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01.08.2007
Hirnschrittmacher, Neurochips - auch die Hirnforschung wirft ethische Fragen auf. (Bild: mpg) Hirnschrittmacher, Neurochips - auch die Hirnforschung wirft ethische Fragen auf. (Bild: mpg)

Viel Stoff zum Nachdenken

Deutscher Ethikrat löst Nationalen Ethikrat ab

Von Gabor Paal

Forschungspolitik. - Am heutigen 1. August wird der Nationale Ethikrat aufgelöst, an seine Stelle tritt der Deutsche Ethikrat, der von Bundesregierung und Parlament besetzt wird. Experten hoffen, dass der neue Ethikrat auch bislang vernachlässigte Themen Biowissenschaften aufgreift, darunter die sogenannte Neuro-Ethik. Ein Begriff, der sich in Fachkreisen in den letzten Jahren entwickelt hat: Es geht um ethische Fragen der Hirnforschung und mit ihr verbundener Techniken.

Immer besser können Hirnforscher mit Hilfe von Tomographen das menschliche Gehirn durchleuchten, um herauszufinden, wo im Gehirn was passiert. Und diese Techniken erlauben es zunehmend auch, Menschen nicht nur beim Denken zuzuschauen, sondern regelrecht zu überwachen. So gebe es Versuche in der US-Armee, den Wachheitszustand von Militärpiloten auf diese Weise zu kontrollieren, berichtet Andrea Kübler, Neuropsychologin an der Uni Tübingen:

Das Herauslesen mentaler Zustände aus dem Gehirn ist eine ganz neue Richtung, die ethische Fragen aufwirft. Man kann doch mit der neuen Technologie sehr weitgehend erfassen, was das Gehirn gerade macht, denkt und sieht.

Der Forschungsschwerpunkt von Andrea Kübler sind Neuroprothesen - Implantate fürs Gehirn. Auch hier schreitet die Entwicklung schnell voran. Seit einigen Jahren ermöglichen Cochlear-Implantate, die Schwerhörigen Menschen wieder das Hören. Implantate zur Tiefenhirnstimulation helfen Parkinson-Patienten, die Kontrolle über ihre Bewegungen zu behalten.

Wir erleben zur Zeit einen Übergang von neurologischen Neurotechnologien zu psychiatrischen,

meint der Mainzer Philosoph Thomas Metzinger,

das heißt, jetzt werden auch Zwangsgedanken und Depressionen, übrigens sehr erfolgreich, mit dem Einbau von Prothesen, Hirnschrittmachern in bestimmten Bereichen bekämpft, und das ist natürlich erst der Anfang einer neuen Entwicklung. Fragen sind, überblickt man die mittel- und langfristigen Folgen zum Beispiel für die Persönlichkeit von so jemand, der dann mit einem Hirnschrittmacher lebt?

Und es geht um weit mehr als nur Prothesen. Stark diskutiert unter Neuroethikern ist der verstärkte Einsatz von Psychopharmaka bei aufmerksamkeitsgestörten Kindern. Auch hier stellen sich grundlegende ethische Fragen: Wieweit manipuliert eine solche Behandlung die Persönlichkeit eines Menschen? Und wäre das überhaupt schlimm? Diese Fragen sind auch deshalb von Bedeutung, weil der Übergang fließend ist: Von einer rein medizinischen Anwendung zum sogenannten Neuro-Enhancement - zur Verstärkung oder vermeintlichen Verbesserung des Gehirns. Der Neurochirurg Steffen Rosahl konstruiert ein derzeit noch fiktives Beispiel:

Wenn jemand anbietet, einen Chip zu konstruieren, mit dem Sie ihr Gedächtnis verdoppeln können oder verhundertfachen und dieser Chip sich ans Gehirn anschließen ließe und kein Risiko dabei bestünde, dann würden Sie wahrscheinlich sagen, her mit dem Chip.

Doch neben solchen Zukunftsvisionen gibt es bereits die Realität, etwa beim US-Militär. Im Pentagon gab es ein Forschungsprogramm "Enhanced Human Performance" - also verbesserte menschliche Leistungsfähigkeit - und das war kein Geheimprogramm, darüber wurde offen im Repräsentantenhaus gesprochen.

Für das Militär läuft es natürlich darauf hinaus, bessere Soldaten zu haben, ganz klar.

Bessere Soldaten - dank Neurotechnik. Für Neuroethiker gibt es also jetzt schon genug zu tun.

Das sind alles Visionen, die ich nicht wünschenswert finde.

Eve-Marie Engels ist Professorin für Bioethik an der Uni Tübingen und Mitglied des Nationalen Ethikrats, der sich während seines fünfjährigen Bestehens mit allen möglichen Themen beschäftigt hat - vom Klonen bis zur Sterbehilfe, kaum aber mit den neuen ethischen Fragen, die durch den Fortschritt in den Neurowissenschaften aufgeworfen werden.

Das liegt daran, dass es im Moment auch von der Politik andere Akzentsetzungen gibt. Wir reden soviel über bestimmte Fragen, die embryonalen Stammzellen, auch Präimplantationsdiagnostik ist ein beliebtes Thema, aber diese Fragen, die die Neurowissenschaften und ihre Technologien betreffen, sind auch ganz virulente Themen, denen wir uns stellen müssen. Das muss einfach viel stärker diskutiert werden und in die Öffentlichkeit kommen.

Ist die Neuroethik ein Teil der Bioethik oder noch mal etwas ganz Neues? Für den Neurophilosophen Thomas Metzinger ist diese Frage zweitrangig. Entscheidend für ihn ist, dass es genügend kompetente Köpfe gibt, die die Debatte weiter bringen können.

In Deutschland bin ich sehr optimistisch, weil jetzt eine ziemlich große Gruppe der besten jungen Philosophen sich mit großem Engagement diesem Bereich widmet und schaut, was sind eigentlich die wirklich konkreten Probleme, aber Sie haben natürlich recht, das ist doppelt soviel Arbeit, ein guter Philosoph zu sein und empirisch informiert zu sein, ist mindestens doppelt soviel Arbeit und es wird im Moment noch nicht karrieremäßig belohnt.


 
 

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