Medizin. - Wenn Kinder vor der 30. Schwangerschaftswoche auf die Welt kommen, dann haben sie meistens mit vielen gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, die häufig auch bestehen bleiben, wenn sie älter werden. Eine Therapie gibt es nur für die wenigsten dieser Leiden. Das soll sich aber demnächst ändern. Denn eine europaweite Studie testet zurzeit ein Präparat, das zumindest die Lungenreifung Frühgeborener fördern kann.
Während einer Schwangerschaft wird der Körper einer Frau regelrecht von Hormonen überschwemmt. Um das Tausendfache können die Spiegel der Geschlechtshormone Östrogen und Progesteron ansteigen. Diese Hormone bereiten die Brust auf die Milchproduktion vor und steigern beispielsweise auch die Morgentemperatur einer Schwangeren. Im späteren Verlauf der Schwangerschaft produziert auch die Plazenta in der Gebärmutter Östrogen und Progesteron. Cordian Beyer von der Universität Aachen erforscht diese Geschlechtshormone schon seit Jahren.
"Wenn man sich mal den Spiegelverlauf der beiden Hormone bei einer schwangeren Frau anschaut, dann wird man feststellen, dass in der zweiten Schwangerschaftshälfte, die beiden Steroidhormone Östrogen und Progesteron sehr dramatisch ansteigen und die Spiegel bis zur Geburt oben bleiben. Und das impliziert natürlich eine Funktion für diese beiden Hormone."
Über die Plazenta gelangen Östrogen und Progesteron auch in den Körper des Fötus. Dort spielen sie bei der Entwicklung etlicher Organe eine wesentliche Rolle und zwar unabhängig vom Geschlecht des Kindes. Die Entwicklung des Gehirns und der Knochen hängt in großem Maße von diesen Hormonen ab. Aber auch in der Lunge finden sich auffällig viele Rezeptoren für Östrogen und Progesteron. Beyer:
"Wenn Kinder zu früh auf die Welt kommen, typischerweise in der 30. Schwangerschaftswoche oder auch noch früher. Dann sind die abgeschnitten von diesen hohen Östrogen- und Progesteronplasmawerten. Das bedeutet, selbst sind sie nicht in der Lage diese Steroidhormone zu bilden. Ist nun ein Organ von ihnen darauf angewiesen diese Hormone zu haben, um die Reifung zu beschleunigen oder mitzuregulieren, dann fehlen diese Hormone eben."
Cordian Beyer hat sich gefragt, was wohl geschehen würde, wenn Frühgeborene im Brutkasten genauso viel Östrogen und Progesteron erhalten, wie im Mutterleib. Er hoffte, dass dadurch vor allem die Lungen reifen würden. Denn viele Frühgeborene leiden unter der so genannten BPD, das ist die medizinische Abkürzung für eine chronische Lungenfunktionsstörung. An der Universitätsklinik Ulm begannen Ärzte schon vor etwa zehn Jahren damit, die ersten Frühgeborenen mit Östrogen und Progesteron zu behandeln. Beyer:
"Und die Ergebnisse zeigen, dass in Abhängigkeit von der Dauer und dem Stadium des Frühchens eine 30- bis 50prozentige Verbesserung der Entwicklung von BPD ist. Also das heißt diese Kinder entwickeln keine BPD oder nur eine sehr viel abgeschwächtere Form, die eben kaum noch Probleme für die späteren Jahre der Entwicklung bewirken. Diese Kinder sind also mittlerweile zehn Jahre alt, also schon öfter nachuntersucht, und auch da zeigt sich, dass diese Kinder eindeutig verbesserte Lungenfunktion haben. Wir können also festhalten: Wir haben eine geringere Sterblichkeit aufgrund dieser Erkrankung bei den Frühchen und ein schwächeres Ausmaß an Lungenschädigung, die sich dann ins Erwachsenenalter hinüberziehen."
Außer der Lunge ist häufig auch die Gehirnentwicklung bei Frühgeborenen beeinträchtig. In der Schule können sie sich nicht konzentrieren und haben häufig eine Lernschwäche. Beyer:
"Ein wichtiger Punkt ist auch, dass die kognitive Entwicklung dieser Kinder ebenfalls mit untersucht worden ist und hier zeigt sich auch ein deutlich verbessertes kognitives Verhalten von diesen Kindern, die mit Östrogen und Progesteron substituiert worden sind. Das zeigt auch, dass das Gehirn für diese beiden Hormone ein wichtiges Zielorgan während der Entwicklung ist."
Die guten Ergebnisse aus einer kleinen klinischen Studie reichen allerdings noch nicht aus, um Östrogen und Progesteron zur Behandlung von Frühgeborenen freizugeben.
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