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12.12.2008
Kläranlagen halten manche Stoffe nicht auf. (Bild: AP) Kläranlagen halten manche Stoffe nicht auf. (Bild: AP)

Aus der Spülmaschine in den Fluss

Antikorrosionsmittel rauschen durch die Kläranlage

Von Volker Mrasek

Umwelt. - Die moderne Chemie hat viele nützliche Substanzen synthetisiert - über deren ungewollte Effekte man erst nach und nach lernt. Ein solcher Fall sind Benzotriasole, die als Antikorrosionsmittel Geschirrspülmitteln und den Enteisungsmitteln zugesetzt werden, die auf Flughäfen verwendet werden. Die Substanzen kommen offenbar relativ unbehelligt durch die Kläranlagen in die Gewässer.

Auf der Verpackung von Maschinen-Geschirrspülmitteln stehen sie am Ende des Kleingedruckten, unter "weitere Inhaltsstoffe". Dort liest man, dass die Reinigungs-Tabs auch Rostschutzmittel enthalten. Damit die Metallkörbe in der Spülmaschine nicht korrodieren. Meist handelt es sich um Chemikalien aus der Gruppe der Benzotriazole.

"Diese Substanzen sind seit einigen Jahren in der Anwendung. Aber die Umweltproblematik dieser Substanzen ist wirklich erst in den letzten zwei, drei Jahren der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zumindest bewusst geworden."

An der Universität Frankfurt am Main kümmert man sich nun verstärkt um die Stoffgruppe. Das geschieht in der Abteilung von Jörg Oehlmann. Der Biologe ist Professor für Aquatische Ökotoxikologie. Das bedeutet: Er forscht über die Wirkung von Umweltschadstoffen auf Lebewesen in Gewässern. Oehlmann sieht die Benzotriazole mit Sorge:

"Sie sind extrem gut wasserlöslich. Und deswegen so mobil, dass sie auch zum Beispiel an Oberflächen nicht anheften. Sie adsorbieren nicht an den Belebtschlamm und schlagen deshalb mehr oder weniger durch eine Kläranlage hindurch. Das macht sie auch sehr problematisch, wenn sie einmal in den Wasserkreislauf gelangt sind, um sie für die Trinkwasser-Gewinnung auch wieder zu eliminieren. Auch da werden bestimmte Mengen potentiell zumindest bis ins Trinkwasser gelangen."

Noch bedeuten die Konzentrationen im Gewässer nach Oehlmanns Einschätzung keine wirkliche Gefahr,

"aber bei weiterer Verwendung größerer Mengen ist das zumindest für die Zukunft eine nicht auszuschließende Perspektive."

Zumal Benzotriazole auch an anderer Stelle eingesetzt werden, und das in viel größeren absoluten Mengen als in den Geschirrspülmitteln. Oehlmann:

"Das quantitativ, also von der Stoffmenge bedeutendste Anwendungsgebiet ist das als Enteisungsmittel auf Flughäfen, wo sie nicht nur für die Enteisung der Maschinen selbst, sondern auch zur Oberflächenenteisung zum Beispiel bei Start- und Landebahnen während der Wintermonate eingesetzt werden. Es ist längst nicht bekannt, in welchem Umfang diese Benzotriazole überhaupt eingesetzt werden. Aber wenn man sich beispielsweise vorstellt, dass ein Langstreckenflugzeug für die Enteisung allein 3,6 Kubikmeter Enteisungsmittel verbraucht, also 3600 Liter, dann sind das erhebliche Mengen."

Mit dem Anwendungsfeld Flughafen befasst sich inzwischen die Arbeitsgruppe von Elke Fries an der Universität Osnabrück. Die Geologin hat dort eine Juniorprofessur für Umweltsystemanalyse. Erste Freilanduntersuchungen liegen hinter ihr:

"Wir haben Gewässer ausgesucht, die im Einzugsbereich des drittgrößten europäischen Flughafens Frankfurt am Main liegen. Da haben wir dann Proben genommen. Wir sind dann um den Flughafen herumgefahren, haben den Main beprobt und den Hengsbach. Wenn Sie sich vielleicht erinnern: Dieses Jahr Ostern hat es ja sehr heftig geschneit, sehr viel geschneit, und es war auch relativ kalt. Da haben wir gemessen. Das sind nur orientierende Messungen, die erst mal sagen: Benzotriazole sind in diesen untersuchten Fließgewässern in nachweisbaren Konzentrationen."

Auch Schweizer Umweltforscher haben Benzotriazole nachgewiesen. Sie ermittelten die Konzentrationen der Stoffe in der Glatt, einem Fluss in unmittelbarer Nähe des Flughafens Zürich. Laut Elke Fries zeigte sich dabei,

"dass die ansteigen, wenn der Flughafen Zürich mehr Enteisungsmittel eingesetzt hat."

Die Flughäfen fangen die Enteisungsflüssigkeiten zwar auf. Doch entsorgt werden auch sie später in der Kläranlage. Und wenn Benzotriazole dort nicht abgebaut werden, wie es scheint, dann landen die Stoffe am Ende doch im Gewässer. Fries:

"Und ich würde mir wünschen, dass der Flughafen Frankfurt auch für eine Kooperation zur Verfügung steht. Dann könnte man ein schönes Projekt machen und wirklich die Eintragsquellen quantitativ erfassen."

Die Osnabrücker Umweltforscherin will demnächst offiziell beim Flughafen anfragen. Jörg Oehlmanns Arbeitsgruppe in Frankfurt testet die Benzotriazole unterdessen an verschiedenen Gewässerorganismen. Es besteht der Verdacht, dass die Stoffe wie Umwelthormone wirken und die Fortpflanzungsfähigkeit der Fauna in unseren Flüssen gefährden könnten:

"Maßnahmen zu fordern wäre meiner Meinung nach verfrüht. Also, da müssen wir wahrscheinlich noch mal einige Monate an Forschung investieren, um zumindest eine vorläufige Risikoabschätzung hinzubekommen."


 
 

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