Soziologie. - Gerade im Bereich 'Lernen' macht die Technologie große Fortschritte - so werden bereits die ersten virtuellen Hörsäle erprobt. Dort können Studierende sich, wie im realen Hörsaal, zu Wort melden, mitdiskutieren, Fragen stellen. Die Fachmesse für Bildungs- und Informationstechnologie "Learntec" in Karlsruhe liefert noch mehr Beispiele.
Ansgar Bittermann ist von Hause aus Neuropsychologe und beschäftigt sich mit Hirnforschung. Auf der Messe "Learntec" präsentieren er und seine Kollegen des Münchner Unternehmens "Global Emotion" ein elektronisches Lernverfahren der besonderen Art. Es richtet sich an Manager jener Unternehmen, die mit Partnern in China Geschäfte machen wollen - Geschäfte, die aber häufig an den unterschiedlichen kulturellen Gepflogenheiten zwischen Westeuropa einerseits und China andererseits scheitern. Um dieses Problem zu lösen, reisten Ansgar Bittermann und seine Kollegen nach Peking. Im Reisegepäck: Ein Fotoapparat.
"Wir haben eine Methode entwickelt, um Leute in kürzester Zeit emotional zu induzieren, Emotionen wirklich fühlen zu lassen. Ärger, Trauer, Skepsis - alle wichtigen Sachen eben. Und dann sind wir nach Peking gegangen und haben auf diesem Weg 130 Leute tatsächlich emotional induziert. Wir haben die verschiedenen Emotionen ausgesetzt. Und dann haben wir deren Emotionen im Gesicht gefilmt und fotografiert. Und diese Fotos und Videos der emotionalen Gesichtsausdrücke haben wir dann in ein E-Learning-Programm integriert."
Wie sieht ein Chinese aus, wenn er sich ärgert, wenn er wütend ist, wenn er nachdenkt, wenn er sich freut, trauert oder glücklich ist? Viele Westeuropäer haben bereits Schwierigkeiten, asiatische Gesichter klar voneinander zu unterscheiden, gar nicht zu reden davon, ihnen die richtigen Emotionen zuzuordnen - zu groß sind die kulturhistorischen Unterschiede. Doch für Geschäftskontakte ist es überaus wichtig, die jeweilige Stimmungslage des chinesischen Partners in Sekundenschnelle zu erkennen - und genau darauf haben Ansgar Bittermann und sein Team das e-Learning-Programm ausgelegt. Anhand der in Peking aufgenommenen Fotos und den entsprechenden Stimmungslagen haben sie ein spielerisches Trainingsprogramm entwickelt. Der Manager auf der Suche nach dem Geschäftserfolg in Asien schaut sich dazu erst einmal ein Video an.
"Und hier sehen Sie jetzt eines dieser Videos. Da sind wir zum Beispiel in Hongkong. Auf der linken Seite sehen sie ein Gesicht namens 'hard-Whisperer.' Und auf der rechten Seite sehen Sie die Emotion, die Sie anklicken sollen. Dann sehen Sie das Video und müssen in Windeseile, welche Emotion das ist. Zum Beispiel ist er traurig, ist er ängstlich, ist er glücklich. Und das ist sehr wichtig zu sehen, wenn er verärgert ist oder nicht. Denn eine Verhandlung scheitert meistens daran, dass jemand verärgert ist."
Doch weil ein verärgerter Chinese anders aussieht als ein verärgerter Durchschnitts-Deutscher, fällt es den Managern schwer, die rechtzeitig zu erkennen - eine Lücke, die das neue e-Learning-Programm aus München schließen soll. Beim Anklicken des emotionalen Zustandes derjenigen Person, die gerade auf dem Video auftaucht, erfährt man sofort, ob man richtig oder falsch getippt hat - und entwickelt schnell ein Gespür für die richtige Einschätzung. Dahinter verbirgt sich eine Fülle komplexer gehirnorganischer Prozesse, erklärt Ansgar Bittermann:
"Wenn Sie sich Gehirnprozesse vorstellen, gibt es da Knotenpunkte, ob Informationen weitergeleitet werden oder nicht. Und das sind Hemmprozesse. Das ist auf der einen Seite sehr gut. Weil ansonsten würden wir von unserer Informationsflut überrannt. Aber diese Hemmprozesse können auch umschlagen und zu stark sein. Und diese Hemmprozesse reduzieren wir. Außerdem gehen wir ins limbische System, das für die Informationsverarbeitung zuständig ist und wie sich ein Netz übers ganze Gehirn spannt und auch alles beeinflusst, was die Wahrnehmungsleistung tangiert. Die Leute haben meistens Angst, wenn sie mit einer fremden Kultur in Verbindung kommen. Und dieses limbische System beziehungsweise die negative Form - die reduzieren wir."
Durch die Übungen mit dem neuen e-Learning-Programm. Handelt es sich dabei um ein automatisches Lernverfahren, so gestaltet sich auch der reguläre Vorlesungsbetrieb einer Hochschule zukünftig zunehmend virtuell - so die Expertenmeinung auf der 'Learntec' in Karlsruhe. Dort stellt der Stuttgarter Anbieter 'vitero' die jüngste Generation des 'virtuellen Hörsaals' vor. Die Universität Stuttgart erprobt das System im Rahmen ihres neuen Master-Studiengangs 'Online-Logistik.' Statt im Hörsaal sitzen die Studierenden zwar vor dem heimischen PC, blicken auf den Bildschirm. Doch ansonsten läuft die Vorlesung ganz regulär ab, so Ann-Cathrin Jung von der Uni Stuttgart:
"Sie sehen dort einen ganz normalen Klassenraum, der unmittelbar so aussieht wie ein ganz normaler Klassenraum. Wir haben Avatare, die die Nutzer vertreten. Das sind Fotos unserer Studenten oder Fotos der Teilnehmer. Und natürlich gibt es auch die Möglichkeit, auch direkt per Web-Cam live sichtbar zu sein."
Alles läuft in Echtzeit ab: Der Dozent erklärt die Unterrichtsinhalte; die Studierenden im virtuellen Hörsaal können nicht nur Zwischenfragen stellen, sondern sich auch, per Mausklick, mit Gesten wie Fingerstrecken oder zustimmendem Murmeln an der Vorlesung beteiligen. Denn: Wenn der Ablauf im 'virtuellen Ablauf' möglichst nah einer realen Vorlesung nachempfunden wird, ist der Lernerfolg am größten, so die Erkenntnis der Experten in Stuttgart. Und: Mittlerweile ermöglicht die Technik auch anerkannte mündliche Prüfungen - im virtuellen Prüfungsraum. Ann-Cathrin Jung:
"Prüfungen können zum Teil auch online gemacht werden. Und das ist natürlich eine schöne Situation, wenn man dann die Web-Cam zur Verfügung hat und dann auch sehen kann, dass der Prüfer selbst vorhanden ist."
Beiträge zum Nachhören
Forschung Aktuell
Sternzeit 10. Februar 2012
Sendezeit: 10.02.2012, 16:57
Haihaut im Strömungskanal
Sendezeit: 10.02.2012, 16:50
Schon vor 3000 Jahren rodeten Menschen den Regenwald
Sendezeit: 10.02.2012, 16:45
dradio-Recorder
im Beta-Test: