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15.06.2013 · 06:50 Uhr
Besitzen wir das Eigentum oder besitzt das Eigentum uns?, fragt Paul Plampers Hörspiel. (Bild: Deutschlandradio - Daniela Kurz) Besitzen wir das Eigentum oder besitzt das Eigentum uns?, fragt Paul Plampers Hörspiel. (Bild: Deutschlandradio - Daniela Kurz)

"Wohnen wird immer mehr eine Klassenfrage"

Der Autor Paul Plamper über sein Hörspielprojekt "Der Kauf"

Paul Plamper im Gespräch mit Jürgen Zurheide

Die Situation auf dem Wohnungsmarkt habe ihm sein Projekt gleichsam aufgedrängt, sagt der Berliner Autor Paul Plamper über sein Hörspiel-, Theater- und Performanceprojekt "Der Kauf". Das preisgekrönte Stück lädt zur Reflexion über das Bauen, Wohnen und Besitzen ein.

Jürgen Zurheide: Ein bisschen Eigenwerbung darf auch mal sein hier bei uns im Deutschlandfunk: Heute um 20:05 Uhr läuft ein Hörspiel, es ist genau genommen das "Hörspiel des Monats" und es ist preisgekrönt, schon bevor es gelaufen ist, weil es ganz besonders ist. "Der Kauf" heißt es, "Kann man Glück bauen?", "Besitzen wir das Eigentum oder besitzt das Eigentum möglicherweise uns?", das alles mit Fragezeichen. Da könnten wir mitten in Berlin sein zum Beispiel, da geht es um Bauen, da geht es um Wohnen, da geht es um Kauf, da geht es um Liebe und da geht es auch natürlich darum, was sonst das Leben so ausmacht. Das Ganze ist ein Stück von Paul Plamper, das ist der Autor zu diesem Hörspielprojekt, was mehr ist als dieses Hörspiel. Und über all das wollen wir reden und dazu begrüße ich den Autor Paul Plamper. Guten Morgen!

Paul Plamper: Hallo aus Berlin!

Zurheide: Herr Plamper, sagen Sie zunächst mal: Die Idee zu diesem Hörspiel "Der Kauf. Kann man Glück bauen? Besitzen wir das Eigentum oder besitzt das Eigentum uns?", woher stammt diese Idee und was ist das für eine?

Plamper: Die Idee stammt zum einen vom zugegebenermaßen neidischen Hochgucken zu bestimmten Traumimmobilien, so Dachgeschosswohnungen, in denen ich leider nicht wohne, und zum anderen von Spaziergängen auf Stadtbrachen, die mich sehr interessieren. Also, ich halte mich da gerne auf, auf so leeren, eigentlich ja noch frei wirkenden Flächen im Stadtraum, und habe mir dann überlegt sozusagen, dass man ein Hörspiel machen könnte, das eben dieses Thema hat und das man wie so eine Art gedankliches Zelt auf einer Stadtbrache auffalten kann, um sich darauf eine Geschichte um einen Immobilienkauf vorzustellen, die in der Zukunft dieses Terrains spielt. Also die im Jahr 2030 in einem Viertel spielt, das auf dieser Stadtbrache noch errichtet werden könnte. Ja, also, Brachen interessieren mich generell, weil die mir auch so ein bisschen die Frage nach den Eigentumsverhältnissen nahelegen, da hat noch niemand sein Claim abgesteckt, da hat noch niemand einen Zaun hochgezogen. Man denkt, das wäre ein Freiraum, gleichzeitig geht man drüber und vielleicht stellen sich viele Leute, die sich gerne in so leeren Häusern oder auf Brachen aufhalten, dann trotzdem aber auch die Frage, hm, es ist ja eigentlich jetzt gerade meins! Es gehört niemand, also ist es im Moment, wo ich drüber spaziere, nur meins!

