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24.04.2006
Nicht ohne Risiko: Schweine als Lieferanten für medizinische Ersatzgewebe.
 (Bild: KSU) Nicht ohne Risiko: Schweine als Lieferanten für medizinische Ersatzgewebe. (Bild: KSU)

Die Jäger des Jungbrunnens

Ersatzgewebe sollen bei Herzinfarkt und Zuckerkrankheit heilen helfen

Medizin. - Seit gestern treffen sich Fachärzte für Innere Medizin in Wiesbaden zum Deutschen Internistenkongress 2006. Mit auf der Agenda stehen dabei auch kühne Themen wie der Ersatz von kranken Organen und Geweben. Das Feld dieser so genannten "regenerativen" Medizin gilt als Jungbrunnen für Patienten. Der Wissenschaftsjournalist Martin Winkelheide erklärt sie im Gespräch mit Arndt Reuning.

Arndt Reuning: Herr Winkelheide, welche Erfolge aus der Vergangenheit stimmen denn die Mediziner so zuversichtlich?

Martin Winkelheide: Im Bereich der regenerativen Medizin hat man am meisten Erfahrung mit der Stammzelltransplantation - genauer mit der Knochenmarktransplantation bei Krebspatienten. Hier wird das alte Immunsystem der Patienten abgetötet mit Hilfe der Chemotherapie oder der Bestrahlung und anschließend ein neues Immunsystem baut sich dann wieder auf durch die Übertragung gesunder Blutstammzellen. Wenn das im Prinzip so gut funktioniert, so sagten sich die Mediziner, dass sich auch etwa so Kompliziertes wie das Immunsystem wieder neu aufbaut, dann müsste das doch auch mit anderen Organen möglich sein.

Reuning: Wissen denn die Forscher genau, warum diese Therapie funktioniert, oder geht es den Medizinern - wie man ihnen oft vorwirft - nur um eine Anwendungsoptimierung?

Winkelheide: Bei der Knochenmarktransplantation weiß man sehr gut, was passiert. Bei anderen Anwendungen ist das indes nicht so klar: Seit etwa fünf Jahren gibt es klinische Studien, wo Herzinfarktpatienten Blutstammzellen verabreicht werden, die neue Muskelzellen aufbauen sollen - so jedenfalls die Theorie. Tatsächlich wird wahrscheinlich neues Muskelgewebe gebildet, aber dieses neue Gewebe wird wahrscheinlich eben nicht von den Stammzellen aufgebaut. Wie es aber funktioniert, kann man sich im Moment gar nicht erklären. Viele Mediziner sagen ein bisschen augenzwinkernd: naja, Hauptsache, es funktioniert.

Reuning: Erfolge, wenn es um das Blutsystem geht, Erfolge am Herzmuskel - wie sieht es denn mit anderen Organen aus, die sich vielleicht nicht so leicht regenerieren lassen?

Winkelheide: Da stößt die regenerative Medizin im Moment an ihre Grenzen. Das Herz, so haben wir gesehen, kann noch neues Muskelgewebe aufbauen, bei anderen Organen wie etwa der Bauchspeicheldrüse ist die Regenerationsfähigkeit sehr begrenzt. Da haben Mediziner überlegt: Wenn sich das Organ nicht dazu anregen lässt, sich wieder neu zu bilden und selbst zu erholen, dann kann man doch vielleicht einzelne Funktionen des Organs wieder herstellen. Andere Zellen könnten diese Funktion übernehmen. Man weiß von der Bauchspeicheldrüse, dass sie vor allem wichtig ist für die Regulation des Zuckerhaushaltes, durch die Bildung der Botenstoffe Insulin und Glucagon in den so genannten Inselzellen der Bauchspeicheldrüse. So versuchte man bereits experimentell, Zuckerkranken neue Inselzellen zu verabreichen. Sie werden in die Blutbahn gegeben und setzen sich in der Leber fest, wo sie fortan Insulin produzieren. Das machen sie aber nur, wenn das Immunsystem des Empfängers unterdrückt wird, damit die Zellen nicht angegriffen und vernichtet werden.

Reuning: Handelt es sich dabei um menschliche Zellen, die dabei übertragen werden?

Winkelheide: Mit menschlichen Zellen hat man bereits Erfahrungen gesammelt. Das Problem ist, dass das im Moment nicht sehr lange funktioniert - nur ungefähr ein Jahr lang, dann lässt die Funktion der Zellen nach. Aber man möchte ja einen dauerhaften Ersatz schaffen, dafür dass die Patienten eben nicht mehr täglich Insulin spritzen müssen und andererseits das Insulin gleichmäßig zur Verfügung steht. Das Problem bei den menschlichen Bauchspeicheldrüsenzellen: sie werden von toten Organspendern gewonnen und stehen daher nur in begrenzter Menge zur Verfügung. Daher suchen Mediziner nach neuen unbegrenzten Quellen für Ersatzzellen. Seit einigen Jahren arbeitet man daran, Inselzellen von Schweinen dafür nutzbar zu machen. Da ist natürlich das Problem, dass Schweinezellen sofort vom Immunsystem als fremd erkannt und angegriffen würden. Ein neues Konzept versucht, das zu umgehen, indem die Zellen quasi unsichtbar für das Abwehrsystem gemacht werden. Dazu werden kleine Kapseln um die Zellen herum gelegt. Das sind winzige Kapseln, die ein bisschen porös sind. Dadurch kommen Zellen nicht in sie hinein oder heraus, wohl aber Nährstoffe.

Reuning: Und damit umgeht man die Probleme auch der Verträglichkeit?

Winkelheide: Die Zellen in diesen Kapseln müssten gut verträglich sein - dies zeigen Tierversuche. Dabei wurden die Kapseln nicht von Immunzellen angegriffen, und produzierten wie gewünscht auch Insulin. Sie sind auch an das Blutsystem angeschlossen worden und wurden darüber versorgt. Das Problem aber ist, dass sehr viele von diesen Inselzellen nach und nach absterben, weil sie vermutlich dennoch unterversorgt sind. Und ein großes Risiko liegt auch in dem Ansatz, denn Schweinezellen können Retroviren tragen, die so auch auf den Menschen gelangen, dort zu Krankheiten führen und gar auf andere Menschen überspringen könnten.


 
 

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