Umwelt. - Rund um die Welt schmelzen die Gletscher, die Blumen blühen früher und Tiere, die Winterschlaf halten, wachen früher auf. Solche Berichte kennen wir zur Genüge. Nun haben Wissenschaftler zum ersten Mal rund 80 Studien mit fast 30.000 Datensätzen aus den vergangenen 35 Jahren ausgewertet, um nach einem Zusammenhang zwischen den Veränderungen und dem menschengemachten Treibhauseffekt zu suchen. In der neuen "Nature" erklären sie heute, dass sich die Welt schon wandelt, obwohl der Temperaturanstieg gerade erst begonnen hat.
In den Alpen schmelzen die Gletscher, in der Arktis fallen die Eisbären zunehmend übereinander her, in den Rocky Mountains erwachen die Murmeltiere 38 Tage früher aus dem Winterschlaf als früher, und in der Ostsee leben inzwischen Wolfsbarsche, die sich vor 35 Jahren noch südlich des Ärmelkanals aufhielten. Auf der gesamten Nordhalbkugel erwärmen sich die Seen, wodurch sich die Planktongemeinschaft verändert und damit die gesamte Nahrungskette. Das sind nur ein paar der Beispiele, die ein internationales Forscherteam in einer riesigen Datenbank zusammengetragen hat:
"Wir haben viele, viele Studien über die biologischen und physikalischen Veränderungen ausgewertet, wie also die Ökosysteme auf den Klimawandel reagieren, wie sich die Wasserreserven verändern, wann die Zugvögel zurückkommen. Diese Daten haben wir dann mit denen über die gemessenen Temperaturveränderungen kombiniert. Wir wollten herausbekommen, wie die beobachteten Phänomene mit dem Klimawandel zusammenhängen."
Beide Muster passen sehr gut zusammen, erklärt Piotr Tryjanowski von der Adam-Mickiewicz-Universität im polnischen Poznan. Und Cynthia Rosenzweig vom Nasa-Goddard-Institute for Space Studies in New York fügt hinzu:
"Deshalb konnten wir mit dieser Untersuchung die Veränderungen erstmals auf die regionale Ebene herunterbrechen und so den Kreis zwischen menschengemachtem Treibhauseffekt und den beobachteten Veränderungen schließen."
Die Datensätze belegen, dass in den Rocky Mountains weniger Schnee fällt, in Australien der Grundwasserspiegel sinkt, in der Mongolei die Fichten höher wachsen, dass der Permafrost in Russland schmilzt und in Japan die Gingkos früher blühen. Bei mehr als 90 Prozent aller Beobachtungen konnten die Wissenschaftler den menschengemachten Klimawandel als Ursache festmachen. Das verlangte penible Detailarbeit, schließlich mussten andere Ursachen ausgeschlossen werden, wie zum Beispiel natürliche Klimaschwankungen. Tryjanowski:
"Wir Menschen beeinflussen das Klima auch durch andere Aktionen, etwa wenn wir die Landnutzung verändern und beispielsweise einen Wald abholzen. Dann beeinflussen wir an ein- und demselben Platz nicht nur das Ökosystem, sondern auch das Klima. Deshalb war es nicht so einfach, die verschiedenen Faktoren zu trennen."
Durch die Sisyphus-Arbeit ist ein Bild entstanden, das für alle Kontinente mehr oder weniger gleich ist. Rosenzweig:
"In Lateinamerika und Afrika sind weniger Studien durchgeführt worden. Die Datenlage ist also dünn, aber wenn es Studien gibt, sind die Ergebnisse ähnlich."
Die globale Durchschnittstemperatur ist zwischen 1970 und 2004 um 0,6 Grad Celsius gestiegen. Deshalb wurden spürbare Veränderungen in den Ökosystemen lange Zeit erst in zehn, 20 oder 30 Jahren erwartet. Rosenzweig:
"Diese empfindliche Reaktion der Systeme bereitet uns Sorgen. Was wird erst passieren, wenn die Durchschnittstemperatur um die zwei bis sechs Grad klettert, die der Weltklimarat der Vereinten Nationen IPCC vorhergesagt? Bei unserer Arbeit geht es nicht um Projektionen, sondern wir dokumentieren, was wirklich passiert ist."
Der bisher noch geringe Temperaturanstieg hat also eine verblüffende Wucht, fügt Cynthia Rosenzweig an:
"Weil diese Veränderungen wirklich passieren, spricht das sowohl für die Notwendigkeit, uns an den Klimawandel anzupassen, als auch dafür, dass wir die Treibhausgase reduzieren müssen, um unser langfristiges Risiko zu reduzieren."
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