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07.01.2004
Die zukünftige Elite (Bild: AP) Die zukünftige Elite (Bild: AP)

Spitzen-Fachbereiche statt Elite-Universitäten

Interview mit dem Hochschulexperten Professor Ludwig Huber

Hans-Joachim Wiese: Am Telefon begrüße ich jetzt den Erziehungswissenschaftler Ludwig Huber. Er ist ehemaliger Leiter des Oberstufenkollegs der Universität Bielefeld und des Hochschuldidaktischen Instituts Hamburg. Herr Huber, was halten Sie von dieser Forderung, Eliteuniversitäten nach amerikanischem Vorbild auch in Deutschland einzuführen?

Ludwig Huber: Na ja, das reizt einen im Augenblick für Spottversen: Holterdipolter hopsasa, schon sind Spitzenunis da, hurra, hurra, so könnte man es ja sagen. Wenn man auf diese amerikanischen Spitzenhochschulen guckt, von denen eben im Kommentar ja die Rede war, und dann denkt, man wolle zehn oder zwölf davon in Deutschland gründen, irrt man sich gründlich über den gesamten Kontext, aus dem diese Spitzenunis herausgewachsen sind. Die zehn oder zwölf, von denen man in der Welt spricht, ruhen in einem Meer von an die 3.000 Hochschulinstitutionen. Wenn man darüber nachdenkt, wie man in Deutschland Spitzenforschung fördern oder Spitzenleute züchten will - das sind ja auch noch zwei verschiedene Aspekte der Elite -, müsste man noch viel stärker an die Bedingungen hier in unserem Kontext denken.

Wiese: Sind denn im Rahmen dieses Kontextes, wie Sie ihn gerade angesprochen haben, solche Eliteuniversitäten überhaupt möglich?

Huber: Auf keinen Fall kann man sie einfach gründen, wie es in den anfänglichen Überlegungen der SPD hieß. Die Sache hat sich nun verändert, sie sollen sich entwickeln können, und das ist ja vollkommen richtig. Wenn überhaupt sich Spitzeninstitutionen herausbilden können sollen, dann müssen sie sich in einem Wettbewerb herausprägen können, und wer dergleichen haben will, muss - und das wäre auch sehr zu wünschen - dort gießen und düngen, wo sich Keime zeigen.

Wiese: Aber das Gegenteil geschieht doch. Es wird doch gerade im Hochschulbereich auch massiv gekürzt.

Huber: Genau. Es wird letztlich die ganze Zeit gespart, und dann soll plötzlich an einzelnen Stellen offenbar mehr getan werden. Das müsste sich ja aber knüpfen an positive Entwicklungen, Initiativen, Ansätze, die sich hier oder da zeigen, und das Resultat wäre nach aller deutschen Tradition und bisherigen Bedingungen eigentlich nicht die Spitzenuni, sondern Spitzenfachbereiche an verschiedenen Unis, so dass wie bisher bei uns die einzelnen Unis in jenen und andere Unis in diesen Bereichen stark sind, was es erlaubt, an tatsächliche Potentiale anzuknüpfen, und ausstrahlt auf die anderen Bereiche der betreffenden Universitäten.

Wiese: So etwas gibt es ja schon.

Huber: Das gibt es. Das geschieht zum Teil durch die Verknüpfung von Fakultäten mit Max-Planck-Instituten oder anderen Forschungsinstituten, die man bei dieser Gelegenheit nicht vergessen darf, durch Bildung von besonderen Schwerpunkten.

Wiese: Also wäre es Ihrer Meinung nach sinnvoller, solche Konkurrenz unter Fakultäten zu fördern, als jetzt solche Eliteuniversitäten zu gründen?

Huber: Ja, unbedingt, jedenfalls was die Förderung von Spitzenforschung betrifft. Wenn man an solchen Fakultäten auch die Möglichkeiten der Selbststeuerung, der Bestimmung und Rekrutierung von guten Nachwuchsleuten verbessert, dann tut man mehr für die Spitzenforschung als wenn man per Etikettierung, oder wie soll das gehen, einzelne Universitäten zu Spitzenunis erklärt und darauf Mittel konzentriert.

