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19.10.2009
Der Intendant des Deutschlandradio, Willi Steul, hat einen starken persönlichen Bezug zu klassischer Musik. (Bild: SWR/KorteSW) Der Intendant des Deutschlandradio, Willi Steul, hat einen starken persönlichen Bezug zu klassischer Musik. (Bild: SWR/KorteSW)

"Es geht um Förderung von Musik"

Intendant Willi Steul über die Auszeichnung von drei Musik-Produktionen mit dem Echo-Klassiks

Willi Steul im Gespräch mit Gerwald Herter

Junge, noch unbekannte Künstler zu fördern, sei die Politik des Hauses, sagt Willi Steul, Intendant des Deutschlandradios, über die Produktionen klassischer Musik. Das sei "Musikinformation, ein typisches Zeichen für den Deutschlandfunk", so Steul.

Gerwald Herter: Beethovens Kreutzersonate. Die Violinistin Patricia Kopatchinskaja hat sie zusammen mit dem Pianisten Fazil Say eingespielt. Das ist eine von drei Deutschlandfunk-Produktionen, die gestern in Dresden mit Echo-Klassikpreisen ausgezeichnet wurden.
Aus diesem Anlass habe ich mit Dr. Willi Steul, dem Intendanten des Deutschlandradios, über unsere Klassikproduktionen gesprochen. - Herr Steul, als Intendant einer Rundfunkanstalt ist man sicher nicht mit jeder einzelnen Klassikproduktion befasst. Aber trotzdem tragen Sie ja die Verantwortung, es geht um Geld und Ruhm. Gleich dreimal wurde der Deutschlandfunk jetzt mit dem Echo-Klassikpreis ausgezeichnet. Wie groß ist Ihre Freude darüber?

Willi Steul: Dementsprechend riesig, zumal diese Art von Musik, ohne die kann ich nicht leben.

Herter: Sie haben eine starke persönliche Beziehung zu klassischer Musik?

Steul: Ja, absolut.

Herter: Wie oft hören Sie Klassik? Jeden Tag?

Steul: Wirklich! Wenn ich nicht täglich klassische Musik höre, dann fehlt mir was. Das ist so schon von Kindesbeinen an.

Herter: Jetzt produziert natürlich die Musikindustrie Klassik, klassische Produktionen, oder symphonische Einspielungen, Kammermusik auch. Das macht die Musikindustrie und der Deutschlandfunk zusätzlich. Warum ist dies notwendig?

Steul: Notwendig ist das nicht. Das hängt vor allen Dingen daran, dass wir hier in Köln im Deutschlandfunk einen Kammermusiksaal haben, der ganz besonders aufgrund seiner Akustik, aufgrund seiner Größe, aufgrund auch der technischen Möglichkeiten, die wir haben, sich ganz besonders dafür eignet, er ist bekannt dafür. Und wir tun dies auch, weil die großen Label, die internationalen Label arbeiten doch gerne, weil sie Geld verdienen müssen, mit Künstlern, wo man sicher ist, dass sie etwas einbringen. Wir arbeiten in diesem Kammermusiksaal für unseren eigenen Bedarf - wir nehmen ja das auf, damit wir es senden - auch mit jungen Künstlern und deshalb brauchen wir durchaus einen solchen Saal. Wir sind keine Konkurrenz zur Musikindustrie und damit das nicht zu teuer wird, kooperieren wir mit sogenannten Labels, also der Musikindustrie, die auch ein Interesse hat, jüngere Künstler, noch unbekannte Künstler zu fördern. Das ist eigentlich unser Ziel.

Herter: Also das läuft so, dass eine Produktion ausgewählt wird, die Sachen werden eingespielt im Kammermusiksaal, ausgestrahlt im Deutschlandfunk, und das ist vor allem der Vorteil, den der Deutschlandfunk und die Hörerinnen und Hörer davon haben?

Steul: Das ist der Vorteil und wir arbeiten zusammen. Sehen Sie, hier wurde ein Echo vergeben für Aufnahmen, für Symphonien des Komponisten Henri-Joseph Rigel. Das sind Werke, die noch nie aufgenommen worden sind. Das ist ein deutsch-französischer Komponist, Mitte des 18. Jahrhunderts ging der aus Deutschland nach Paris, machte dort Furore. Das sind sozusagen wiederentdeckte Werke. Ein solches Risiko geht ein großes Label nicht ein. Es ist für uns wichtig, weil unsere Musik, die wir dem Hörer nahe bringen wollen, ist immer auch Musikinformation, das typische Zeichen ja für den Deutschlandfunk, und diese Dinge machen wir deshalb in Kooperation mit anderen.

