Informatik. - 80.000 feierwütige junge Menschen auf dem platten Land - das ist nicht nur die perfekte Voraussetzung für ein Rockfestival, sondern auch, um die Bewegung von Menschenmassen zu untersuchen. Wissenschaftler der Universität im belgischen Gent haben das größte Rockfestival ihres Landes zum Versuchslabor umgestaltet und per Bluetooth die Wege der Massen analysiert.
Er könnte einer von ihnen sein: die langen Haare zu einem Zopf gebunden, kurze Hosen und Sandalen: Nico van de Weghe sieht aus wie Tausende Partygäste auf dem Rockfestival im belgischen Werchter. Allerdings trägt der Professor für Geomatik der Universität in Gent statt des obligatorischen Bierbechers einen PDA in der Hand - unentbehrliches Werkzeug für das Ortungsprojekt, das ihn und 20 weitere Wissenschaftler aus den Seminarräumen in die reale Welt verschlagen hat. Sie fangen die Bluetooth-Signale aus den Handys oder PDAs der Festivalbesucher auf. Und hoffen so, Bewegungsmuster auszumachen, erklärt Nico van de Weghe:
"Wir versuchen zu erkennen, ob es verschiedene Gruppen gibt, die sich bewegen. Was machen diese Gruppen? Konkrete Fragen wären etwa: Welchen Weg haben Bluetooth-Sender genommen, die an die Erste-Hilfe-Posten kommen, an denen wir auch unsere Scanner aufgestellt haben? Wo waren die vorher, gibt es vielleicht Orte, die gefährlich sind?"
Big Brother auf dem größten Festival Belgiens - Bedenken hinsichtlich der Privatsphäre der Musikfreunde gibt es jedenfalls keine. Denn geortet wird allein die sogenannte MAC-Adresse des Funkchips im jeweiligen Gerät. Die kann aber nicht mit der Telefonnummer oder persönlichen Daten in Verbindung gebracht werden, sondern nur mit einem Bluetooth-Sender. Und wer Bluetooth gar nicht aktiviert habe, der könne auch nicht erfasst werden, versichert Nico van de Weghe.
Dass allerdings sehr viel mehr Menschen, als die Wissenschaftler zu hoffen gewagt hatten, auf ihrem Mobilfunkgerät die Bluetooth-Verbindung wohl ständig aktiviert haben, war für sie eine Überraschung. Schon am ersten Tag der Untersuchung registrierten die Forscher mit einem einzigen Empfänger über 200.000 Bluetooth-Kontakte. Für den Test seien 36 Scanner auf dem ganzen Gelände verstreut installiert, erklärt Bram Van Londersele, der das Forschungsprojekt angestoßen hat:
"Das ist einfach ein kleines Gerät, das scannt, ob es in der Umgebung Bluetooth-Aktivität gibt. Wenn ja, dann schreibt er das in ein Logfile. Es ist nur eine Textzeile mit Zeitstempel und MAC-Adresse. Jede neue Quelle ergibt eine neue Zeile. Also ist es bisher tatsächlich kein grafisches Bild, das wir bekommen, nur Textzeilen."
Diese Textzeile sagt nur, dass der Scanner innerhalb einer Distanz von 30 Metern ein Bluetooth-Signal geortet hat - genauere Angaben, etwa wie dicht das Signal am Empfänger war, in welche Richtung es sich bewegt hat, gibt es derzeit nicht. Da müssen die Wissenschaftler schon tricksen, wie Van Londersele anhand einer Karte des Geländes erklärt.
"Das ist der Eingang. Hier sind vier, hier zwei Bluetooth-Scanner, so können wir sehen, ob sie rein oder rausgehen. Denn wenn sie erst links und dann rechts geortet werden, heißt das, dass sie sich in Richtung der Bühne bewegen."
Nach der Auswertung der Daten wollen die Genter ihre Erkenntnisse beispielsweise in Anwendungen für den Einzelhandel einfließen lassen, etwa beim Zählen von Kunden. Aber auch für den Sicherheitsbereich sehen sie einen praktischen Nutzen, etwa wenn es um Evakuierung von Massenveranstaltungen oder das Orten verdächtiger Bewegungen geht.
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