Die Bahn spare an der Wartung, sagt der Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Bundestag, Winfried Hermann. Auch Ersatzzüge und Personal würden aus Kostengründen knapp gehalten, was besonders im Winter fatale Folgen für die Kunden hätte. Bei solchen offenkundigen Fehlern müsse der Bund als Eigentümer eingreifen, forderte der Grünen-Politiker.
Bettina Klein: "Wir haben Winter und kein Schneechaos!" Das sagt sich leicht aus dem warmen Büro heraus, weniger leicht, wenn man frierend auf dem Bahnsteig steht, auf Informationen über einen möglichen Ersatzzug wartet und sich fragt, muss das so sein, oder ginge es vielleicht auch anders. Haben wir Wetterunbilden und alle Folgen klaglos hinzunehmen, oder gab es etwas zu kritisieren in den vergangenen Tagen und Wochen, zum Beispiel am Krisenmanagement und der Informationspolitik, sprich am Umgang mit Kunden etwa bei der Deutschen Bahn? Nach Ansicht von Bahnchef Grube selbst hat die Deutsche Bahn vor allem Grund zu Eigenlob. Er äußerte sich gestern.
O-Ton Rüdiger Grube: Am letzten Wochenende, da sage ich mal, sind wir im Vergleich zu anderen Verkehrsträgern sehr gut weggekommen. Wenn Sie mal aufzählen, wie häufig die Bahn oder das Flugzeug genannt worden ist, also wir haben zum Beispiel keine 100 ICEs absagen müssen, wie beispielsweise der Frankfurter Flughafen, wo 100 Flüge allein gestern ausgefallen sind.
Klein: So weit also Bahnchef Grube gestern. - Selbstlob und Hinweggehen über jede Kritik zählt in den Augen mancher ja als das Erfolgsgeheimnis schlechthin. Ist dieses Eigenlob bei der Bahn berechtigt und gibt es Grund für uns, uns zu beklagen über öffentliches Krisenmanagement im öffentlichen Verkehr? Ein Thema jetzt im Gespräch mit Winfried Hermann, von den Grünen im Deutschen Bundestag. Er ist dort Vorsitzender des Verkehrsausschusses. Schönen guten Morgen!
Winfried Hermann: Guten Morgen, Frau Klein.
Klein: Beginnen wir damit: Ist das Eigenlob von Herrn Grube aus Ihrer Sicht gerechtfertigt?
Hermann: Ich kann es nachvollziehen. Wahrscheinlich hat er Angst gehabt, dass es noch schlimmer kommt. Aber es ist, glaube ich, kein Grund dazu, zu sagen, nur weil andere noch schlechter sind - ich meine, Flugzeuge sind von anderen Bedingungen abhängig wie etwa der Schienenverkehr -, sollte man nicht gleich sagen, alles ist gut gegangen. Auch ich sehe immer wieder, welche Schwierigkeiten und Probleme die Bahn hat. Wenn man in Berlin S-Bahn fährt, dann kann man nur sagen, da ist seit Monaten ein Riesenproblem und das verschärft sich jetzt in Winterzeiten in besonderer Weise.
Klein: Wohl wahr. - Lassen Sie uns noch einen Augenblick bei der Situation im Bundesgebiet bleiben. Wo erkennen Sie konkrete Versäumnisse beim Unternehmen Deutsche Bahn?
Hermann: Ich glaube insgesamt, dass man in den letzten Jahren zu sehr auf betriebswirtschaftliche Rentabilität geachtet hat und alles, was sozusagen etwas überschüssig, überflüssig war, beseitigt hat. Man hat von der Wartung gekürzt, man hat natürlich auch bei den Ersatzzügen im Sinne von "man hat weder Personal, noch Fahrgerät in Reserve gehalten" gekürzt, weil man das alles aus Kostengründen möglichst knapp gehalten hat. Das ist gerade bei der S-Bahn extrem gewesen. Und dann ist natürlich in einer Wintersituation, wo eine verstärkte Belastung auf das System Eisenbahn zukommt, schnell mal ein großes Problem da. Wenn eine Weiche eben nicht gut gewartet war oder ist, dann fällt die halt mal aus, und wenn sie ausfällt, dann gibt es ziemliche Probleme im System. Da glaube ich schon, auch wenn wir uns auf Winter einstellen müssen - da gebe ich Herrn Grube vollkommen Recht -, wir können nicht so tun, als könnten wir mit Technik komplett die Unbillen des Winters irgendwie vermeiden. Aber man kann sich natürlich auch als System auf Winter einstellen und sich gut vorbereiten, präparieren.
Klein: Herr Hermann, so viel zu den Klagen. Die waren ja laut zu hören, auch in den vergangenen Tagen. - Der Bund ist noch Eigentümer der Bahn. Ins operative Geschäft bei den Winterverhältnissen wolle man sich nicht einmischen, hört man. Es läuft darauf hinaus: Wir können klagen, aber wir müssen es hinnehmen?
