Friedbert Meurer: Die Deutschen nehmen erheblichen Anteil an der Katastrophe in Asien, die Hilfsorganisationen melden jedenfalls Rekordspenden. In Mainz begrüße ich nun am Telefon Karl Kardinal Lehmann, den Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz. Guten Morgen.
Karl Kardinal Lehmann: Guten Morgen, Herr Meurer.
Meurer: Wie schrecklich empfinden Sie dieses ganze Ausmaß der Katastrophe?
Lehmann: Niemand hat wohl von uns an so etwas mehr gedacht, und es ist nicht zufällig, dass immer wieder in den Berichten Begriffe vorkommen wie "biblisches Ausmaß", "apokalyptische Katastrophe". Ich kann das auch gar nicht mehr steigern.
Meurer: Erleben wir hier sozusagen die Wiederkehr des Alten Testaments?
Lehmann: Wir hatten in der Geschichte immer wieder ungeheure Katastrophen. Wir wissen aus früheren Zeiten natürlich nicht viel davon, aber denken wir an das Erdbeben in Lissabon 1755, wo zwei Drittel der Stadt, über 30.000 Leute tot waren. Das geht ja weiter bis zum Abwurf der Atombomben 1945 mit 88 Toten, aber auch der Bombenangriff auf Dresden mit 35.000 identifizierten Toten - da spürt man schon, dass der Mensch schon immer viel mehr verwundbarer war, als wir heute vielleicht aufgrund unserer technischen Möglichkeiten denken.
Meurer: Es hat in der ganz jungen Vergangenheit, nämlich 1991, eine Flutkatastrophe in Bangladesh gegeben. Bei der soll es damals auch schon über 100.000 Tote gegeben haben. Haben wir damals weggeschaut, weil keine deutschen Touristen betroffen waren?
Lehmann: Das ist durchaus möglich, außerdem hat sich natürlich seither die Kommunikationsmöglichkeit auch mit so armen Ländern wie damals Bangladesh erhöht, da ist glaube ich auch durch die Kommunikationsmöglichkeit die Sensibilität, vielleicht zunächst auch nur die Neugierde erheblich gestiegen. Insofern werden wir sehr viel stärker mit hinein genommen.
Meurer: Wie viel Anteil dürfen wir nehmen am Schicksal der Touristen im Vergleich zu der weitaus höheren Anzahl der Opfer der einheimischen Menschen?
Lehmann: Auf keinen Fall kann man hier die Menschen irgendwie unterteilen in verschiedene Sorten und Klassen von Opfern. Es ist verständlich, dass wir auf die 1000 noch vermissten Deutschen schauen, wir werden da wahrscheinlich auch noch viel Trauer und Enttäuschungen erleben in den nächsten Tagen und Wochen. Ich glaube, die Menschheit ist hier in einer Weise als ganze angesprochen, dass viele Unterschiede von arm und reich und der Religion sofort verblassen.
Meurer: Sind sich erste und dritte Welt sozusagen näher gekommen durch diese Katastrophe?
Lehmann: Zunächst muss man einmal sagen, dass wir ja an eine ökonomische Globalisierung uns fast schon gewöhnt hatten, aber es zeigt sich jetzt, dass es einer Erweiterung bedarf, dass es wirklich auch um eine soziale Globalisierung gehen muss. Wenn das die Nebenfrucht der Katastrophe wäre, dann könnte man hoffen, dass auch in der Menschheit ein neues Denken sozusagen beginnen könnte. Es gibt gute und viele Anzeichen dafür. Das einzige, was uns treibt, ist ohnehin nur, zu helfen.
Meurer: Was stellen Sie sich unter sozialer Globalisierung vor?
Lehmann: Dass die Sorgen und Nöte der Menschen von dort viel mehr uns selbst anspornen und inspirieren, im Blick auf wirklich universale Hilfe, auch Patenschaften, Partnerschaften nicht nur im Moment der Katastrophe und für einige Wochen später, sondern dass da auch eine nachhaltige Hilfe möglich wird und dass wir von da aus dann wirklich weltweit denken, nicht nur gelegentlich unser Almosen geben.
Meurer: Wie groß ist die Gefahr, dass diese nachhaltige Hilfe doch etwas nachlassen wird, wenn die Erinnerungen und die Gefühle verblassen?
Lehmann: Damit muss man rechnen, ganz nüchtern, aber es gibt ja durchaus Ereignisse, die ein Stück weit die Menschen zu anderen Einstellungen bringen, auch wenn das nicht so schnell geschieht. Ich denke, der 11. September 2001 hat auch ein Stück weit die Einstellungen der Menschen verändert, und so etwas möchte ich nicht ausschließen.
Meurer: Wie müssen die wohlhabenden Länder jetzt helfen? Mit Schuldenerlass, einer internationalen Geberkonferenz?
Lehmann: Eine Geberkonferenz mit der Einrichtung von festen Patenschaften und Partnerschaften für die Länder über den Tag hinaus. Ich glaube aber, dass es vor allem auch notwendig ist, dass wir die Konzeption der Entwicklungshilfe für diese Länder überdenken, ob eben der Küstenschutz und Frühwarnsysteme und so fort nicht auch zusammen mit einer anderen Siedlungspolitik besonders auch für die Armen künftig noch stärker zum Programm der Hilfe gehören.
Meurer: Sollte der Westen also konkret die Kosten tragen für den Aufbau eines Warnsystems?
Lehmann: Die Länder können sich auf gar keinen Fall selbst aus dieser furchtbaren Katastrophe irgendwie herausziehen. Das geht nur durch eine riesige weltweite Solidarität.
Meurer: Was können die Kirchen selbst tun?
Lehmann: Wir tun das, was alle anderen Organisationen der Not- und Katastrophenhilfe tun, und ich bin ganz froh, dass zwischen diesen verschiedenen Organisationen, wo es sonst ja eher auch mal zu Konkurrenzdenken kommt, ein Aktionsbündnis besteht und dass wir von daher eben ganz in der Reihe der Hilfeleistenden sind. Wir haben dabei auch noch den Vorteil, dass wir die sicher etwas kümmerlicheren Organisationen der Kirchen dort vor Ort, sofern sie noch funktionieren, mit in Anspruch nehmen können zur Verteilung.
Meurer: Manche sind unsicher, sie wollen helfen, wissen aber nicht, ob die Spenden ankommen, wem sie Spenden sollen. Was raten Sie?
Lehmann: Ich glaube, dass in dieser Situation diese Sorge wirklich weniger begründet ist. Es sind alle doch irgendwo auch im Tiefsten angerührt, sodass man wirklich von einer gerechten, soliden und schnellen Hilfe ausgehen darf.
Meurer: Was hören Sie über die Stimmung unter den Gläubigen und in den Gemeinden und Kirchen, wie reagieren sie jetzt?
Lehmann: Es liegt mir ein Bericht vor von den deutschen Seelsorgern in fünf bis sechs Ländern, die natürlich Opfer überall, in allen Bereichen, auch in unseren kleinen Gemeinden, beklagen und die unaufhörlich Hilfe leisten. Es gibt ja sehr viele Menschen, zu denen noch nicht die geringste Hilfe vorgedrungen ist, und da hat man vielleicht vor Ort noch etwas größere Schäden.
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