Herter: Und ein Risiko geht man ja auch ein, wenn man junge Künstler produziert. Aber dieses Risiko sollte man eingehen, weil man sie dadurch fördert.

Steul: Das Risiko, Herr Herter, ist nicht sehr hoch. Wir haben ja auch einen Kulturauftrag als öffentlich-rechtlicher Sender. Dafür bekommen wir Gebühren. Es hat einen Preis gegeben jetzt gestern an Patricia Kopatchinskaja, eine junge Violinistin; die hat zusammen gespielt mit Fazil Say, einem Türken. Deutschlandradio, Deutschlandfunk vergibt auch bei dem Bremer Musikfestival einen Preis, einen Förderpreis, und wir haben dieser jungen Künstlerin diesen Preis 2007 zugeeignet. Der Preis besteht darin, dass sie eine Woche lang bei uns im Deutschlandfunk hier in Köln das Studio für eine Produktion nutzen kann. Sie hat dies genutzt für exakt diese Produktion. Unser Preis ist ein Stipendium sozusagen. Wir vergeben kein Geld, aber wir geben unser Wissen und unseren Kammermusiksaal und es ist natürlich wunderschön, dass exakt aus diesem Preis jetzt eine CD-Produktion entstanden ist, die diesen ganz renommierten Echo-Klassikpreis bekommen hat. Das ist so unsere Politik, die wir als öffentlich-rechtlicher Sender mit der Musik machen.

Herter: Ausgezeichnet wurde auch der Pianist Martin Helmchen für seine Schubert-Interpretationen. Er ist gerade mal Mitte 20, auch eher ein junger Künstler. Also liegt das auch auf dieser Linie. Das sind typische Deutschlandfunk-Produktionen, typische Projekte?

Steul: Typische Deutschlandfunk-Produktionen. Es sind nicht die Topstars, mit denen wir arbeiten, denn die können wir, wollen wir nicht bezahlen. Es geht hier auch um Kulturförderung und es geht um Förderung von Musik.

Herter: Juristen der EU-Kommission aus der Wettbewerbsgeneraldirektion stellen genauso wie der private Rundfunk das Finanzierungsmodell der öffentlich-rechtlichen Anstalten immer mal wieder in Frage. Wie wichtig ist es in diesem Zusammenhang, dass der Deutschlandfunk Kultur schafft, und zwar Kultur in engerem Sinne, also klassische Musik produziert?

Steul: Nun gibt es ja Gott sei Dank noch ein Verfassungsgericht in Karlsruhe, was uns immer wieder, uns, dem Deutschlandradio, dem Deutschlandfunk und auch den Kollegen der ARD und vom ZDF, bestätigt, dass wir notwendig sind für diese Gesellschaft. Und wir sind auch notwendig, damit man sich kulturell betätigt. Sehen Sie, in Amerika gibt es drei bedeutende symphonische Orchester. In Deutschland gibt es mindestens 20 bedeutende symphonische Orchester und mehr als die Hälfte davon sind Orchester, die in einer Art und Weise wie auch immer verbunden sind mit öffentlich-rechtlichen Sendern. Nun kann man darüber diskutieren, dass das vielleicht ein bisschen viel ist, aber Sie sehen an diesem kleinen Beispiel, dass unsere Kultur nicht die wäre, die sie ist, wenn es auch die öffentlich-rechtlichen Sender nicht gäbe, und dieser Kulturauftrag ist auch unbestritten in der Bundesrepublik Deutschland. Die EU betrachtet bedauerlicherweise Rundfunk als ökonomisches Gut.

Herter: Ein Missverständnis sollten wir vielleicht aufklären. Viele Leute glauben, dass Deutschlandradio Kultur für die Kultur im Deutschlandradio zuständig ist von Berlin aus, der Deutschlandfunk hingegen eher und nur für die Information. Das ist aber nicht der Fall. Es handelt sich hier um Deutschlandfunk-Produktionen.

Steul: Dies ist eine Deutschlandfunk-Produktion, ja. Kultur muss es selbstverständlich auch im Deutschlandfunk geben. Die Programme, wenn man sie parallel hören kann - und ich kann nur Hörer dazu einladen, beide Programme zu hören. Dann sehen Sie, dass es einfach anders gesetzte Schwerpunkte sind und die Anmutung ist etwas anderes. Kultur muss es auch im Deutschlandfunk geben, so wie es die Informationen in Deutschlandradio Kultur geben muss. Man muss dem Kinde nur einen Namen geben.

Herter: Der Intendant des Deutschlandradios, Willi Steul, über drei Echo-Klassikauszeichnungen für Deutschlandfunk-Produktionen.


 
 

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Interview mit Willi Steul

Sendezeit: 19.10.2009 08:22

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