Zurheide: Sie haben diese Idee dann gebaut, ohne jetzt zu viel vorwegzunehmen: Zwei Familien, die beide konkurrieren, und die Frage … Ist das Kernthema das, was ja auch politisch diskutiert wird, explodierende Mieten, explodierende Preise, Sie haben das gerade angedeutet, in Berlin und in vielen anderen großen Städten ist das so, oder ist es das Psychogramm dieser beiden gutbürgerlichen Mittelstandsfamilien, denen es eher gut geht, wohlhabend sind, die mit einem Mal zu erbitterten Feinden, Gegnern, Fragezeichen werden?

Plamper: Also, es ist beides. Die Situation auf dem Immobilienmarkt drängte mir das Projekt auch gewissermaßen auf. Also, die letzten Filetstücke wechseln hier in Berlin gerade zu horrenden Preisen den Besitzer und die Lücken schließen sich, es wird immer dichter und schwieriger und auch immer mehr eine Klassenfrage, an eine gute Wohnung zu kommen. Und zum anderen interessieren mich natürlich auch Figuren, oder ich schreibe gerne Figuren, die mit mir zu tun haben, also mit meiner Generation. Ich bin jetzt 41, werde langsam mit so Themen wie "Sollte man sich mal von halb ausgepackten Koffern und immer ja eigentlich mit einem Bein schon wieder weg sein, vielleicht doch irgendwo niederlassen und ein Zuhause suchen, wie sähe das denn dann aus", und in meinem Fall ist es so, dass ich sehr gerne eine Immobilie besitzen würde, weil die Mieten so unglaublich teuer werden, dass ich einfach keine Lust habe, eine Wuchermiete jemand anders in den Rachen zu werfen. Da gibt es, glaube ich, in meinem Umfeld, also, ich würde sagen, so Mittelstand, gibt es ziemlich viele Leute, die diesen Gedanken haben. Die kaufen, um nicht Wuchermieten zahlen zu müssen.

Zurheide: Ihre Idee geht ja ein Stück weiter, Sie haben dieses Hörspiel, was wir bei uns senden, und dann wird es noch mit Theatermachern auch aufgeführt, auf der Volksbühne, und gleichzeitig kann man es auf einer Brache hören. Was ist das?

Plamper: Ja, also, wie gesagt, das ist eine Art Einladung, sich etwas auf so einer Leerstelle im Stadtraum vorzustellen, das Hörspiel. Und man kann jetzt gerne, während man die Sendung im Deutschlandfunk hört, mit dem Taschenradio auf eine Brache gehen und es dort hören, man kann es aber auch wunderbar zu Hause im Sofa oder sonst wo, auf dem Balkon hören. Oder eben zu einer dieser Brachenaktionen, dieses Wochenende ist die letzte, auf einer Brache in Treptow bei der Arena neben den Twin Towers erleben. Und da ist es so, dass ich eben auch eine spezielle Version geschaffen habe, die wirklich Bezug auf diesen Ort nimmt. Also, man hat immer wieder aus dem Hörspiel heraus Bezüge auf das, was man sieht. Und das Hörspiel, das mit Kunstkopfstereophonie aufgenommen ist, also ein unglaublich räumliches Klangbild ermöglicht, das schafft einem an diesem Ort in so einer Art Installation aus Schildern, die ich gemacht habe, glaube ich, ein ganz besonderes Erlebnis.

Zurheide: Und das Ganze werden Sie dann noch in anderen Städten fortsetzen?

Plamper: Genau. Wir waren jetzt in Köln, München ist leider ins Hochwasser gefallen, das fiel aus, versuchen wir nachzuholen, und jetzt kommt eben Berlin. Und wir wollen gerne kommenden Sommer dann eine Tour machen, eine Deutschlandtour.

Zurheide: Das war und das ist der Autor Paul Plamper, mit dem ich kurz vor der Sendung gesprochen habe. Das Hörspiel, "Der Kauf", heute um 20:05 Uhr im Deutschlandfunk.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.