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22.10.2009
Viele Banken erzielen wieder Gewinne.  (Bild: AP) Viele Banken erzielen wieder Gewinne. (Bild: AP)

"Wir haben eine Rückkehr zum business as usual"

Wirtschaftsethiker hält Großbanken für zu mächtig

Bernhard Emunds im Gespräch mit Sandra Schulz

Bernhard Emunds, Wirtschaftsethiker an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen, glaubt angesichts sprudelnder Gewinne bei vielen Banken, dass der Tiefpunkt der Krise auf den Finanzmärkten überwunden sei. An den Geschäftsmodellen der großen Banken habe sich aber wenig geändert, deshalb müsse die Politik Regulierungen schnell durchsetzen.

Sandra Schulz: Gut ein Jahr liegt der Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers nun zurück, in dessen Folge Banken auf der ganzen Welt mit Hunderten von Milliarden Dollar und Euros gestützt werden mussten. Auf drei Gipfeln haben die G-20 über eine neue Regulierung der Finanzmärkte weltweit beraten. Bei vielen Banken sprudeln die Gewinne längst wieder. Die Deutsche Bank rechnet für das dritte Quartal erneut mit einem Milliarden-Gewinn, der den Eckdaten zufolge, die das Geldhaus gestern veröffentlicht hat, mit 1,4 Milliarden Euro dreimal so hoch ausfallen könnte wie im vergangenen Jahr.

Sind die Banken in der Normalität zurück, oder ist für die Banken normal, was in die Krise geführt hat? Darüber wollen wir in den kommenden Minuten sprechen. Am Telefon begrüße ich Professor Bernhard Emunds, den Leiter des Oswald-von-Nell-Breuning-Instituts für Wirtschaftsethik der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen. Guten Morgen!

Bernhard Emunds: Guten Morgen!

Schulz: Können sich die Steuerzahler über die Milliarden-Gewinne freuen?

Emunds: Wohl kaum. Ich meine, insgesamt bedeutet natürlich die Tatsache, dass die Gewinne wieder sprudeln, dass der Tiefpunkt der Krise auf den Finanzmärkten überwunden ist, aber das Sprudeln bedeutet zugleich, dass wir eine Rückkehr zum "Business as usual" haben. Man hat fast den Eindruck, man hat mit einem Bungee-Jumper zu tun und der Springer freut sich darüber, dass er nach dem ersten Bodenkontakt, der ziemlich unsanft gelaufen ist, jetzt wieder nach oben gerissen wird. Also kurzum: Es ist so, dass sich am Geschäftsmodell der großen Banken nicht viel geändert hat und dass jetzt die Erwartungen eingepreist werden, die Erwartungen nämlich, dass sich nicht viel ändert.

Schulz: Mehr als 100 Milliarden Euro hat der Staat hierzulande ja in die Rettung der Hypo Real Estate gesteckt. Sind die Steuergelder damit mittelbar auch eingeflossen in diesen Milliarden-Gewinn?

Emunds: Ja. Neben den Erwartungen, die sozusagen zu einem Anstieg der Vermögenspreise, zu einem Anstieg der Aktienkurse, zu einem Anstieg auch bei den Derivaten geführt haben, neben diesen Erwartungen spielt eben eine ganz, ganz große Rolle, dass viel, viel Geld da ist, Geld, das immer nach sinnvollen Anlagemöglichkeiten sucht. Da spielen die staatlichen Rettungspakete eine Rolle, die Konjunkturpakete, es spielt natürlich auch eine große Rolle, dass die Zentralbanken faul gewordene oder prekär gewordene Wertpapiere von den Banken übernommen haben, insgesamt die Europäische Zentralbank und die Federal Reserve in einem Volumen von mehr als zwei Billionen Euro, und dieses Geld ist natürlich Geld, das letztendlich jetzt dazu führt, dass die Kurse auch wieder ansteigen.

Schulz: Gleichzeitig waren diese Wetten, um die es ja immer geht, ja auch vergleichsweise leicht zu gewinnen. Ist es aus Banker-Sicht nicht auch vernünftig, eben gerade auf diese staatlichen Rettungs-Milliarden zu spekulieren?