Hermann: Nein, das sehe ich nicht so. Das ist eine Dauerausrede vieler Politiker, die ich nicht akzeptiere. Wir sind 100 Prozent Eigentümer als Bund und jeder andere Eigentümer - und hätte er nur fünf Prozent - würde, wenn ein Konzern große offenkundige Fehler macht, sagen, so kann es nicht weitergehen, und da würde kein Mensch sich auf Aktienrecht zurückziehen. Wir als Bund haben nicht nur Eigentümerverantwortung, sondern wir haben auch eine klare Verpflichtung durch das Grundgesetz, dass Schienenverkehr eben gemeinwohlorientiert betrieben werden muss.
Das heißt für mich, dass wir schon auch solche Sachen ansprechen. Übrigens haben wir den Bahnchef Grube im Verkehrsausschuss gleich im Februar in einer der nächsten Sitzungen und da werden mit Sicherheit solche Fragen angesprochen werden und wir werden uns da nicht zurückhalten und auch nachfragen, ist die Bahn genügend auf Winter vorbereitet, müssen nicht mehr Reserven da sein, muss nicht Schluss sein mit der totalen Renditeorientierung und Börsenorientierung. Das war die falsche Politik der vergangenen Jahre der Politik und der Bahn und die hat natürlich fatale Konsequenzen im Winter, wo sozusagen sehr schnell Schwachstellen sichtbar werden.
Klein: Ansprechen, sagen Sie. Darüber hinaus können Sie nichts tun?
Hermann: Na ja, direkt ins operative Geschäft einmischen, das ist in der Tat der Politik durch die jetzige Konstruktion nicht ohne Weiteres möglich. Aber man kann natürlich den Verantwortlichen, die man ja bestellt über den Aufsichtsrat, schon auch deutlich sagen, was man erwartet. Aber sicherlich muss die Politik auch ihrerseits sich korrigieren. Wer von der Bahn erwartet, dass sie börsenreif ist, braucht sich nicht wundern, wenn sie streng betriebswirtschaftlich kalkuliert und alles Überflüssige wegstreicht. Wenn die Politik da eine neue Orientierung vorgibt, kann natürlich eine neue Bahnführung auch anders agieren.
Ich würde aber gerne auch noch etwas ansprechen, was eine Schwachstelle im öffentlichen Verkehrssystem insgesamt ist und was in Winterzeiten und bei Schnee dann so sichtbar wird. Wir haben perfekte individuelle Informationssysteme über Handys. Da kann jeder mit seinem kleinen Handy, mit einem mobilen Computer alle möglichen Informationen abrufen. Aber das öffentliche Verkehrssystem hat bescheidene Ansätze der Kommunikation. Die gab es schon vor Jahrzehnten, dass mal eine Anzeige ist, dass mal eine Durchsage gemacht wird. Aber man könnte natürlich Menschen viel präziser an den Haltestellen informieren, der Zug hat Verspätung, nehmen sie den, rechnen sie mit einer Wartezeit, oder dass man so frühzeitig informiert, sodass man nicht in die falsche Richtung läuft.
Klein: Und genau da hat es ja auch gehapert in den vergangenen Tagen und Wochen, gerade über die Wochen der Feiertage. Die Bahn packt es einfach nicht. Das war eine über die Weihnachtsferien oft gehörte Klage von Reisenden auf den Bahnsteigen. Es beginnt ja mit so simplen Dingen wie, die Informationen über Lautsprecher sind teilweise nicht zu verstehen. Weshalb klappt das nicht? Wäre da wirklich so viel Geld, so viel Investition notwendig, um das zu verbessern?
Hermann: Ich glaube nicht, dass das wirklich so viel Geld kostet, aber es wird auch nicht kostenlos gehen. Ich glaube zum Beispiel, dass wir das Training der Lautsprecheransagen verbessern müssten. Ich glaube, dass wir überhaupt mehr Informationstafeln brauchen, elektronische Tafeln brauchen an verschiedenen Stellen, nicht nur an einer zentralen Stelle in einem Bahnhof. Ich glaube, in solchen Zeiten, wo offenkundig ab und zu ein Zug ausfällt, dann braucht man mehr Personal auf den Bahnhöfen und Haltestellen, die den Menschen direkt weiterhelfen. Alles gibt es. Es ist nicht so, dass es das gar nicht gibt, aber es gibt es insgesamt zu wenig und ich finde, dass insgesamt die Fahrgastinformation sowieso nicht besonders gut ist im öffentlichen Verkehr und auch nicht mehr auf dem Stand der Technik der Zeit in den allermeisten öffentlichen Verkehrsmitteln, und im Schnee und im Winter wird das besonders schmerzlich festzustellen sein, weil man eben dort gerade mehr Informationen bräuchte, schnelle Informationen, flexible Informationen. Es hilft ja nichts, wenn man sagt, rechnen sie mit Verspätungen.
Klein: Also Versäumnisse auch der Deutschen Bahn werden angesprochen, die auch im Winter nicht unbedingt sein müssten. - Das waren die Einschätzungen von Winfried Hermann von Bündnis 90/Die Grünen, Vorsitzender des Verkehrsausschusses im Deutschen Bundestag. Ich bedanke mich für das Gespräch, Herr Hermann.
Hermann: Danke auch. Einen schönen Tag noch.