem."
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