Emunds: Ich würde sagen, das Problem liegt weniger bei den Bankern. Die machen sozusagen das, wo sie den Eindruck haben, dass sie damit das meiste Geld machen. Das Problem ist vor allen Dingen, dass die Politik jetzt sehr, sehr zielstrebig und konsequent eine neue Regulierung durchsetzen muss. Die Politik muss Grenzen setzen, Grenzen, die auch dazu führen, dass nicht jetzt ausgerechnet der Investmentbanking-Bereich, die ganzen Geschäfte, die mit Wertpapieren, Derivaten und so weiter zu tun haben, jetzt wieder boomt, während gleichzeitig die Kredite an die kleineren und mittleren Unternehmen brachliegen und damit auch die gesamte realwirtschaftliche Entwicklung nicht in Gang kommt.

Schulz: Jetzt hat es ja drei G-20-Gipfel gegeben. Haben die überhaupt keine Lenkung in die richtige Richtung angedeutet?

Emunds: Die Absichtserklärungen der G-20-Gipfel zielen genau in die richtige Richtung. Insofern kann man begrüßen, dass die schwarz-gelbe Koalition jetzt sagt, sie will sie konsequent umsetzen. Ich kann nur hoffen, dass das auch international dann der Fall sein wird. Allerdings reichen natürlich diese G-20-Beschlüsse nicht. Wir haben ein großes Problem mit Großbanken, die so groß sind, dass sie nicht untergehen können. "Too Big To Fail" ist dort das Stichwort. Und wir haben vor allen Dingen ein Problem, das im Moment international verstärkt diskutiert wird, in Deutschland noch gar nicht, nämlich ein Problem, dass diese Großbanken einerseits in diesem Geschäft mit Wertpapieren aktiv sind und andererseits im Kredit- und Giro-Geschäft mit uns, den kleinen Leuten, und mit den Unternehmen, und dass diese enge Verquickung, die ganz neu ist in dieser Art und Weise, dazu führt, dass die Geldmaschinen angeworfen werden können durch eine starke Kreditvergabe und dann ganz, ganz viel Geld sehr schnell auf die Finanzmärkte fließt und dort zu einem Anstieg einer großen Preisblase führt. Das ist die Entwicklung, die eben zur Krise geführt hat, und es steht zu befürchten, dass genau diese Geldmaschinen jetzt wieder angeworfen werden und uns die nächste Preisblase bescheren.

Schulz: Und wie kann sich der Staat dagegen wehren, dass er auf genau die gleiche Art wieder erpressbar wird?

Emunds: Die Vorschläge des britischen Notenbankchefs Mervyn King oder auch von Paul Volcker, dem Berater Obamas, gehen ja tatsächlich dahin, die Großbanken zu zerschlagen. Man würde sich zumindest wünschen, dass Überlegungen noch mal aufgegriffen werden und dann verwirklicht werden, die man in den letzten Monaten gehört hat, vor der Bundestagswahl auch in Deutschland, nämlich dass man besondere Belastungen für Großbanken einführt, etwa die Eigenkapitalnorm verschärft, oder besondere Versicherungsprämien von den Großbanken einfordert, damit deren Geschäfte, die durch eine implizite Sicherung des Staates besonders einträglich gemacht worden sind, dann auch belastet werden.

Schulz: Die Vorschläge, die Sie gerade zitiert haben, die heute Morgen auch die "Süddeutsche Zeitung" zitiert, die Zerschlagung von Großbanken, das klingt ja recht radikal. Ist so etwas überhaupt realistisch?

Emunds: Wenn Sie sich vorstellen, dass die Frau Merkel sehr zurecht gesagt hat, sie sei erpresst worden und hätte nicht anders können, als die Banken zu retten, dann kann man natürlich sagen, egal ob man aus einer ordoliberalen Ecke argumentiert, oder aus einer christlich-sozialethischen Ecke, das entscheidende Problem ist wirtschaftliche Macht und wenn wir Konzerne haben, die so viel wirtschaftliche Macht haben, dass sie die Regierung zwingen können, bestimmte Schritte zu ergreifen, dass sie die Regierung zwingen können, auf bestimmte Regulierungen zu verzichten, dann haben wir das entscheidende Problem. Und dass es uns so schwer fällt zu sagen, vielleicht muss man mal über die Zerschlagung von Großbanken nachdenken, hat ja vielleicht auch genau etwas mit dieser Macht der Großbanken zu tun.

Schulz: Das waren Einschätzungen heute im Deutschlandfunk von Professor Bernhard Emunds, Wirtschaftsethiker der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen. Danke schön!

Emunds: Gerne.


 
 

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