Zum Inhalt
Zur Deutschlandfunk-Startseite
 
nach oben
09.07.2009
Das arktische Meereis wird wohl nur noch im Winter zu sehen sein. (Bild: AWI) Das arktische Meereis wird wohl nur noch im Winter zu sehen sein. (Bild: AWI)

Verpasste Chance

Globale Mitteltemperatur wird wohl um mehr als zwei Grad steigen

Von Volker Mrasek

Klimaforschung. - Zwei Grad Temperaturanstieg, so lautete bislang die magische Schwelle, die die Welt nicht überschreiten darf, um größere Klimaverwerfungen zu vermeiden. Doch dieses Ziel ist wohl nicht zu erreichen.

Knapp 40 Seiten hat der neue Report, der die Klimaforschung auf dem neuesten Stand von 2009 präsentiert. Darin stehen Sätze, die man so noch in keinem wissenschaftlichen Bericht zur globalen Erwärmung gelesen hat, und zwar:

Die atmosphärischen CO2-Konzentrationen sind schon [heute] auf einem Niveau, von dem angenommen wird, dass es zu einer globalen Erwärmung zwischen zwei und 2,4 Grad Celsius führt. Da ihre drastische, schnelle Reduktion unmöglich ist, werden die Treibhausgas-Konzentrationen in den nächsten Jahrzehnten weiter zunehmen. Ein Überschreiten der 2-Grad-Schwelle ist insofern unvermeidlich."

Alle Welt redet nur noch vom Zwei-Grad-Ziel. Die globale Erwärmung auf diesen Wert zu begrenzen - das ist zur Richtschnur der internationalen Politik geworden. Wenn dies gelänge, könnten drastische Klimaveränderungen vielleicht noch verhindert werden, heißt es. So äußerte sich auch Hans-Joachim Schellnhuber noch im März auf der Kopenhagener Konferenz, der Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung:

"Die zwei Grad sind nach wie vor eine sinnvolle politische Zielsetzung. Das, glaube ich, hat der Kongress schon bestätigt."

Doch wirklich zu erreichen ist dieses Ziel realistisch betrachtet nicht mehr. Das betont der neue, noch einmal von Experten begutachtete Klima- und Konferenzbericht. Hans-Joachim Schellnhuber gehört zu den insgesamt zwölf Autoren. Schon in Kopenhagen hatte er darauf hingewiesen,

"dass vor allem mit jedem Jahr, das wir warten in der Politik, die Möglichkeiten, wirklich noch bei zwei Grad zu stoppen, geringer werden, deutlich geringer werden. Das ist nicht so: ein Jahr versäumt, dann muss ich vielleicht ein Prozent mehr im Jahrhundert irgendwie machen, sondern das ist ein nicht-linearer Zusammenhang. Das heißt, wenn wir ein paar Jahre verlieren, dann steigt die Wahrscheinlichkeit rasant an, dass wir über die zwei Grad schießen."

So weit scheint es inzwischen zu sein. Vor allem wegen der Entwicklungen der letzten Jahre. Der Zwischenstaatliche Klima-Ausschuss der Vereinten Nationen, kurz: IPCC, hat sie so nicht vorhergesehen. Sein vielbeachteter Sachstandsbericht von 2007 gilt deshalb in einigen Punkten bereits als überholt. Weitere Auszüge aus dem heute in Brüssel präsentierten Update für 2009:

Beobachtungen seit 2007 zeigen, dass sich die Treibhausgas-Emissionen und viele Veränderungen im Klimasystem am oberen Rand der Projektionen des IPCC bewegen. Im Fall des Meeresspiegel-Anstiegs liegen sie sogar darüber. Aktuelle Abschätzungen legen nahe, dass die Erwärmung des Ozeans um rund 50 Prozent stärker ist, als der IPCC zuletzt berichtete. Eine der dramatischsten Entwicklungen seit dem letzten Sachstandsbericht ist der rapide Rückgang der Meereisbedeckung im arktischen Sommer.

Auch den haben die UN-Experten in seiner Dynamik unterschätzt. Beim Meeresspiegel-Anstieg lagen sie vermutlich um die Hälfte daneben, mit einer Spanne von plus 18 bis 59 Zentimetern bis zum Jahr 2100. Aktualisierte Zahlen nannte kürzlich schon Konrad Steffen, Professor für Umweltwissenschaften an der Universität von Colorado in Boulder in den USA:

"Die Vorhersage muss wahrscheinlich revidiert werden, auf Werte bis zu einem Meter oder mehr. Und auch dann ist noch nicht Schluss. Denn der Meeresspiegel wird weiter steigen, über das Jahr 2100 hinaus."

Auch wenn das Zwei-Grad-Ziel realistischerweise nicht mehr zu schaffen ist - die Klimaforscher raten unverändert zu einer möglichst schnellen "Dekarbonisierung der Wirtschaft". Das heißt, die Staatengemeinschaft sollte so rasch wie möglich auf fossile Energieträger verzichten und sie durch weitgehend CO2-freie ersetzen. Denn sonst könne es sein, dass man sogar auf eine vier oder fünf Grad wärmere Welt zusteuere. Dazu Nicholas Stern, Mitautor des neuen Berichtes und früherer Klimaberater der britischen Regierung:

"Wenn wir es hinauszögern, der Gefahr ins Auge zu sehen, dann wird es uns um so härter treffen - auch was die Kosten anbelangt. Der Umstieg in eine kohlenstoffarme Wirtschaft wird so umfassend sein müssen wie der Eroberungszug der Eisenbahn, des elektrischen Stroms oder des Automobils. Den Grundstein dafür müssen wir jetzt legen."

Auf dem kommenden Welt-Klimagipfel im Dezember in Kopenhagen soll der neue Bericht wissenschaftliche Informationen auf dem aktuellsten Stand liefern. Die klare Botschaft an die Delegierten aus rund 190 Ländern: Es gebe keine Entschuldigung mehr für eine zögerliche Klimaschutzpolitik.


 
 

Mehr zur Sendung:

JETZT IM RADIO

Deutschlandfunk

Seit 07:05 Uhr
Information und Musik
Nächste Sendung: 08:30 Uhr
Nachrichten

mehr

LIVE-STREAM

Deutschlandfunk

Dokumente und Debatten mehr

AUDIO ON DEMAND

Beiträge zum Nachhören

Forschung Aktuell

Sternzeit 10. Februar 2012

Sendezeit: 10.02.2012, 16:57

Haihaut im Strömungskanal

Sendezeit: 10.02.2012, 16:50

Schon vor 3000 Jahren rodeten Menschen den Regenwald

Sendezeit: 10.02.2012, 16:45

PODCAST

Radio zum Mitnehmen

Podcast: Sendungen

Podcast: Themen

PLAYER / RECORDER

dradio-Recorder
im Beta-Test:

 

KOOPERATIONSPARTNER

ARD-Logo und Link  ZDF-Logo und Link  Phoenix-Logo und Link