Wiese: Mein Kollege Hans-Peter Riese aus Washington hat ja eben auch schon einen Pferdefuß des amerikanischen Systems genannt. Da gibt es zwar Spitzenuniversitäten, aber die breiten Universitäten, die Breitenbildung, da, sagte er, sei Amerika ein Entwicklungsland. Da ist das Verhältnis hier in Deutschland offensichtlich besser.

Huber: Ja, aber wenn wir so weitermachen wie jetzt gerade angedeutet, werden wir in die gleiche Lage kommen. Also in Deutschland, das haben ja gerade die Untersuchungen der OECD wieder gezeigt, hapert es auch mit der Förderung der Breite, jedenfalls des Zugangs zur Hochschule. Wir haben nur 30 Prozent des Altersjahrgangs, die studieren. Das ist in OECD-Nachbarländern ungefähr um die Hälfte mehr. An der Stelle müsste es ja ansetzen, und wenn man jetzt neben Förderung der Spitzenforschung an Förderung der Spitzenleute denkt - ich hoffe, dass eine intellektuelle und wissenschaftliche Elite gemeint ist und nicht eine soziale -, dann müsste man sich über die großzügige Förderung durch Stipendien von jungen Leuten, die studieren wollen und dazu das Zeug mitbringen, unterhalten. Es wäre eine Möglichkeiten, Unis zu belohnen, die gut sind, oder Hochschulen, die gut sind, wenn man ihnen solche Stipendien zur Verfügung stellt.

Wiese: Sind denn solche Eliten, eine Elitenbildung Ihrer Meinung nach überhaupt wünschenswert? Elite, das hat ja so ein bisschen einen anrüchigen Geschmack.

Huber: Das ist sehr wünschenswert, wenn diese besonders tüchtigen, intelligenten und engagierten Leute eingebettet bleiben in der Kooperation, das Diskutieren und Arbeiten mit anderen Menschen dieser Gesellschaft.

Wiese: Also keine abgehobene Elite im Sinne von abgeschlossen.

Huber: Also gerade nicht einzelne als solche etikettierte Elitehochschulen. Paradebeispiele wären die französischen Grandes Ecoles, an die man hier denken kann, von denen man, soziologisch betrachtet, schon lange sagen kann, dass sie eine kleine Kameraderie von abgesonderten Spitzenleuten hervorbringen, bei denen dann die Beziehungen untereinander und ein Eingeschworensein auf ganz bestimmte Traditionen eine größere Rolle spielen als die wirkliche Tüchtigkeit.

Wiese: Sie haben eben eine bessere Finanzausstattung für deutsche Universitäten auch gefordert. Es heißt ja immer, Konkurrenz fördere das Geschäft. An den deutschen Hochschulen regiert doch aber, insgesamt gesehen, eher das Mittelmaß, gerade dadurch, dass sie eben jedem offen stehen. Sollte man nicht in gewisser Weise von dieser egalitär strukturierten Hochschulorganisation Abschied nehmen?

Huber: Also ich würde nicht unterschreiben, dass da insgesamt Mittelmaß herrscht. Es gibt doch schon ausgesprochene Profile, und in den Spitzen sind diese Institutionen auch durchaus wettbewerbsfähig, auch international. Es ist nicht insgesamt Mittelmaß. Aber richtig ist sehr wohl - dem würde ich auch zustimmen -, dass man eher den Fachbereichen als den Hochschulen die Möglichkeit geben sollte, Studierende auszuwählen, wenn sich ein großer Andrang erst mal hergestellt hat zu Fakultäten, die attraktiv sind, um so eine besondere Gruppe herauszubilden.

Wiese: Vielen Dank für das Gespräch.


 
 

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