Der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat die Westdeutschen dazu aufgerufen, sich neugierig in den ostdeutschen Bundesländern umzusehen. Für das Zusammenwachsen sei es wichtig, dass sich die Lebensbedingungen noch stärker anglichen.
Bettina Klein: Richard von Weizsäcker war im November 1989 Bundespräsident und er wurde der erste Bundespräsident des vereinten Deutschland. Mit ihm habe ich vor der Sendung gesprochen und auch ihn zunächst nach seiner Erinnerung an den Tag vor 20 Jahren gefragt.
Richard von Weizsäcker: Ich selber war im Auto unterwegs aus Süddeutschland und habe die Folgen der Öffnung der Mauer im Radio gehört.
Klein: Und war Ihnen sofort die Tragweite dessen klar, was da geschehen ist?
von Weizsäcker: Längst vor dem Fall der Mauer, die ja von innen her aufgedrückt worden ist, war klar, dass die Empfindungen in Richtung auf eine Einigung und Vereinigung Deutschlands ging. Aber wie das zu erreichen war, war sowohl nach innen wie nach außen eine Fülle von Aufgaben. Nicht das Ziel war mir zweifelhaft in seinem Gelingen, aber die Dauer und die Modalitäten.
Klein: Sie gehörten zu denjenigen, die am Ende oder nach einigen Jahren zumindest und auch in Ihrem Buch jetzt bedauert haben, dass der Vereinigungsprozess nicht nach Artikel 146 Grundgesetz vonstatten gegangen ist.
von Weizsäcker: Das ist ein kompliziertes Thema. Ich habe in der Tat ein Buch über die Vereinigung jetzt geschrieben. In dem Artikel 146 ist ausdrücklich Bezug genommen auf den Fall, der ja nur anwendbar ist im Falle einer Wiedervereinigung Deutschlands. Auf der anderen Seite hätte es sehr viel Zeit erfordert. Der Vorteil wäre es natürlich gewesen, dass alle Deutschen und insbesondere auch alle Ostdeutschen ganz ausdrücklich um ihre persönliche Stellungnahme zur Einheit gefragt worden wären, aber wir hatten zu wenig Zeit. Auf der einen Seite wanderten viele Ostdeutsche nach Westdeutschland. Sollten wir wegen des Zeitbedarfs eine neue Barriere errichten? Doch wohl nicht! Außerdem brauchten wir die Zustimmung der Siegermächte und da ging es vor allem um die Zustimmung von Gorbatschow. Dessen Amtszeit drohte aber, ganz rasch zu Ende zu gehen. Also hatten wir keine Zeit und daher war das Tempo nötig und das wäre nach 146 nicht mehr möglich gewesen.
Klein: Sie schreiben in dem Buch auch, die Einheit sei nicht vollendet. Welchen Umstand oder welchen Hauptfehler machen Sie dafür verantwortlich, oder sagen Sie, das ist nach 20 Jahren einfach unvermeidlich, dass die Einheit noch nicht vollendet ist, sie kann noch nicht vollendet sein?
von Weizsäcker: Es geht auf der einen Seite um die Lebensbedingungen. Es sind wirklich gewaltige im Sinne einer Einheit Maßnahmen ergriffen worden. Wenn man sich die Infrastruktur, die Umweltverbesserungen und vieles andere mehr ansieht, dann sind große Erfolge erzielt worden. Aber die Arbeitslosigkeit ist immer noch fast doppelt so groß im Osten wie im Westen. Das ist schwierig. Bitte, nach der Vereinigung war zunächst von den Ostdeutschen Freude darüber, dass sie nun die Freiheit hatten, die sie vorher nicht hatten, aber mit der Freiheit verbunden war natürlich auch die Verantwortung, die die Freiheit erfordert, und außerdem mussten sie sich an eine Fülle von neuen Gesetzen und Verordnungen gewöhnen, die sie vorher gar nicht kannten. Das waren sehr große Anforderungen.
Klein: Mein Eindruck ist, bei diesen Veranstaltungen, Diskussionen, die wir jetzt gerade in diesem Jahr, in diesen vergangenen Monaten erlebt haben, es gibt gerade bei den ehemaligen DDR-Bürgern nach wie vor ein sehr, sehr starkes Bedürfnis, sich zu äußern, eine öffentliche Bühne auch zu haben für ihre rückwärtige Betrachtung, was die Zeit in der DDR angeht, aber auch was den Einigungsprozess angeht.
von Weizsäcker: Ist doch gut, wenn sie das nützen, wenn sie das nachhaltig nützen, und es ist ja auch gut, wenn der Westen sorgfältig zuhört und sich an den Diskussionen beteiligt.
Klein: Sie haben auch geschrieben, zumindest rückblickend war es so, dass die Ostdeutschen immer über die Grenze geschaut haben nach Westen, umgekehrt war es nicht in der gleichen Vehemenz der Fall.
von Weizsäcker: Natürlich nicht!
Klein: Ist das auch eine Ursache dafür, dass wir heute sagen, es ist eben immer noch schwierig und es hakt beim Zusammenwachsen dessen, was eigentlich zusammengehören sollte?
von Weizsäcker: Wir dürfen eine solche Frage, wie Sie sie stellen, natürlich nicht mit einem Vorwurf nach irgendeiner Richtung verbinden. Es ist doch ganz klar, dass man sich im Osten dank der elektronischen Medien sorgfältig darüber informieren konnte und wollte, wie es im Westen zugeht. Auf der anderen Seite war im Westen der Aufbau schneller möglich, auch der Aufbau nicht nur durch eigene Kräfte, sondern durch Hilfe von außen - denken Sie an die Marshall-Hilfe und anderes mehr. Und außerdem wurde Westdeutschland alsbald in dem inzwischen ausgebrochenen Kalten Krieg in das westliche Bündnis aufgenommen und auf diese Weise mit dem Westen, vor allem mit den Amerikanern, aber dann durch die Entstehung der Europäischen Union eben auch in Europa, eingebunden. Das war ein richtiger und notwendiger Weg. Jetzt haben wir ihn in der Vereinigung beide vollzogen. Einfach war das nicht, aber gut war das und es wird sich auch bewähren.
Klein: Können Sie sagen, was wären für Sie die nächsten ganz notwendigen Schritte, die erforderlich wären, um diesen Vereinigungsprozess in guten Bahnen zu belassen, oder auch in bessere Bahnen zu befördern?
von Weizsäcker: Das eine ist natürlich die immer stärkere Angleichung der Lebensbedingungen, sowohl in einem materiellen Sinn wie auch in Bezug auf die Ausbildungs- und Berufschancen. Es gibt ja immer noch eine zu große Abwanderung von vielen jungen Menschen aus den östlichen Bundesländern. Im Übrigen aber ist, was unsere außenpolitische und europapolitische Position anbetrifft, die Einheit ja auch wirklich da und je besser wir ihr innenpolitisch auch zuarbeiten, desto besser ist es.
Zugleich ist es natürlich aber auch so, dass die Westdeutschen einerseits sich gefreut haben über die Vereinigung, andererseits aber dann einfach ihren Lebensweg weiter verfolgt haben. Es ist auch ganz gut, wenn sie sich wirklich neugierig umsehen in den östlichen Bundesländern. Schließlich ist ja die deutsche Nation nicht am Rhein und nicht im Isarwinkel entstanden, sondern in Magdeburg und in Sachsen-Anhalt, und dort ist es nicht nur historisch interessant, sondern landschaftlich schön.
Klein: Bundespräsident a. D. Richard von Weizsäcker im Gespräch mit dem Deutschlandfunk.
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